Der Trachtenfasching und die echte Tracht

Ich glaube, ich werde es nie schaffen, in meinem Blog eine einheitliche Linie und ein einheitliches Thema zu finden – und eigentlich ist es auch egal. Mein Blog, meine Regeln…heute wieder ein Modethema. Ein Bayerisches.

Heute will ich mal eine Aufklärungsaktion starten, um zu erklären, wo die bayerische Tracht eigentlich herkommt. Die ist nämlich eigentlich nur die Tracht eines einzigen Tals und es ist definitiv nicht wahr, das Tracht auch nur ansatzweise in München heimisch wäre. Bis in die späten  Neunziger haben nur die wenigsten Leute Tracht auf der Wiesn getragen, das ist ein Marketing-Gag, seit das Fest um 2000 herum zum Event hochgejazzt wurde und aus der Wiesn ein reservierungspflichtiger Trachtenfasching wurde. Damals war es nicht mal besonders cool, auf die Wiesn zu gehen – heute darf man sich nicht nicht blicken lassen…mittlerweile gibt es sogar Kosmetikkollektionen, die sich nur dem Thema Oktoberfest widmen, obwohl das Ding nur eine einzige Stadt in Deutschland betrifft…

Es war einmal, im schönen Tegernseer Tal, da trugen die Bauern eine sehr praktische Arbeitskleidung. Feste Lederhos’n aus Hirschleder, teilweise sehr schön bestickt. Am Hosenbein gab es eine kleine Tasche, da steckte der Veitl, das Essmesser, drin. Dazu trugen die Männer Leinenhemden, graue Filz-Janker drüber. Die Bauersfrauen hatten schlichte Kleider an, meist mit Mieder bis unter die Brust, weil der fast permanente Babybauch keine Taille erlaubte. Darüber Schürzen, die man öfters waschen konnte. Für den sonntäglichen Kirchgang gab’s ein anderes, gutes G’wand, fast immer schwarz. An dieser Kleidung fanden die Leute im Tegernseer Tal nix besonderes.

Doch dann kamen die reichen Sommerfrischler aus der Stadt, aus München, allen voran der Prinzregent Luitpold, und die bewunderten die Trachten sehr. Die wirkten so volkstümlich, so bequem, im Gegensatz zu all den komplizierten Frauengewändern mit ihren Miedern, Rüschen, Reifröcken und Aufbauten. Auch die Männer waren von den Lederhosen begeistert, sie trugen sie zum Bergwandern oder zur Jagd, sie spielten damit einfacheres Volk und hatten einen Spaß dabei. Die Tracht machte alle gleich. Zuerst.

Aber die Städter, vor allem die Damen, brezelten die Bauerndirndl gewaltig und modisch auf, mit Seidenstoffen, mit viel Silber und Gehänge – niemals zum Arbeiten geeignet. Die Lederhosen für die Männer blieben gleich. Insofern ist das, was derzeit auf dem Oktoberfest herumläuft, immer noch historisch in Ordnung – jedenfalls wenn man das mit damals vergleicht. Ursprünglich ländliche Trachten, die auf Teufel komm raus aufgemotzt werden.

Im Tegernseer Tal gab es auch ein Theater, das von einem gewissen Herrn Terofal – der hatte als erster die Idee, mit bayerischen „Bauernstücken“ auf eine weltweite Tournee zu gehen und so war das Image des bayerischen Trachtlers erst deutschlandweit, dann weltweit zementiert.

Was derzeit auf dem Oktoberfest als Tracht geführt wird, ist teilweise schön, teilweise megapeinlich und nur in den seltensten Fällen halbwegs traditionell. Die sündteuren Promitrachten darf man getrost unter der Kategorie „so viel Geld für so wenig Geschmack“ ablegen, aber mei, das ist eben die Liberalitas Bavariae, das wir solchen Adabei-Grusel auch durchgehen lassen…

9 comments

  1. Jaja…bald verschandeln´s wieder die Stadt…die Horden von TrachtenZombies.
    Bayern kann mann/frau ja nur featured by Angermeier, LodenFrey & Co. darstellen – siehe die Eichinger-Tochter als SAT1-„Moderatorin“…..

    Jeanshosige Grüße von Germanys Next Aussenministerin & Botschafterin für Bayerisches Brauchtum

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  2. Die Tracht oder besser gesagt, das Gwand ist im gesamten Alpenraum verbreitet und in der jeweiligen Abwandlung überall auf der Welt. Was stimmt ist, dass es eine Arbeitskleidung ist.

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  3. Danke Kathrin für die Eröffnung der Trachtenfaschingsdiskussion.
    Wenn ich an die Wies`n der 60iger Jahre zurückdenke, kamen die Besucher hauptsächlich aus München und aus allen Teilen Bayerns und die letzteren konnte man schon an ihrer Trachtenkleidung erkennen. Aber das wandelte sich Ende des Jahrzehnts. Es war bei vielen jungen Bayern verpönt Trachten zu tragen, denn Trachten standen für Reaktion und Fortschrittshemmung. Ich kann mich – zu späteren Zeiten, in den 70iger und 80iger Jahren – noch gut an die trachtenfreie Wies´n erinnern.
    Inzwischen erfährt in der globalisierten Welt das traditionell bayerische ein Revival, in der Mode und auch in der Musik. Und das ist auch gut so!
    Da gibt es vieles zu entdecken. Aber wie so oft ist der Grad zwischen Kult und Kitsch schmal und ein Gradmesser ist die Qualität. Parallel zu dem Trachtenfasching gibt es eine beachtliche Entwicklung in der Musik und der Trachtenmode. Altes erfährt Würdigung und Weiterentwicklung.
    Allen sei empfohlen der wunderbare Bildband mit 170 alten bayerischen Kleidungsstücken:
    Tracht ist Mode (Hg. Alexander Wandinger, Fotografiert von Barbara Stenzel) im Auftrag des Bezirks Oberbayern – Trachten Informations Zentrum 2002
    Kostproben der Kleidungsstücke unter http://www.barbarastenzel.de/pb/pb02_tim01.html
    Und eine Musikempfehlung aus dem Trikontverlag schiebe ich gleich nach: Bayern Volksmusik, rare Schellacks 1906 – 1941
    http://www.trikont.de/basics/cgi-tdb/basics.prg?session=54391ce74e6b2488_302142&r_index=5.1.2

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