Bon Voyage


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Von Claudia Shanti
Gestern war der 10. November. Gestern vor 27 Jahren ist für mich und Millionen von anderen Menschen ein Traum wahr geworden. Wir sind zum ersten mal in unserem Leben einfach so über die Grenze von Ost nach West spaziert, ohne dass wir um unser Leben fürchten mussten. Ich erinnere mich, wie meine Mama und ich Hand in Hand und heulend wie Schlosshunde über den Checkpoint Charlie in den Westen liefen. Wir hatten Angst, dass  die Grenzsoldaten sich alles nochmal überlegen und die Grenzen wieder dicht gemacht würden. Ich war damals 16 und hatte das beste Jahr meines Lebens (ausser das Jahr, in dem mein Sohn geboren wurde und das Jahr, in dem ich mit meinem jetzigen Lebenspartner zusammen kam 😀 ) Ich war jung, rebellisch, alles war in Aufruhr, wir hingen in  und um die Kirchen herum, weil sie die einzigen Orte in der DDR waren, wo wir frei unsere Meinung äussern durften.

Das Jahr 89 war hat sich bei mir als wild und wunderschön eingeprägt, alles wurde möglich. Die Unzufriedenheit im Land wurde merklich immer größer. Im Sommer fuhren wir ein letztes mal mit dem Trabi nach Ungarn. Ungarn – der Vorgeschmack auf den Westen, alles war bunt und es gab Afri Cola zu kaufen. Afri Cola! Eines Nachmittags erwischte ich meine Eltern, wie sie über einer Landkarte brütend Wege auscheckten über die sie nach Österreich flüchten konnten. Ich war entsetzt, denn so sehr ich mir auch wünschte, dass das geteilte Deutschland endlich ein Ende hat und meine Familie, von der die eine Hälfte im Westen wohnte, endlich vereint wird, so sehr hing ich an dem Haus,  dass meine Eltern mit ihren eigenen Händen gebaut hatten, ich wollte zurück zu meiner ersten grossen Liebe, zu Omas und Opas, zu meinen Freunden. Ich wollte nicht meine Heimat verlassen, ohne „Auf Wiedersehen“ zu sagen.

Also warfen meine Eltern ihre Pläne über Bord, fuhren mit meiner Schwester und mir zurück in die DDR und stellten noch im August einen Ausreiseantrag. Im September begann ich eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin, da wir nicht wussten, wie sich alles entwicklen würde. Schon wenige Wochen später wurde ich mehrere Male aus meiner Ausbildungsgruppe und der Berufsschule abgeholt von der Stasi  und verhört, mit 16. Ich sollte gegen meine Eltern aussagen. Aber ich weigerte mich und man liess mich immer wieder gehen. Der Hass meiner Mitschüler war teilweise unmenschlich: „Vaterlandsverräterin“ war noch das mildeste, was sie mir hinterherriefen. Aber es gab auch ein paar, die zu mir hielten.

Endlich nach 3 Monaten Warten kam die ersehnte Nachricht: „Sie dürfen am 5. Januar 1990 die DDR verlassen“. Ich verbrachte die nächsten 2 Monate zu Hause und sah zu, wie Stück für Stück der Haushalt meiner Eltern aufgelöst wurde, ein Gutachter kam und schätzte ihr Haus auf die Hälfte unter Wert und für genauso viel mussten sie es dann auch verkaufen. Die Schikanen nahmen kein Ende aber ich freute mich. Ging mit meinen Freunden feiern und verschenkte alles bis auf ein paar Klamotten.  Die letzen Nächte verbrachten wir auf 4 Matratzen in unserem leeren Haus. Alles was wir mitnahmen passte in 2 Autos. Kurz bevor wir die DDR verlassen durften, mussten wir noch einmal ins Gemeindebüro und unsere DDR- Pässe und Ausweise abgeben.Jetzt waren wir staatenlos. Aber es war uns egal. Wir fuhren am Morgen des 5. Januars mit Freude im Herzen gen Süden nach München. Die Stadt von der ich seit frühester Kindheit ein Poster überm Bett hängen hatte (hatte mir mein Onkel aus MUC geschenkt). Ich erinnere mich noch, als ich zurückschaute, wie mein damaliger Freund uns nachwinkte und immer kleiner wurde.

Wir erwarteten alles und nichts. Unsere liebe Münchner Famile nahm uns in ihrem Haus auf, dort wohnten wir ein paar Monate, bis sich alles geregelt hatte, meine Eltern arbeiten gingen und wir eine Wohnung beziehen konnten. Die ersten Monate waren spannend, eine neue Welt tat sich auf. Meine Eltern waren damals so alt wie ich heute. Ich hatte Glück,  dass ich damals so jung war , München ist meine zweite Heimat geworden. Für meine Eltern war es nicht so einfach. Beide sind super ausgebildet, haben studiert. Dennoch wurde es nicht anerkannt und Freunde in dem Alter zu finden, ist auch nicht so easy wie für eine 16jährige, die das Leben mit jeder Faser aufsaugen will. Auch heute nach 27 Jahren  ist es immer noch da, das Heimweh. Bei mir und meinen Eltern. Ich hatte trotz DDR eine wunderbare Kindheit und Teenagerzeit in der Stadt, in der ich aufwuchs und Dank sozialer Medien immer noch Kontakt zu einigen Freunden von damals. Viele haben ihre Heimat ebenso verlassen müssen, einfach weil es keine Jobs dort gab und immer noch nicht gibt.

Vielleicht kehre ich eines Tages zurück und lebe im Haus meiner Großeltern, dass glücklicherweise unserer Familie gehört und verbringe meinen Lebensabend dort. Wer weiss, aber so lange finde ich es hier schön und geniesse die Vorteile und Schönheit meiner 2. Heimatstadt, München.

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