Mode wie Müll

Foto: @Marv2punkt0
Foto: @Marv2punkt0

Wenn ich durch die Frankfurter Fußgängerzone gehe, gruselt es mich jedesmal. Jede zweite Frau, die an mir vorbeigeht, hat eine hellbraune Packpapiertüte von gigantischen Ausmassen dabei. Manchmal auch zwei oder drei davon. Oder noch mehr. „Primark“ steht hellblau auf der Tüte. Ein Modegeschäft aus Irland. Lange gab es Primark nur im Nord-West-Zentrum, abgelegen. Da waren die Tüten nicht sichtbar. Jetzt gehören sie fest zum Stadtbild. Denn Primark ist billig. Extrem billig. Hosen kosten unter 15 Euro, Kleider unter 20, T-Shirts meistens 2-3 Euro. Noch billiger als ein Kaffee bei Starbucks. Da scheint dann beim Einkäufer eine Schraube locker zu werden, denn plötzlich ist beim sonst so sparsamen Käufer Massenshoppen angesagt. Vielleicht liegt das auch an den chemischen Gerüchen, die einem beim Besuch entgegenschlagen. Gesund kann das nicht sein. Und das Gedränge ist unbeschreiblich: da quetschen sich Frauen mit Kinderwägen durch die Gänge, ganze Teenager-Rudel kaufen sich ihre Justin Bieber T-Shirts und Großfamilien aus dem Umland bestaunen die Etiketten der Billigmode. Da wird in die Einkaufstüte gestopft, was reingeht. Wer trägt das eigentlich alles? Wer braucht denn so viel Modemüll?
Wäre nicht ein teureres T-Shirt besser angelegtes Geld als 5 billige? Oder warum auch bei Primark eben nur eins kaufen? Weil Primark ist auch nicht schlechter als all die anderen Billigmarken, nur irgendwie noch billiger. Klar, dass das auch zu Lasten der Arbeiter in Asien geht, auch wenn Primark das verneint. Ab und an, ich gestehe es, hab ich mir dort auch was erworben, Socken oder mal einen witzigen Rock. Aber nie Mode als Massenkauf. Und ich will auch keinen Fuß mehr dort hinein setzen.

Wir sollten unseren Konsum überdenken, etwas besonnener kaufen, nicht jedes Wochenende eine neue Fuhre Klamotten aus Primark schleppen, zweimal tragen, wegwerfen. (Gerade, als ich diesen Artikel schreibe, hab ich gesehen, dass das ZDF vor kurzem eine Reportage zum „Prinzip Primark“ gedreht hat) Noch nie wurde so viel Mode weggeworfen,

Mode ist was Tolles, aber nur dann, wenn wir sie wertschätzen. Wer sich mit Gerümpel behängt, das zwei Tage später im Müll landet, kann nicht viel Respekt von sich haben.

17 comments

  1. Das Traurige ist eigentlich, dass auch teurere Klamotten nicht unbedingt unter besseren Bedingungen hergestellt werden. Nicht der Kunde, der kauft ist das Problem, sondern der Hersteller, der das in Kauf nimmt.

    Wirklich „faire“ Klamotten gibt es im Massenmarkt nicht und auch Second-Hand Klamotten kommen ja irgendwo her.

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    1. Da geb ich dir völlig recht. Mir geht es um diese Wegwerfkultur, ein-zweimal tragen oder auch gar nicht tragen, weils doch nur gekauft worden ist, weil es billig ist. Das ist keine Wertschätzung mehr.

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      1. Ich glaube nicht mal das es so rabiat ist. Viele, die ich sehe, die bei Primark einkaufen machen es, weil sie nicht genug Geld haben, um mit ihrem kleinen Budget bei „teuren“ Läden einzukaufen. Wenn die Familie ein Budget für 100 Euro hat, von denen 3 Kinder eingekleidet werden müssen, werde sie nicht eine 100 Euro Jeans kaufen und der Rest schaut in die Wäsche. Wer genug Geld hat, wird nicht zu Kik oder Primark gehen. Außenwirkung und so.
        Und wer nicht viel Geld hat, wird seine Klamotten auch nicht nach 2 Mal tragen wegwerfen. So Sachen landen dann eher im Kleiderkreisel und werden weiterverkauft.

        Ist aber nur mein subjektiver Eindruck von den Menschen, die ich im Ruhrgebiet von Primark kommen sehe. Man darf nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch in unserem Land genug Geld hat, um überall einkaufen zu können, wo er will.

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  2. Die Konsumkultur als Solche ist aber nicht ganz so verkehrt, es sind nur eben die Produkte und ihre Produktionsmethoden, die geändert werden müssen.

    Frei nach Cradle to Cradle könnten sie die Waren auch vermieten und dann bezahlt man als Kunde nur die Nutzungsgebühr und nach Gebrauch gehen diese wieder zurück an den Hersteller.

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  3. Die Frage die man sich stellen muss, ist eher WARUM sie dort kaufen. Meint ihr nicht auch, dass wenn man es sich leisten könnte, nicht lieber bei Prada kaufen würde?

    Ich finde dieses an den Pranger stellen ehrlich gesagt unmöglich. Ich denke die meisten Menschen würden sich lieber von „gesunden“ Lebensmitteln ernähren und sich lieber mit Fairtrade-Kleidung „schmücken“. Doch da ist der Druck der Gesellschaft, wenn man schon wieder das gleiche T-Shirt an hat. Wenn man sich mit einem dicken Hintern in eine Leggings gequetscht hat und andere darüber lästern. Ich prangere den gesellschaftlichen Druck an, der auf solche Äußerlichkeiten reduziert wird.

    Nun aber zurück zu diesem Bild. Woher wollt ihr wissen, „warum“ diese Menschen so viele Sachen dort gekauft haben? Vielleicht ist ihnen ihr Haus abgebrannt und sie haben keine Kleidung mehr? Wir „alle“ wissen es nicht, warum sie es getan haben und deshalb finde ich es nicht gut, dass man dieses Foto so darstellt, wie es dargestellt wird. Wer hat nachgefragt? Niemand.

    Wertschätzung? Wertschätzung von Kleidung? Würden wir alle Menschen „wertschätzen“, egal was sie tragen, müssten diese nicht den Druck der Gesellschaft ertragen.

    Für mich ist diese Ver- oder Beurteilung der Menschen, die bei Primark einkaufen, ein falscher.

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    1. Danke für deine Meinung. Ich seh es anders, denn ich glaube, wer tütenweise Zeug rausschleppt, könnte sich wohl was anderes leisten. Ich bin leider sicher, selbst mit viel Geld würden sich die meisten entscheiden, lieber viel beim Discounter zu kaufen, als wenige gute Stücke mit fairer Herkunft. Aber ich geb dir in dem Punkt recht, dass Kleider keine Leute mehr machen sollen. Sie tun es, ohne Frage.

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    2. Ja, bin mir auch so gut wie sicher, dass all die Primark-Jünger Opfer von Hausbränden sind. Ist ja auch naheliegend. Die Armen. Da muss man doch mal nachfragen.
      Der Konsum-Amoklauf hat wahrscheinlich nichts mit den lächerlich niedrigen Preisen zu tun, bei denen Kleidung, wie mittlerweile viele andere Produkte zum Einwegprodukt werden. Schon mal den Akku deines iPhones ausgetauscht? Die Schlangen vor den Apple-Stores sind ja bekanntlich auch auf Haus- und Fahrzeug- oder auch Yachtbrände zurückzuführen.
      Urteilt nicht über die Menschen, die nur 100,- € für Klamotten im Monat übrig haben. Das ist doch höchstens eine normale Jeans oder T-Shirt pro Woche. Darüber macht man keine Witze, sondern freut sich wohlwollend über Primark, die den finanziell schwächeren und Bedürftigen helfen, mit der Mode zu gehen. Wo kämen wir hin, wenn alle einfach eine Jeans / Rock / Pullover tragen würden, die letztes Jahr en vougue waren?
      Ich gebe ca. 100,- € im Halbjahr für Bekleidung aus und irgendwie verspüre ich keinerlei sozialen Druck, dies zu ändern. Meine Klamotten sehen auc nicht aus, als ob ich noch nie was von Mode gehört hätte. Protipp: es gibt relativ zeitlose Bekleidung, die sogar ein bis drei Jahre hält. Ich kaufe keine fair-trade Klamotten, weil ich es mir nicht leisten kann. Aber einen Schneider, der eine durchgescheuerte Jeans flicken kann unterstütze ich gern. Auch ich kaufe bei H&M, weil es günstig ist. Es kommt eben auf die Menge und Frequenz an. Mit vernünftigen Preisen, die ungefähr beim Doppelten bis Dreifachen der Preise bei Primark liegen, würde man dem völligen Konsumwahnsinn, dem man auf der Zeil begegnet effektiv entgegnen.
      Und ja, Wertschätzung ist einer der wichtigsten Begriffe in diesem Beitrag. Mehr Wertschätzung für von Menschen in unmöglichen Verhältnissen geleistete Arbeit, mehr Wertschätzung für die Rohstoffe, die dafür benötigt werden. Diese Wertschätzung sollte man sich in Wiesbaden und im übrigen reichen Deutschland leisten können.

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      1. @tacocat
        Ich schrieb von den Menschen auf diesem Bild. Doch es ist immer einfacher alles in eine Schublade zu werfen und nur das sehen wollen, was man will und dann schön alle an den Pranger stellen. Und das versuchst du auch gerade mit mir und drehst meine Worte um. Mach ruhig.

        Wahrheit ist relativ. Wenn das deine Wahrheit ist, dann ist es eben so.

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  4. ich finde es ehrlich gesagt ziemlich daneben leute die sich keine teuren produkte leisten können dafür zu kritisieren. ich arbeite in nem biomarkt und würde mir auch wünschen wenn menschen mehr geld für essen ausgeben könnten. ihnen deswegen vorwürfe zu machen halte ich aber für klassistischen scheißdreck. wer arm ist will sich nunmal auch was leisten, und da kommen halt nunmal nur billow-produkte in frage. statt die menschen die zu wenig ökonomisches oder bildungskapital haben für ihre armut zu kritisieren und ihnen aus erhobener position moralische zeigefinger in die nase zu stecken fänd ichs zielführender die zustände zu kritisieren und zu verändern dass kapital eben krass ungleich verteilt ist.

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    1. Du willst also, dass arme Leute Dreck kaufen, den noch ärmere produziert haben? Will ich nicht. Ich möchte, dass Leute, die fair verdienen, Dinge kaufen, die fair produziert worden sind. Mit dem billig, billig wird die Spirale der Ungleichheit nur mehr befeuert. Derzeit läuft viel schief in der Gesellschaft, aber ich nehme mir heraus, auch einzelne Aspekte herauszugreifen. Ausserdem: Bedeutet Konsum von möglichst viel Kleidung gesellschaftliche teilhabe?

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      1. ich würd dir zustimmen wenn die leute die dort einkaufen leute wären die sich anderes ohne einschränkungen leisten können. das weißt du aber nicht. ich reg mich auch über leute aus der oberen mittelschicht auf die mit ihrem porsche chayenne zum discounter fahren. wenn jemand tütenweise klamotten aus nem discounter trägt würde ich dem halt aber nicht erstmal unterstellen sich mehr leisten zu können. wenn man sein komplettes budget für konsum ausgeben muss dann liegt das problem im niedrigen budget. von der unterschicht auch noch verzicht einzufordern geht halt gar nicht.

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      2. Die niedrigen Löhne hierzulande werden durch den Druck noch niedrigerer Löhne anderswo begründet. Und Löhne müssen so niedrig sein, weil die Leute immer billiger kaufen wollen. Und weil,alles so billig ist, heißt es, Hey, reicht doch. Nein, so kommen wir da nicht raus. Natürlich dürfen wir nicht anfangen, die waren teurer zu machen und die Löhne niedrig zu lassen. Das muss alles mehr werden, damit auch die Arbeiter anderswo ein besseres Dasein haben. Ich hab mal gehört, 10 Cent mehr pro t-Shirt und alle könnten gut bezahlt werden. Fies ist, wenn Firmen wie Adidas, die 120 Euro pro Trikot nehmen, im gleichen Sweatshop produzieren lassen. Für den gleichen Lohn. Da ist Primark fast noch die bessere Wahl.

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      3. Da bin ich so bei dir, das glaubst du nicht. Dafür habe ich mich für eine kleine Partei monatelang an infostände gestellt, um unter anderem das zu ändern.

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  5. Also, ich kann ja eig nur für mich selbst sprechen: Fast alle meine Klamotten waren eher billig bis billig, aber an Wertschätzung mangelt es mir deshalb nicht. Auch wenn’s nur um ein paar Euro geht, kann ich damit was Besseres anfangen, als dafür Sachen zu kaufen, die ich dann gleich wieder wegschmeiße. Natürlich such ich mir nur das aus, was mir auch gefällt und was ich öfters zu tragen gedenke. Und sehr viele billige Sachen machen das auch mit, die halten oft echt lange.

    Allerdings ist meine Wertschätzung gar nicht der Punkt. Die hilft dem Sklavenarbeiter in China auch nicht, wenn er sich an den Färbestoffen vergiftet oder so. Genauso wenig macht es für den einen Unterschied, ob ich für die Hose 10 oder 100 Euro bezahlt habe.
    Konnte man ja eigentlich ahnen und weiß man seit Längerem auch, dass diese Mehrkosten nicht für bessere Arbeitsbedingungen, sondern für den „großen“ Namen zu zahlen sind. Und der ist es mir einfach nicht wert, für eine neue Hose monatelang auf alles andere zu verzichten.

    Übrigens glaube ich, dass diese Wegwerfmentalität viel eher im „gehobenen“ Milieu ein Thema ist, also bei den Markenträgern, die viel Wert auf Statussymbole legen. In einem normalen Umfeld würde es zwar schon auffallen, wenn man nur zwei Shirts hat, aber keiner erwartet da, einen in einem bestimmten Stück insgesamt nur wenige Male zu sehen.

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  6. Ich behaupte mal frech, dass viele (nicht alle!) die bei solchen Läden kaufen, sogar *mehr* Geld für Kleidung ausgeben – weil sie nämlich jedem Modetrend nachrennen und jedes Quartal 10 Shirts für 3€ kaufen.

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  7. Ich glaube nicht, dass Primark nur eine schickere und noch billigere Variante von Discountern wie Kik ist, in der nur Leute aus dem Prekariat einkaufen, weil sie sich keine teuren Klamotten leisten können.
    Eher ist Primark eine billigere Variante von C&A, wo man auch gerne mal das eine oder andere Teil mehr kauft, weil es ja so schön billig ist. Primark treibt dieses Prinzip auf die Spitze, und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass vieles von der Kleidung gar nicht oder nur kurz getragen wird. Da scheint wirklich keine Wertschätzung dem Produkt gegenüber mehr vorhanden zu sein, sonst könnte man erstens nicht glauben, dass das Zeug zu dem Preis realistisch („fair“) produziert werden kann und andererseits würde man nicht soviel auf einmal davon kaufen. Es kann mir keiner erzählen, dass das alles nur Quartalseinkäufe von Hartz-IV-Empfängern sind, dafür sind es zuviele Kunden und einen überwiegend „unterschichtigen“ Eindruck macht mir die Kundschaft auch nicht.
    Von daher kann ich den Rant gut verstehen. Ich störe mich nicht an den Kunden, die darauf angewiesen sind, bei Primark einzukaufen. Ich störe mich an denen, die es eigentlich nicht wären und die das Prinzip Primark erst möglich machen.

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