Das ewig leidige Thema: Essen im Zug, essen im Bahnhof
Es ist ein Dienstagmittag, der ICE von München nach Hamburg. Der Zug fährt pünktlich ab – ein kleines Wunder für sich. Doch kaum hat der Zug den Bahnhof verlassen, zieht ein Duft durch den Waggon, der so gar nicht zum entspannten Reisegefühl passen will: Döner mit viel Zwiebel. Oder war es Thunfischpizza? Vielleicht beides. Die Fenster sind geschlossen, die Klimaanlage surrt gleichmütig vor sich hin, und fünf, sechs Stunden liegen noch vor mir, die sich gleich viel länger und viel unangenehmer anfühlen. Krawall kann ich ausblenden, die Augen kann ich schließen. Aber die Nase? Schwierig.
Das Essen im Zug – genauer gesagt: das Essen anderer Menschen im Zug – ist eines jener Reisethemen, über das alle eine Meinung haben, aber kaum jemand offen spricht. Weil: Hunger hat jeder, es ist verständlich, dass man den stillt. Das Essen entspricht der derzeitigen Snackkultur und dem Angebot an den Bahnhöfen. Weswegen also aufregen? Dabei ist es für viele Pendler und Fernreisende längst zum echten Stressfaktor geworden. Auch für mich. Es stinkt mir. Und ich bitte die Leute öfters, die Reste zumindest nach der Mahlzeit zu entsorgen, damit die Zwiebeln nicht noch weitere 5 Stunden miefen. Und ich fühle mich mies dabei.
Wenn der Waggon zur Großküche wird
Das Problem beginnt mit einer einfachen physikalischen Tatsache: Moderne Züge sind hermetisch abgeriegelte Räume. Keine Zugluft, keine frische Brise – die Klimaanlage umwälzt dieselbe Luft, in der sich Knoblauch, Currywurst und aufgewärmte Pasta ungehindert ausbreiten können. Was im Freien nach wenigen Sekunden verweht, hängt im Zug noch Stunden später in der Luft.
Besonders intensiv erleben dies Reisende in der zweiten Klasse, wo Sitzabstände eng und der Luftaustausch begrenzt ist. Wer sich direkt neben jemandem mit einer dampfenden Mahlzeit wiederfindet, hat schlicht Pech gehabt. Eine Umfrage des Deutschen Reiseverbands ergab, dass Geruchsbelästigung durch Mitreisende zu den häufigsten Beschwerden im Fernverkehr gehört – noch vor Lärm und Platzmangel.
Dabei ist es nicht immer mangelndes Taktgefühl. Viele Reisende sind schlicht auf eine warme Mahlzeit angewiesen – sei es aus zeitlichen oder wirtschaftlichen Gründen. Die Lösung liegt also nicht in moralischer Ächtung, sondern in besseren Strukturen.

🍽️ Das Bordbistro: Besser als sein Ruf – aber weit entfernt vom Ideal
Die Deutsche Bahn hat in den vergangenen Jahren am Bordbistro-Angebot geschraubt. Pflanzliche Optionen sind hinzugekommen, regionale Produkte finden sich vereinzelt im Sortiment, und der einst gefürchtete Pappbecher-Kaffee hat spürbar an Qualität gewonnen. Das ist anzuerkennen. Das DB Bordrestaurant ist besser als sein Ruf, und ich würde mich freuen, wenn es sein Angebot, das mittlerweile nicht teurer ist als die Angebote am Bahnhof, besser promoten würde. Damit mehr Hungrige dorthin gehen
Und dennoch: Wer einmal in einem italienischen Bordzug eine frische Pasta oder in einem französischen TGV ein ordentliches Baguette mit Comté gegessen hat, weiß, wie groß der Abstand noch ist. Auch die Österreicher punkten mit Wiener Schnitzel und Apfelstrudel.
Die Kritikpunkte sind bekannt: es ist keine Gastronomie, das ist Notversorgung zu Premiumpreisen. Und geschmacklich? Weder Fisch noch Fleisch, weder mutig noch befriedigend. Die Vielfalt, die das moderne Deutschland kulinarisch zu bieten hat – Thai-Küche, levantinisches Mezze, vielleicht sogar Spezialitäten der Region – findet im Bordbistro schlicht nicht statt. Das deutsche Bordbistro bedient vor allem die Erwartungen eines imaginären Durchschnittreisenden – und trifft damit niemanden so wirklich. Currywurst, Chilli con Carne, momentan auch Pizza. Mein Traum wäre: Dass Leute nicht trotz, sondern wegen des Essens die Bahn nehmen. Coole Kooperationen mit Foodinfluencern, Köchen, mit Leuten, die das Thema Reise und Food neu denken.
Hinzu kommt: Das Bistro ist längst nicht immer geöffnet. Sogar eher selten. Personalengpässe, technische Probleme, kurze Umlaufzeiten – auf vielen Strecken bleibt die Klappe schlicht zu. Wer nichts dabei hat, schaut in die Röhre.

🏚️ Bahnhöfe: Zwischen Convenience und Trostlosigkeit
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – und beim hungrigen Reisenden oft am Bahnhof. Wer glaubt, am Bahnhof eine gute, preiswerte Mahlzeit zu finden, wird in den meisten deutschen Bahnhöfen enttäuscht. Das Angebot folgt einer eisernen Logik: Was sich schnell verkauft, steht im Regal. Was gesund, frisch oder regional ist, sucht man meist vergeblich.
Große Kopfbahnhöfe wie Frankfurt, München oder Berlin sind noch vergleichsweise gut aufgestellt – hier finden sich zumindest vereinzelt Bäckereien mit Substanz, Sushi-Bars oder Salattheken. Doch bereits in mittelgroßen Bahnhöfen wie Hannover, Erfurt oder Freiburg dominieren die immer gleichen Ketten: Backwerk, Yorma’s, ein McDonalds, wenn es gut läuft ein Rewe to go. Mein persönliches Highlight momentan ist Hafenkater, Porridge mit Toppings. Schmeckt mir, kann man gut im Zug essen, nervt niemanden. Und eine Breze. Das geht auch immer als Notvorrat. Normalerweise ist es mir möglich, auch bei 6 Stunden Zugfahrt nicht zu verhungern.
Kleinstadtbahnhöfe? Dort herrscht oft vollständige Leere. Eine Getränkeautomaten-Wüste, bestenfalls ein Kiosk mit abgepackten Sandwiches, die aussehen, als hätten sie schon die letzte Zuggeneration überlebt. Reisen mit dem ÖPNV soll nachhaltig und attraktiv sein – aber wer hungrig ankommt und mit einem lauwarmen Plastikbaguette vorlieb nehmen muss, dem fällt es schwer, dafür zu schwärmen.

✅ Besser reisen, besser essen: Alternativen und Tipps
Die gute Nachricht: Man muss das kulinarische Elend auf Schienen nicht einfach hinnehmen. Mit etwas Vorbereitung lässt sich die Zugreise nicht nur erträglich, sondern regelrecht genussvoll gestalten.

Was bleibt, ist ein systemischer Wunsch: Die Deutsche Bahn – und mit ihr die gesamte Bahnhofsinfrastruktur – sollte das Thema Verpflegung ernster nehmen. Nicht als Kostenfaktor, sondern als Teil eines ganzheitlichen Reiseerlebnisses. Denn wer möchte, dass mehr Menschen auf das Auto verzichten und den Zug wählen, der muss auch dafür sorgen, dass diese Reise von Anfang bis Ende würdig ist. Inklusive einer guten Mahlzeit.


Volle Zustimmung, aus eigener Erfahrung.
Meine Zugerlebnisse bzgl. Essen und vor allem Trinken findest Du bzw. finden Deine Leser:innen hier: https://agentursatire.blog/2025/09/18/folge48-invinocommunitas/ … Viel Spaß!