Genießen in und um Lugano
Wer ins Tessin fährt, erwartet in kulinarischer Hinsicht eigentlich, dass dort, an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz eine Mischung aus beiden Küchen entsteht. Und natürlich gibt es in Lugano und Umgebung hervorragende italienische Restaurants, viele Pizzerien und Traktoren. Und es gibt auch hervorragende Schweizer Schokoladen und Schweizer Desserts. Aber vor allem wird in diesem Landstrich eine völlig eigene, eher alpine Küche serviert.

Herzhaft, deftig, geprägt von der Notwendigkeit der Haltbarmachung. So dominieren reife Käsesorten, Speck, Schinken, Lardo die Spezialitätenliste. Dazu deftige, schwere Eintöpfe mit Zutaten wie Wild oder anderen Fleischsorten, es wird zum Beispiel Polenta mit lange geschmortem Rinderragout serviert, das ein sehr tiefes und reiches Aroma hat.
Es ist eine Küche ohne Schnörkel, deren Raffinesse und Geschmack auf der guten Qualität der Grundprodukte basiert. Es werden Kräuter auf den Bergwiesen gesammelt, Gemüse gedeiht im mediterranen Klima, hervorragend, die Bienen liefern einen außerordentlich aromatischen Kastanien Honig, auf den das Tessin sehr stolz ist, aus dem See kommen Fische, wenn auch nicht in riesigen Mengen. Sogar Olivenöl wird rund um Lugano selbst angebaut. Kulinarisch ist das Tessin ein Paradies. Was wichtig ist zu wissen: die traditionelle Küche ist keine, die sich für modernere Ernährungsweisen eignet. Vegetarier finden noch was auf den Karten, aber Veganer tun sich schwer. Es gibt natürlich unzählige Lokale, die eine moderne Küche führen und da werden dann alle glücklich.

Aber wir haben mal der traditionellen Küche nachgespürt und die möchte ich euch auch vorstellen. Mir ist klar, dass das Thema Essen kein Einfaches ist, unsere Ernährungsgewohnheiten, sei es vegan, glutenfrei, laktosefrei entsprechen nicht den Angewohnheiten derer, die diese Küchen geschaffen haben. Es wurde nun mal traditionell in vielen Gegenden Fleisch gegessen, tierische Produkte waren gut zu lagern für den Winter.
Deswegen seid mir nicht böse, wenn ich auch Dinge vorstelle, die manche von euch nicht gerne essen.
Grotto Morchino

Eine Grotto ist das typische Gasthaus der Region um Lugano. Grotti waren früher kleine Lagerhäuser rund um den See, die aufgrund ihrer Kühle die Vorräte für das kommende Jahr enthielten. Mittlerweile ist der Kühlschrank erfunden und die kleinen Häuser können einer viel netteren Verwendung zugeführt werden. Es sind mittlerweile kleine Gasthäuser, in denen die regionalen Spezialitäten aus den besten Zutaten bereitet werden, die die Region zu bieten hat.
Man findet sie entlang des Sees oder auch auf den höheren Lagen der umgebenden Berge. Oberhalb Luganos, gibt es eine besondere Grotte, in der schon Hermann Hesse gegessen hat. Die Grotto Morchino gibt es seit 1842 und sie wurde vor kurzem aufwändig restauriert.
Ein fröhlicher Bacchus grüßt die GästeDie Grotto Morcino ist ein wunderhübsches Lokal mit Fresken an der Wand, Kamin und vielen Kunstwerken. Hermann Hesse hat hier nicht nur gegessen, sondern dem Lokal ein literarisches Denkmal gesetzt: „Der Grotto wurde gefunden, im steilen Bergwald auf schmaler Terrasse standen Steinbänke und Tische im Baumdunkel, aus dem Felsenkeller brachte der Wirt den kühlen Wein. ………..Langsam stiegen aus den irdenen bläulichen Tassen, Sinnbild der Vergänglichkeit, die bunten Zauber, wandelten die Welt, färbten Stern und Licht……“ Hermann Hesse 1919 So poetisch kann man ein Restaurant auch beschreiben. (Zur Erklärung: früher trank man im Tessin den Wein aus kleinen Keramiktassen. Mittlerweile gibt es überall die üblichen Weingläser.)

Zu unserem Besuch war es für ein Mahl draußen noch viel zu kalt. Wir gingen – anders als Hesse – in den schönen, kleinen Gastraum. Und das Essen war hervorragend, ich habe mal wieder Rinder-Ragout mit Polenta gegessen und es nicht bereut. Eine wirkliche Schau sind auch die hervorragenden Desserts, ich habe selten bessere Tiramisu gegessen.
Grotto Morchino
Via Carona 1 | 6912 Pazzallo
T. +41 91 994 60 44 | http://www.morchino.ch

Pizzeria Argentino
Mitten am Hauptplatz von Lugano im Herzen der Stadt mit Blick auf den See liegt die Pizzeria Tango, bei einheimischen und Touristen gleichermaßen beliebt. Bei der Nähe zu Italien ist es logisch, dass es in Lugano tolle Pizzerien gibt. Was hier zu schaffen macht, ist die Auswahl. Pizza oder Pasta, Fleisch oder Gemüse. Ich persönlich weiß, dass ich Pizza nicht so gut daheim kochen kann, weil ich einfach den Ofen nicht heiß genug bekomme. Deswegen wähle ich meist Pizza. So auch hier, vor allem weil sie eine ungewöhnliche Variante auf der Karte hatten, die ich sehr mag: Pizza mit Carpaccio belegt. Klingt schräg, ich liebe es aber.

Argentino Bistrot & Pizza
Piazza Riforma | 6900 Lugano
+41 91 922 90 49 | ristoranteargentino.ch
Wildschweinpasta in Bellizona
Eigentlich sollten wir im Burgrestaurant essen, aber das war besetzt. Deswegen mussten wir auf ein anderes Lokal ausweichen. Schade. Oder eben nicht, denn das Catinin di Gatt war auch eine sehr gute Wahl. Das Restaurant, das in einem alten Haus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts untergebracht ist, wurde kürzlich renoviert, hat aber versucht, den alten Charme beizubehalten. Ebenso wie der Name der Trattoria, „Cantinin dal Gatt“, ist auch die Einzigartigkeit des Ortes erhalten geblieben, die sich aus der Bewahrung der Traditionen, dem stimmungsvollen Ambiente der Räume und der Lage in der Nähe der mittelalterlichen Mauern von Castel Grande ergibt.

Dort wird alles frisch selbst gemacht, vom Tortellini bis zum Braten. Ich habe breite Papardelle mit Wildschweinsugo gegessen, was eigentlich der originalen Bolognese viel näher kommt. Denn das Leib-und Magengericht aller Italienliebhaber bestand ursprünglich nicht aus Hackfleisch, sondern aus Ragoutstücken, die so lange geschmort wurden, dass sie zu einer sämigen Sauce zerfielen. Mir hat es wunderbar geschmeckt und das warme Lokal war eine tolle Möglichkeit, dem kalten Wind draußen zu entkommen.
Cantinin dal Gatt
Vicolo al Sasso 4 | 6500 Bellinzona
cantinindalgatt.ch

