Festung Kufstein: Tragische Liebe, Nachtwächter und Gin-Weltrekorde
Es gibt viele Städte mit mittelalterlicher Burg, aber nicht viele, bei denen die Feste so eng ins Leben der Stadt integriert ist wie in Kufstein. Vor rund tausend Jahren sind Stadt und Burg gleichzeitig entstanden, vom Schicksal immer miteinander verbunden. Für uns Besucher mag die Burg düster auf dem Felsen über der Altstadt aufragen, die Kufsteiner lieben sie wie eine alte Freundin. Jeden Tag um 12 Uhr horcht Kufstein auf, wenn auf der Burg die gewaltige Heldenorgel mit ihren 5000 Pfeifen gespielt wird – und die bis zu 10 Kilometer weit hallt. Einst war sie den Gefallenen des ersten Weltkriegs gewidmet, heutzutage ist es eine Ehrung der Alltagshelden. Während Corona freuten sich die Kufsteiner im Lockdown über das tägliche Konzert, das für einen Moment die traurige Situation vergessen liess.

Früher war die Burg am Inn an der Grenze zwischen Tirol und Bayern ein heiß umkämpftes Beutestück. Kaiser Maximilian schoss mit gewaltigen Kanonen die als uneinnehmbar geltenden Mauern zusammen, so kam Kufstein endgültig ins Habsburger Reich. Die Kanonen waren so gewaltig, dass sie sogar Spitznamen bekamen, Purlebaus und Weckauf. Ich hätte davon nicht geweckt werden wollen.
Heutzutage ist die Feste Museum, Eventlocation und einfach das Herz der Stadt. 80.000 Besucher kommen im Jahr, damit ist die Burg ein Highlight in Tirol. Es finden Konzerte statt, ein Yogafestival und jedes Pfingsten ein unglaublich großartiges Ritterfest, das die Mittelalterszene aus Deutschland und Österreich anlockt. (Inklusive mir)
Viele kennen die Feste und Kufstein leider nur als majestätische Kulisse auf dem Weg nach Süden, entlang der Inntal-Autobahn. Tut euch einen Gefallen und plant bei der nächsten Reise dort einen Stop ein, es lohnt sich!
Die Stimme und das Gesicht der BurgLichtfestival: Die Feste wird lebendig
Wer noch bis Ende Januar Kufstein und die Burg besucht, kann ein ganz besonders schönes Event erleben. Zum Lichtfestival wird die Burg und ihre Mauern lebendig in einer atemberaubenden Lichtshow. Die Feste spricht dabei zu uns Besuchern mit der tiefen Synchronstimme von Whoopie Goldberg.
An verschiedenen Stationen erzählen die Wände melancholische Geschichten, etwa die von Friedericke, die einen Offizier der Burg liebte, aber nicht heiraten konnte, weil ihre Eltern die Mitgift nicht aufbringen konnten, und sich aus Verzweiflung in einer kalten Winternacht von einer Mauer der Burg stürzte. Wir stehen ebenfalls in einer kalten Winternacht an dieser Mauer und uns fährt ein kalter Schauer über den Rücken, der nicht nur vom Wind kommt.
Eine andere riesige Burgmauer wird zur Leinwand für einen mittelalterlichen Totentanz und Geschichten aus der Geschichte…rund um Krieg und Frieden. Die Burg zeigt uns auch ihre Gefangenen, denn sie war mal ein Staatsgefängnis voller Revolutionäre gegen die K&K Monarchie, die dort im höchsten Turm der Burg saßen und die schöne Aussicht vermutlich nicht so zu schätzen wussten. Der berühmteste Gefangene war ein ungarischer Räuber und Aufrührer namens Sandor Rozsa, der über einen besonderen Charme verfügte. Scharenweise besuchte die Kufsteiner Damenwelt den romantischen Räuber mit dem wilden Schnurrbart.
Die 20 Meter hohe Burgmauer wirbt für den FriedenIch fand die Videoinstallationen wirklich wunderschön. Immersive Erlebnisse mit gigantischen Installationen sind momentan im Trend, aber die Burg ist wirklich ein einmaliges Setting. Als krönenden Abschluss der Show wandert man durch mittelalterliche Gänge zum Herz der Burg. Gänsehaut pur. Bis zum 28. Januar ist die Show noch zu sehen, danach müsst ihr ein Jahr warten.

Zeitreise mit Nachtwächter Harry
Nach der Burg-Lichtshow haben wir eine Begegnung mit Harry, dem Nachtwächter. Harry arbeitet neben seinem Hauptjob als Wanderguide, Chi Gong und Tai Chi Lehrer und eben als Nachtwächter. Wenn er nicht gerade auf den Bergen in aller Welt unterwegs ist. Harry ist ein besonderer Mensch, unglaublich herzenswarm und gescheit. Es ist bitterkalt, aber seine Geschichten sind so wunderbar, dass wir nicht aufhören können und immer weitere Geschichten erbetteln. Er erzählt die Geschichte der Nachtwächterei, die früher die Städte vor Bränden, Dieben, Überfällen und ähnlichem Unbill schützen mussten. Trotz des verantwortungsvollen Postens war der Nachtwächter nur der drittunbeliebteste Person in der Stadt – nach Henker und Totengräber. Denn im abergläubischen Mittelalter war die Nacht unheimlich, voller Geister und übler Gestalten. Wer davon nicht beeindruckt war, war vermutlich mit diesen fiesen Mächten im Bunde. In Harrys Erzählungen wurden Originale der Stadt lebendig, riesige Holzknechte, die stark genug waren, Eisenbahngleise zu stehlen, exzentrische Gemischtwarenhändlerinnen oder auch der Erfinder der Nähmaschine, dem ein winziges Museum gewidmet ist. Es ist erstaunlich, wie viel eine Stadt zu bieten hat, wenn einem ein einheimischer Guide die Augen öffnet. Ich kann euch solche Touren immer empfehlen, egal, wo ihr hinfahrt.
Die Bar im mittelalterlichen StollenKultlokal Auracher Löchl – Tiroler Tapas und Gin-Weltrekorde in der Stollenbar
Nur 200 Jahre nach der Burg, so gegen 1400, entstand unter dem Burgfelsen eine Brauerei und ein Lokal, dass bis heute Bestand hat. Das Auracher Löchl gehört damit bestimmt zu den ältesten Lokalen der Welt. Den Namen hat es übrigens von einem 80 m langen Stollen im Fels, in dem die früheren Besitzer des Bier kühl hielten.
Mittlerweile ist dort eine sehr stimmungsvolle Bar untergebracht. Wir besuchen sie nach der Nachtwächtertour und freuen uns, dass die Barkeeper sehr coole Gin Drinks wie denn Bramble servieren. Kein Wunder, denn die Felsenbar hat laut Guinness-Buch der Rekorde die größte Ginsammlung der Welt, darunter der teuerste Gin mit 1000 € die Flasche. Natürlich gibt es auch einen Hausgin und es werden Gintastings angeboten.

Oben im Lokal in der historischen Stube hat es uns sehr gut geschmeckt. Es gibt eine ganz besondere Spezialität, die ich euch ans Herz legen möchte, wenn ihr dort einkehrt: die Tiroler Tapas. Ab zwei Personen bekommen wir sämtliche Tiroler Spezialitäten auf einmal am Tisch serviert. Super, wenn man sich nicht entscheiden kann. Dann isst man eben alles. Tiroler Gröstl, Schlutzkrapfen, Wiener Schnitzel, Kaspressknödel, Kalbsrahm Gulasch und Kaspatzn. Danach waren wir definitiv satt und es hat fantastisch geschmeckt.
Die alten, sehr stimmungsvollen Stuben atmen Geschichte, sie raunen von Rittern, mittelalterlichen Händlern, von Revolutionären und Soldaten. Ich liebe solche geschichtsträchtigen Orte, die einen in andere Zeiten katapultieren.

In in den fünfziger Jahren war das Auracher Löchl eine sehr beliebte Gaststätte für Touristen, die dort Wein tranken und den Volksmusikanten lauschten, die das Kufsteinlied intonierten, das dort auch komponiert worden ist. 180 Millionen Tonträger sind von diesem Lied verkauft worden. Man kennt das Lied in China und in Japan, in Amerika und Australien, für viele ist es der Inbegriff deutschen Liedguts. Früher konnte man es auch auf dem Oktoberfest hören, aber mittlerweile sind die alten Lieder von DJ Ötzi, Leila und Co. verdrängt worden. Der Musik Geschmack ändert sich eben. Aber viele Touristen besuchen das Auracher Löchl noch immer. Wer es ganz besonders romantisch will: es gibt noch einen Raum mit einem Tisch nur für zwei Personen. Der ist im Torborgen über der Straße zu finden. Idealer Platz für einen Heiratsantrag! Zum Lokal gehören auch ein Hotel gegenüber und das Café Franz-Joseph, von dem aus man einen schönen Blick auf den grünen Inn hat.

Nach Nachtwächter, Burgshow und dem Absacker im Stollen waren wir müde und froh ins Hotel zu kommen, wir waren im sehr schön designten Hotel Stadt Kufstein untergebracht, von dem alles fußläufig zu erreichen ist. Das Zimmer ist groß, das Personal freundlich und hilfsbereit – was will ich mehr? Das Hotel hat, ungewöhnlich für ein Stadthotel, einen schönen Wellnessbereich mit diversen Saunen und Fitnessraum. Leider war dieses Mal keine Zeit dafür, aber zum Mittelalterfest ist das Zimmer schon wieder reserviert. Mich hat beim Hotel das hervorragende Frühstück beeindruckt, das ausschließlich mit regionalen Bioprodukten bestückt war. Hausgemachter Kräuterfrischkäse, frische Kuchen, tolle Marmeladen und die Eier werden für jeden Gast nach dessen Geschmack zubereitet!
Ich war für eine Nacht vom Tourismusverband Kufstein eingeladen.