400 Jahre Versailles – eine einzigartige Geschichte
Versailles ist eine Reise wert. Kein Schloss weckt so viele Phantasien und Träume wie Versailles. Wenn wir nur den Namen hören, denken wir sofort an prunkvolle Feste und Diners, erleuchtet von tausenden Kerzen, wir denken an gloriose Inszenierungen und Pomp und wir denken auch an all die Könige und ihre Maitressen, die in den Boudoirs Politik machten, wir denken an fantastische Kleidung mit überreichen Stickereien, gepuderte Perücken und Schmuck, so kostbar, dass er ganze Königreiche in den Ruin stürzen konnte. Versailles war nicht nur politische Bühne, sondern auch ein Ort der Kunst: Hier hat Moliere seine Stücke aufgeführt, Lully das Ballett neu erfunden, Boucher die Maitressen Ludwig XV gemalt und eine Frau, Elisabeth Vigee-Lebrun den Hofstaat von Marie Antoinette. Madame de Pompadour hatte ihr eigenes Orchester und auch Marie Antoinette spielte Theater, wenn sie sich nicht ganz in ihre Bauernhaus-Traumwelt im Park zurückzog, wo sie einfach Schäferin sein durfte und nicht die Königin sein musste. In Versailles wurde geliebt, gehasst, Intrigen gesponnen, Klatsch ausgetauscht, es wurde Geschichte geschrieben und Geschichte zerstört.
Viele denken ja, Ludwig der XIV hätte das Schloss komplett selbst gebaut – aber eigentlich hat er es nur erweitert. Obwohl Heinrich IV. die wildreichen Wälder des bescheidenen Dörfchens Versailles schätzte, war es sein Sohn Ludwig XIII., der diesen Ort für ein Jagdschloss auswählte, das er 1623 vollständig in Besitz nahm. Einige Jahre später ließ er an der Stelle des Pavillons einen größeren Palast errichten. Dieser Palast, der komfortabler und besser ausgestattet war, war für die königlichen Bedürfnisse besser geeignet. In diesem Palast verbrachte der künftige Ludwig XIV. um 1640 einige Nächte, als er noch ein Kind war. Der Innenhof mit dem schwarz-weißen Marmorboden ist vom Urschloss bis heute erhalten.Der Palast des Sonnenkönigs
Natürlich verdanken wir dem Sonnenkönig den Palast, den wir heute sehen. Um ganz Europa von der Pracht und Wichtigkeit seiner Herrschaft zu überzeugen, ließ Ludwig XIV. 1661 den bescheidenen Palast seines Vaters in eines der schönsten Gebäude der Welt verwandeln. Und, weil er einfach nur weg wollte aus Paris. Er hat die Stadt gehasst, er musste in seiner Jugend den Aufstand des Adels miterleben, der ihm ein tiefes Misstrauen gegenüber dem eigenen Hofstaat eingepflanzt hat. Er wollte die Bande unter seine Kontrolle bekommen. Im Jahr 1682 richtete er dort deswegen seinen Hofstaat ein. Ein eigenes Universum mit ihm als die Sonne im Mittelpunkt. Seine Nachfolger, Ludwig XV. und Ludwig XVI., blieben im prunkvollen Palast. Nicht zuletzt deswegen, weil man dort so angenehm wenig mitbekam von den Sorgen und Nöten draußen.
Im 19. Jahrhundert blieb Versailles trotz der Umwälzungen mehrerer aufeinander folgender Regime in Frankreich ein starkes politisches Symbol. Nach der Revolution wurde das Schloss von Louis-Philippe 1837 in ein Museum umgewandelt, das „allen Herrlichkeiten Frankreichs“ gewidmet ist. Mit dieser neuen Bestimmung des Schlosses spielte Versailles weiterhin eine wichtige Rolle in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, von der Ausrufung des Deutschen Reiches 1871 bis zur Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919.

Nicht nur Glanz und Gloria
Für mich ist Versailles ein Muss, wenn ich nach Paris fahre. Aber ich mache dort selten Fotos, denn ich bin dann immer auf einer Zeitreise in die Vergangenheit. Ich genieße es, einfach durch die Parks zu wandern oder mich an die Springbrunnen zu setzen und mir vorzustellen, wie es damals gewesen sein muss. Denn, ganz ehrlich, so, wie wir uns das heute vorstellen, so ist es nie gewesen. Nicht mal für den König und die Königin. Ja, es gab all den Prunk, den ich beschrieben habe, das Schloss war blendend schön…ABER: die Zeiten damals waren es nicht. Die hygienischen Verhältnisse waren grauenhaft, der Sonnenkönig musste zum Beispiel seinen Hofstaat anweisen, nicht immer gegen die Türen zu pieseln. Unschön. Außerdem müssen wir uns Ofenrohre kreuz und quer durch die prunkvollen Räume und Gänge vorstellen, denn es gab zwar eine Küche im Schloss, aber die war für den König und seine Familie gedacht. Die niederen Adligen mussten ihr Essen aus den Stadtvillen kommen lassen und dann in Versailles erwärmen. Auf kleinen, rußenden Öfen in ihren Appartements, denn die Microwelle war noch nicht erfunden. Eine andere Möglichkeit waren die Gasthäuser rund um den Palast oder sich irgendwo beim Hochadel so einzuschleimen, dass man an eine der wenigen Tafeln kam, wo es Essen gab. Gar nicht so einfach…
Die Adligen kämpften mit Läusen und Flöhen, Bettwanzen und anderem Getier. Und miteinander um bessere Appartements. Denn die richtige Wohnlage war damals wie heute Statussymbol. Je näher am König umso besser. Wer ganz oben in den Mansarden des Schlosses wohnen musste, war ganz unten in der Hackordnung.

Wäsche im Prunkpark
In den eigentlich so malerischen Gärten hingen die königlichen Wäschereien ihre Wäsche zum Trocknen auf, die Brunnen verwandelten sich im Sommer in stinkendes Brackwasser und es gab viele Mücken. Es sollte zwar alles so aussehen, als ob der Wille des Herrschers auch die Natur bezwingt, aber die Natur hat dem König oft ein Schnippchen geschlagen. Zu Marie Antoinettes Zeiten kam dann ein Park im englischen Stil dazu, also kontrolliert verwildert, mit ihrem eigenen Bauerndorf, einem Fluchtort im Fluchtort.
Der Park wurde, wie auch das Schloss, eigentlich dauernd umgebaut, um der aktuellen Mode zu entsprechen. Die fantastischen Badezimmer (eher eine Wellnesswelt von 3000 QM) der großen, klugen Geliebten von Ludwig XIV, Madame de Montespan, wurden nach deren Fall umgebaut, auch die barocke „Treppe der Gesandten“ gibt es nicht mehr, weil sie Ludwig XV einfach zu altbacken war. Wer sie sehen will, muss Schloss Herrenchiemsee besuchen, der bayerische Märchenkönig hat sich Versailles dort nachgebaut. Auch dieses Versailles ist eine Reise wert und von München aus in einer guten Stunde erreichbar.

Versailles ist eine Reise wert
2024 wird es in Versailles wieder viele Ausstellungen geben, unter anderem die Seidenstoffe und Möbel, mit denen Napoleon das Schloss wieder herrichten ließ, oder eine Ausstellung über das Pferd in der Kunst. Aber das eigentliche Wunder ist das Schloss selbst. Ich kann euch nur raten, für eure Parisreise einen vollen Tag einzuplanen für das Schloss und die Gärten. Es lohnt sich. Es gibt wenige Orte auf der Welt, in denen man so gut eintauchen kann in die Geschichte und sich reinträumen in eine andere Zeit.

