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Wie rettet man den lokalen Handel?

Manchmal gibt es Themen, die erscheinen auf den ersten Blick einfach zu sein, aber entwickeln dann bei längerem Nachdenken eine unglaubliche Vielschichtigkeit und Komplexität. Eines der Themen, die mich seit längerem umtreiben, ist die Frage nach der richtigen Wahl der Einkaufsart. Wie und wo muss ich einkaufen, damit ich auch in Zukunft das Angebot bekomme, das ich möchte? Wo, damit ich auch in Zukunft in einer Stadt lebe, die nicht nur von internationalen Kettenläden oder – noch schlimmer – gähnender Leere im Zentrum geprägt wird?

Eigentlich ist die Antwort klar: unterstütze lokale Geschäfte, kaufe regionale Güter regionaler Bauern oder Betriebe. Im Prinzip mache ich das gern und gebe mir wirklich Mühe, das durchzuhalten. Klappt halt nur nicht immer. Aber ich möchte in Zukunft durch belebte Strassen und nicht durch eine Geisterstadt voller Ein-Euro-Läden wandern. Und manchmal wallt in mir ein Zorn auf, auf Ladenbesitzer, die sich ums Verrecken nicht scheren um ihre Kundschaft, die aus Faulheit und Borniertheit nicht bereit sind, den Anforderungen eines modernen Marktes zu genügen. Wie mir geht es vielen Leuten, ich hatte eine Umfrage auf Facebook gestartet und gefragt, wo und wie die meisten Menschen einkaufen. Das Ergebnis dürfte manche Händler blass werden lassen: Der lokale Handel hat nicht mehr allzuviele Fans. Viele bestellen mittlerweile sogar die Dinge des täglichen Bedarfs bei Amazon, wie etwa auf dem Blogbeitrag von Johannes Mairhofer beschrieben. Weil es einfach komfortabler für sie ist. Warum das so ist und was man dagegen tun könnte, versuche ich hier darzulegen. Es ist eine Einladung zur Diskussion, ich habe auch noch nicht den Stein der Weisen gefunden oder könnte mit Sicherheit sagen, ob meine Vorschläge so funktionieren. Die jammernde Stadtverwaltung, die den Niedergang beklagt, hätte einige Stellschrauben in der Hand…

1. Die Ladenöffnungszeiten: Wir in München haben eine besondere Situation, im leider hier sehr rückständigen Bayern sind die Ladenöffnungszeiten andere als im Rest der Republik und alle Läden müssen um 20 Uhr zumachen. Eventladenöffnungen verhindert die Gewerkschaft ver.di, der es egal zu sein scheint, ob sie damit den lokalen Handel komplett ruiniert – Hauptsache, ihre Mitglieder müssen auch an vier Sonntagen im Jahr nicht mal einen Nachmittag ins Geschäft. Ladenöffnungszeiten wären besonders für kleine Läden wichtig: Denn die Zeiten, in denen ich die kleinen Läden in den einzelnen Stadtteilen besuchen soll, sind begrenzt. Ich arbeite – und wenn ich aus dem Büro komme, machen diese Läden zu. Das wäre schon mal ein Ansatz: sich überlegen, dass die Leute, die Geld ausgeben können, meist die sind, die es verdienen müssen und deswegen die Öffnungszeiten so legen, dass man das Geld auch ausgeben kann. Eigentlich bleibt nur der Samstag – und der nervt mit Überfüllung. Es würde meiner Meinung nach bereits reichen, wenn die Boutiquen bis 20 Uhr aufhätten, dann könnte man dort nach dem Büro noch vorbeischauen. In Frankfurt und Düsseldorf habe ich sehr tolle Events kennengelernt, die die einzelnen Stadtteile nachhaltig belebt haben – dort wurde an manchen Sonntagen im Jahr speziell die Geschäfte eines Stadtteils geöffnet. Dazu gab es Sonderaktionen, Flohmarkt, Bands etc. So konnte man sich mal Zeit nehmen, die einzelnen Geschäfte und deren Angebot in Ruhe kennenzulernen und kam gerne wieder. Auch bei Stadtteilfesten mischten die Einzelhändler mit, in Frankfurt beim Berger Strassenfest hatten alle Geschäfte Stände an der Partymeile, nicht nur die Gastronomie. Aber so etwas verhindert in München eben ver.di.

2. Der Service: Ich kenne ein Sportgeschäft in Frankfurt, da reissen sich Chef und Angestellte wirklich den Arsch auf: sie beraten nicht nur ausführlichst und sehr kompetent, sie sind auf jeder Messe in ihrem Fachbereich mit einem Stand präsent, organisieren einen Lauftreff oder Events mit Spitzensportlern, sponsern Marathons und bestellen den Kunden die Schuhe, die diese haben wollen. Da läuft der Laden dann auch. Es ist bitter für Ladenbesitzer, aber es reicht nicht mehr, einen Laden mit Ware vollzumachen und dann zu hoffen, dass wer kommt. Die Leute wollen wirklich Service. Beratung, Typberatung, sie wollen, dass die Händler Sachen in ihrer Größe nachordern, sie wollen, dass man sie verwöhnt – einfach aus dem Einkauf ein Event macht, das das Internet so nicht bieten kann. Und keine gelangweilte Verkäuferin, die „ham wa nich“ mault oder den klassischen Blazer-Spruch abläßt: „Den können sie toll zur Jeans tragen.“ Ach was. Ja, ein guter Ladenbesitzer braucht gutes Personal, das zugleich Stylist ist, Berater, Psychologe, Entertainer. Das aus Kunden Stammkunden macht und sich so eine treue Kundschaft zieht. In manche Läden gehe ich nur wegen bestimmter Verkäufer, die genau zu wissen scheinen, was mir passt und steht. Oder, wenn es nicht um Mode geht, die mich fachkundig beraten können, Kaffees oder Weine empfehlen – all diese Dinge eben, die das Netz so perfekt nicht kann. Oder – wie viele in meiner Umfrage erzählten – wenn der Umtausch vor Ort ein größeres Gschiss ist als online, dann läuft etwas sehr falsch.

3. Das Sortiment Einer der Läden, die in der tz letztens ihr Ende beklagten, war slips. am Gärtnerplatz. Ich möchte diesen Laden als Beispiel herausgreifen, weil ich ihn ziemlich exemplarisch finde. Die Besitzerin beschwerte sich, dass viele Kunden vermehrt nach Schnäppchen fahnden und nicht mehr gewillt seien, für gute Qualität gutes Geld auf den Tisch zu legen. Das ist natürlich richtig – und auch ziemlich falsch. Denn ich war früher in dem Laden oft einkaufen. Es gab dort sehr schöne Wäsche, Bademoden, T-Shirts etc. Tolle Sachen, die man jahrelang gerne getragen hat. Aber irgendwann begann schleichend der Laden immer teurer zu werden. Jeans kosteten dort ab 200 Euro und noch viel, viel mehr, das mittlere Preissegment war irgendwann nicht mehr vorhanden. (Nachtrag: die Besitzerin des Ladens versicherte mir auf Facebook, es hätte auch Fair Trade Jeans für 129 Euro und T-Shirts für 59 Euro gegeben – das finde ich okay, aber die habe ich nicht entdeckt – Asche auf mein Haupt) Und bei manchen Designs zahlt man halt nur noch für den Namen, nicht mehr für Qualität. Das mache ich nicht mit, das kann ich mir nicht leisten. Ja, München ist eine reiche Stadt. Aber auch das hat seine Grenzen. Man muss schon  irgendwo realistisch bleiben und schauen, in welchem Rahmen sich die Kundschaft so bewegt und so kalkulieren, dass man nicht abhebt.

Und: ein Laden muss Dinge im Sortiment haben, die man nur da bekommt. Einzigartigkeit ist etwas, was vielen Läden fehlt. Das erfordert Mut und Fachwissen. Aber das sind eh gute Vorraussetzungen, wenn man ein Geschäft eröffnen will….

4. Die Mieten Hier könnte und müßte die Stadt München eingreifen. Es kann nicht sein, dass wunderbare Cafes wie das Tambosi zumachen müssen, weil ihnen die Mieten drastisch erhöht werden. Das ist Irrsinn. Ein Cafe kann nur einen bestimmten Umsatz x erwirtschaften. Es hat eine gewisse Menge Tische, die Leute bleiben länger als bei einem Fast Food Lokal, da ist die Gewinnmaximierung eben endlich. Denn bei einem Cappuchino für 8 Euro kommt auch kein Mensch mehr. Klar, dass bestimmte Mieten sich nur internationale Ketten leisten können, die ihre Verluste an einem prestigeträchtigen Standort in München mit anderen Gewinnen gegenfinanzieren können. Das kann ein Münchner Einzelhändler nicht. Da würde mich wirklich interessieren, welche rechtlichen Möglichkeiten eine Stadt hat, ihre Innenstadtmieten so zu drosseln, dass auch dem lokalen Handel nicht der Saft abgedreht wird.

5. Social Media nutzen Eigentlich ein Nobrainer, tun aber immer noch viel zu wenig Menschen. Sie werben nicht für sich, haben keine Webseite, haben keine Facebookseite, das ist mehr als ein Fehler. Das ist tödlich. Niemand verlangt, dass jemand auch einen Onlineshop hat (obwohl der immer eine gute Ergänzung wäre) Aber man kann sein Spezialwissen perfekt präsentieren. Z.b. ein Whiskeygeschäft, dass auf seiner Webseite einen Blog hat, in dem tolle neue Produkte udn alte Klassiker vorgestellt werden, bei dem kaufe ich gern auch im Ladenlokal und nehme für dessen besonderes Sortiment auch längere Wege in Kauf.

Das war es erstmal von mir – könnt ihr mir zustimmen, oder ist das Quatsch? Was habt ihr noch für Vorschläge in petto?