| | |

Von der Schwarm-Dummheit beim Reisen

Es gibt diesen einen Strand irgendwo im Süden, dessen Koordinaten schon fest eingeprägt sind auf hunderttausenden iPhones. Seit Instagram-Reels und TikTok-Clips diesen Ort als „must-see“ ausgespielt haben, sieht man dort jeden Tag Dutzende Reisegruppen Schulter an Schulter, während nur einen Steinwurf weiter ein genauso schöner, vielleicht noch schönerer Abschnitt menschenleer und verträumt vor sich hin wartet. Was genau ist da passiert?

Kennt keine Sau: Tempel bei tuy hoa

Wer sich auf Social Media zu einem bestimmten Reiseziel informieren will, wird schnell feststellen, besonders groß ist dieses Reiseziel offenbar nicht. Es gibt ein paar ganz bestimmte Punkte, die dazugehören und die offensichtlich zwingend abgearbeitet werden müssen. Ein, zwei Strände, ein paar bestimmte Restaurants, ein paar Sehenswürdigkeiten und das war es. Auf Instagram findet man die ewig gleichen Fotos, auf TikTok die ewig gleichen Reels mit den gleichen Empfehlungen für die gleichen Lokale mit den gleichen Gerichten. Ja, da möchte man doch unbedingt dabei sein, oder? Also ich nicht. Ich empfinde diese Art zu reisen als eine Form von besonderer Schwarm-Doofheit. Ich brauche nicht das Foto, dass jeder hat, um zu beweisen, dass ich den geilen Urlaub gehabt habe.

Strand in phu coc Vietnam

Weil ein Restaurant, in das alle wollen, erfahrungsgemäß schnell nachlässt mit der Qualität. Weil ein Hotel, dass alle besuchen wollen, meist ausgebucht ist und besonders teuer wird. Weil ein Strand, auf dem sich hunderte von Leuten tummeln, manchmal sogar tausende, eben nicht der Strand ist, den ich als besonders toll empfinde.

Ich hatte auf einer Reisemesse neulich ein Gespräch mit einem recht verzweifelten Tourismusdirektor einer griechischen Insel, der meinte: „Ein Strand auf unserer Insel ist vor einiger Zeit von Time out zu einem der besten Strände der Welt gewählt worden. Das war er auch mal, der Strand ist wirklich schön. Aber jetzt sind dort jeden Tag ein paar 1000 Leute, manche stehen sogar an, diesen Strand zu besuchen. Der Zauber ist weg. Die Ironie: ein Strand, vielleicht 1 km vom anderen entfernt, ist fast genauso schön. Und komplett leer. Sind die Leute eigentlich verrückt?“

Ich hatte meinen Aha-Moment in Khanom. Das ist die Festland Seite gegenüber von Ko Samui in Thailand. Während sich die Leute in Ko Samui am Strand stapeln, hatten wir sage und schreibe 10 km Strand für uns alleine. Das gleiche Meer, alles genauso schön. Aber eben ohne Touristen. Wir hatten eine fantastische Zeit dort.

Ja, das ist der Strand gegenüber von kho Samui

Woher kommt dieses Bedürfnis, immer genau dahin zu fahren, wo alle anderen auch hin wollen? Vielleicht war es auch immer schon so, und es ist einfach nur nicht so aufgefallen, weil früher nicht so viele Menschen gereist sind. Die Reise von früher – bei der man noch mit einem zerknitterten Lonely-Planet-Buch loszog, um Neues zu entdecken – hat sich in den letzten Jahren in etwas anderes verwandelt. Heute googeln Menschen zuerst Hashtags, bevor sie überhaupt wissen, in welchem Land das Ziel liegt. Social Media ist zur Primärquelle für Reiseentscheidungen geworden, und die Fotos dort sind der ultimative Maßstab für Attraktivität. 

Ich wage zu behaupten, dass die sozialen Medien verdammt schlechte Ratgeber sind. Da tummeln sich viele Reiseneulinge, die zum ersten Mal eine Fernreise machen und nun stolz denken, dass alles, was sie entdecken, ganz neu und unbekannt ist. Dabei folgen sie auch nur dem Pfad, dem 90 % aller Reisenden folgen. Außerdem halte ich Reisende der Generation Z für ein bisschen unsicher und unselbstständig. Sie sind gewohnt, dass ihnen vorgekaut wird, wo sie hin sollen, was sie essen sollen, und so weiter. Niemand lässt sich im Reisebüro beraten, zu old school vermutlich. Niemand macht sich die Mühe, Reiseführer zu lesen oder auf den Tourismus Webseiten der einzelnen Ziele nach besonderen, vielleicht noch weniger besuchten Tipps Ausschau zu halten. Nein, es muss das sein, was auf Instagram zu sehen ist. Sonst zählt es nicht. Doof.

Nicht den Sonnenuntergang genießen, sondern fotografieren

Phänomen Instagram Tourismus

Forscher bezeichnen das Phänomen sogar schon beim Namen: „Instagram tourism“ – die Welle von Tourist:innen, die Orte nicht unbedingt wegen ihrer Kultur oder Geschichte besuchen, sondern weil sie ein bestimmtes Bild dort machen wollen. Der Begriff beschreibt genau das, was viele Reisende antreibt: Die Reproduktion eines Motivs, das sie zuvor auf Social Media gesehen haben. 

Soziale Netzwerke schaffen einen psychologischen Effekt, der weit über einfache Inspiration hinausgeht. In einer aktuellen Studie wird gezeigt, dass die Bindung an Inhalte, die man auf Social Media sieht (etwa ein bestimmter Blickwinkel, ein bestimmter Felsen am Strand, eine bestimmte Stadtansicht), tatsächlich das Verhalten von Touristen und damit den Reisefluss beeinflusst – was im Fachjargon oft „tourist flow“ genannt wird. 

Kurz gesagt: Die Sehnsucht nach Likes, Shares und dem perfekten Foto kann den Blick auf den eigentlichen Ort verschwimmen lassen.

Was treibt uns dorthin?

Es ist nicht nur pure Neugier. Unsere Entscheidung, wohin wir reisen, hängt oft davon ab, wie stark eine Destination auf Social Media repräsentiert ist – und wie sehr sie visuell „performt“. Man könnte es so zusammenfassen: Die Menschen reisen, um Inhalte zu reproduzieren, nicht unbedingt, um authentische Erfahrungen zu machen. Der soziale Druck – FOMO, Fear of Missing Out – treibt uns dazu, dem digitalen Herdentrieb zu folgen. 

So entsteht eine Art „Schwarm­­dummheit“: Alle fahren denselben Spots hinterher, weil der Algorithmus sie so sichtbar gemacht hat, und weil wir instinktiv glauben, dass dort „die beste Erfahrung“ wartet. Und weil wir alle dasselbe sehen, glauben wir, dass dort jeder hingehen sollte.

Beispiele für überlaufene Hotspots

Ein paar traurige Klassiker dieses Phänomens zeigen, wie stark dieser Effekt sein kann:

Klassiker Salzburg

Hallstatt, Österreich: Ein kleines UNESCO-Dorf, das – ausgelöst durch virale Bilder – zu einem Magnet für Tagestouristen wurde. Hunderte Busse bringen täglich Menschenmassen für kurzer Selfie-Stops, während Wohnraum knapp und teuer wird. 

Zugspitze, Preikestolen & Co.: Naturerlebnisse wie ikonische Felsformationen oder Bergseen sind auf Instagram zu regelrechten Symbolorten geworden, was zu überfüllten Aussichtspunkten und langen Warteschlangen führt. 

Der Eibsee ist ein Touristischer Magnet

Icelandic „Golden Circle“ & Blue Lagoon: Auch hier konzentrieren sich Reisegruppen auf wenige Drehpunkte, nicht zuletzt weil sie in unzähligen TikToks und Instagram-Stories als die „epischsten“ Spots gefeatured werden. 

Dasselbe Muster lässt sich auch bei urbanen Zielen beobachten: Engagierte Reisegruppen mitten in Venedig oder auf den Spanischen Treppen in Rom, die klassischen Postkartenmotive eben, die in jedem zweiten Feed auftauchen. 

Die Konsequenzen für Einheimische und Natur

Das Problem ist nicht nur ein ästhetisches: Überfüllung führt zu echten Belastungen. Infrastruktur bricht zusammen, Lebenshaltungskosten steigen, Natur wird beschädigt und Einheimische verlieren Räume, die ihnen vorher gehörten. Für Touristen selbst wird die Erfahrung oft banal: Statt stiller Schönheit schiebt man sich durch Menschenmengen und wartet auf ein paar Sekunden freier Sicht für das Foto. 

Bumsvolle Cinque Terre

Reise abseits des Schwarmes – Inspiration für Alternativen

Weil nicht jede schöne Ecke plötzlich überrannt werden muss, lohnt sich ein Blick auf Alternativen zu den Megaspots:

Anstelle des überfüllten Preikestolen in Norwegen: Wandere ein Stück weiter in den Lysefjord-Regionen, wo du auch ruhige Aussichtspunkte findest. Statt Hallstatt: Entdecke andere kleine Salzkammergut-Orte wie St. Wolfgang oder Bad Ischl, die ähnlich charmant sind, aber ohne drängelnde Busgruppen. Swap Bali-Viral-Beaches gegen weniger frequentierte Buchten auf Lombok oder die Gilis, die auch Instagram-geeignet, aber deutlich entspannter sind. Oder noch besser: fahr nach Vietnam.

Ein Trend, der gerade auf Social Media selbst entsteht, ist der sogenannte „destination dupes“ – Reisende teilen beinahe identische, aber ruhigere und günstigere Orte, die ähnliche Ästhetik liefern wie überfüllte Klassiker, nur ohne die Massen. 

Das zeigt: Der gleiche Algorithmus, der einst Hotspots pushte, kann auch Alternativen sichtbar machen.

Versteckter Tempel in Hanoi

Fazit

Die Sehnsucht, nicht nur zu reisen, sondern gesehen zu werden beim Reisen, verändert nicht nur, wo wir hingehen, sondern wie wir die Welt erleben. Wir stehen am gleichen Strand, weil wir dort sehen und gesehen werden wollen – nicht immer, weil es der Ort mit der besten Aussicht ist.

Vielleicht liegt die echte Kunst des Reisens heute darin, aus dem Schatten des Schwarmes auszubrechen, dort zu bleiben, wo wenige sind, und Geschichten mitzunehmen, die nicht schon hundertmal gepostet wurden. Denn wirkliche Erfahrungen kann kein Algorithmus ersetzen.

So wird der Urlaub teuer, auch das angepriesene Erlebnis wird nicht so toll wie erwartet – schon allein deswegen, weil der ach so schöne Strand eben randvoll mit anderen Leuten ist – da macht sich Frust breit. Ich möchte nicht anderen Leuten hinterherlaufen. Ich möchte selber meine Welt entdecken, ein Land entdecken, mich auch mal einlassen auf das Unbekannte.

Ähnliche Beiträge

Ein Kommentar

  1. Ein wirklich guter Beitrag zum Thema Schwarm-Dummheit und Reisen. Ich selber reise selten bis gar nicht und sehen bei WhatsApp die Fotos, die der Reisende in seinen Status stellt. Vor zwei Jahren waren mehrere Bekannte in Frankreich unterwegs und teilten am Abend alle dieselben Fotos, aus derselben Perspektive. Bei zweien, hatte ich das Gefühl, sie hätten nebeneinander gestanden. Da sie sich aber nicht kennen, aber beide mich kennen, fand ich es schon lustig.
    Ähnliches empfinde ich übrigens beim Lesen.
    Angesagte Bücher und was ist mit denen, die keine große Lobby haben?

    Liebe Grüße
    Britta

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.