New England – Halloweenreise auf den Spuren von HP Lovecraft

Neuengland an einem kühlen Oktoberabend hat einen ganz eigenen Charme. Die Luft riecht nach feuchtem Laub, nach Kaminholz und ein wenig nach Vergangenheit. Nicht jener Vergangenheit, die man aus Geschichtsbüchern kennt – eher die, die sich mit einem räuspernden Flüstern in den Nacken legt, wenn man glaubt, allein zu sein. Perfekt für eine Halloweenreise!

Wo normale Touristen eine Idylle sehen, sah Gruselautor H P Lovecraft ein ganz anderes New England. Die einen bewundern romantische alte Häuser, er sah Hexenrituale und bösartige kleine Monster in den Ecken wuseln. Statt einer hübschen Fischerstadt am Meer mit Lobsterrolls und gemütlichen Lokalen sah er bodenlose Riffe unter der Wasseroberfläche, an denen sich grauenhafte Kreaturen festklammern, in den schönen Wäldern fühlte er sich von wispernden Aliens verfolgt. Im ganz normalen Alltag kann das Grauen um die nächste Ecke warten.

Horrorautor H P Lovecraft

Er schuf damit ein einzigartiges Horror Universum, das bis heute viele Menschen begeistert. Ich gehöre auch zu seinen Fans und lese seine Kurzgeschichten immer wieder gerne. Will man in Lovecrafts Welt eintauchen, muss man eine Reise nach New England unternehmen, denn dort war seine Heimat, und dort spielen viele seiner Geschichten: Träume im Hexenhaus oder das Grauen von Dunwich, die Farbe aus dem All, das Ding an der Schwelle oder Schatten über Innsmouth. Für Lovecraft war diese Gegend nicht nur Heimat, sondern ein Resonanzraum für all die Dinge, die sich jenseits des Sichtbaren verbergen. 

Beginnen wir in Providence, Rhode Island, Lovecrafts Geburtsstadt. Die College Hill Nachbarschaft wirkt unheimlich in einem endlosen Dämmerlicht. Die schmalen Straßen, die alten Schindelhäuser, die Kirchen mit spitzen Türmen – alles scheint hier ein wenig zu lange zu existieren  -jedenfalls aus Lovecrafts Blickwinkel. Der Swan Point Cemetery ist dabei kein makabrer Halt, sondern ein Pflichtbesuch. Denn Lovecraft wurde hier begraben, zwischen hohen, düsteren Bäumen. Wenn man dort steht, während die Sonne sich verabschiedet, kann man verstehen, warum er meinte, die Welt sei voller Risse, und durch diese Risse blinzele etwas Uraltes zurück.

Der Gruselgott Chulthu wartet in der Tiefe

Weiter nach „Arkham“ – oder besser gesagt, Salem, Massachusetts. Arkham gibt es nicht wirklich, die Stadt war für Lovecraft das Tor zu einer seltsamen, anderen Welt, voller Goule und Gespenster. Die Batman-Comics zollen dem Ort mit dem „Arkham-Asylum“ einen Tribut, denn in dieser Irrenanstalt sind die schlimmsten Verbrecher Gothams untergebracht.

Das Haus des Hexenrichters in Salem

Die alte Stadt Salem war dafür Vorbild, denn Salem war und ist für seine verrückten Hexenprozesse berühmt-berüchtigt. Aber beim Schlendern durch die alten Viertel, vorbei an grauen Holzhäusern, versteht man, dass Salem für Lovecraft noch ein zweites Gesicht hatte, eines, das nicht in den Museen zu finden ist. Manche Türen knarren zu lang. Manche Dachböden scheinen mehr Schatten zu besitzen als nötig. Man setzt sich in ein altes Café, trinkt schwarzen Tee, und spürt: Dies wäre ein Ort, an dem ein Mythos nur darauf wartet, aufzuwachen.

Die Reise gewinnt an Tiefe, wenn man nach „Dunwich“ fährt – und hier landet man in der stillen, ein wenig vergessenen Landschaft des Pioneer Valley in Westen Massachusetts. Hügel, die von Nebel überzogen sind, Scheunen, die aussehen, als hätten sie schon bessere Jahrhunderte gesehen. Der „Dunwich Horror“ spielt hier, in meinen Augen seine vielleicht beste Geschichte, – und dieses Gefühl von etwas, das in den Hügeln leben könnte, ist spürbar. Besonders in der frühen Morgendämmerung, wenn die Welt so still ist, dass jeder Schritt laut erscheint. Man wandert und hat den Eindruck, dass ein Wald nicht nur ein Wald ist, sondern das gleich ein kosmisches Monster durch die Bäume bricht.

Die Wälder Vermonts sind wunderschön

Zum Abschluss führt der Geistergrusel uns nach „Innsmouth“ – für das Lovecraft sich sehr wahrscheinlich von Newburyport und Gloucester inspirieren ließ. Die Hafenstädte wirken malerisch, fast idyllisch, bis man genauer hinsieht. Die alten Fischlagerhäuser stehen wie Wächter am Wasser. Möwen schreien, als hätten sie schlechte Nachrichten zu überbringen. Wellen schlagen an den Kai, rhythmisch, beinahe ritualhaft. Man sitzt am Pier, sieht in die graugrüne Tiefe und denkt unweigerlich über Dinge nach, die man besser nicht benennt. Die See hat Launen, und manche Geschichten leben dort unten wie Seegras, das sich im Takt mit der Strömung bewegt – und etwas lauert, dich in die Tiefe zu ziehen…

Für eine Halloween-Reise bedeutet Neuengland deswegen nicht nur Kürbisse und Plastikspinnen. Es bedeutet, die Zeit wie eine Tür anzulehnen und nicht ganz zu schließen. Orte wie Providence, Salem, Dunwich und Innsmouth – ob sie nun real, halb-real oder aus Nebel gebaut sind – bieten etwas, das nicht jeder Urlaubsort hat: einen Nachhall. Man geht dort nicht nur spazieren. Man hört zu. Man nimmt wahr, was vielleicht nicht für das Tageslicht bestimmt ist. Und wenn die Reise endet, hat man das Gefühl, man sei nicht nur durch den Raum gereist, sondern auch ein wenig durch die Zwischenräume. In manchen Regionen dieser Erde ist das Normalste, dass nichts ganz normal ist. Neuengland im Herbst gehört eindeutig dazu.

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