Hilgerlicious – Luxus ist unsere Natur

Alles, was das Leben schön macht – aber nachhaltig!

Bewundern wir Menschen mit Geld zu sehr?

Derzeit ist „Inventing Anna“ ein Hit auf Netflix. Ich glaube mittlerweile hat jeder und jede die Geschichte der schillernden Hochstaplerin gehört, die mit selbstbewusstem Auftreten und dem Anschein von sagenhaftem Reichtum sofort in die höchsten Höhen der New Yorker Society aufstieg. Von erfahrenen Bankern bis zu erfolgreichen DJs – alle erlagen der Faszination von Anna und ihren Millionen. Dass sie dabei jede Menge Menschen betrog – geschenkt. Sie wirkte kultiviert, modisch, gebildet – aber eben vor allem reich. Reichtum blendet. Reichtum macht in den Augen vieler alles irgendwie okay. Denn: wer Geld verdient mit dem, was er oder sie tut, macht wohl irgendwas richtig. Wer Geld hat, ist über jede Kritik erhaben. So auch Anna, der man irgendwie verzeiht – weil, hey, macht sie jetzt nicht wirklich Millionen mit ihrer Geschichte?

Wer in Sweatshops produziert, ist „smarter Unternehmer“?

Immer wieder bleibt mir der Mund offen stehen bei Realityshows: Du kannst der letzte Rassist sein, Schwule, Frauen und Transmenschen beleidigen, wenn du nur genug Geld hast, stellt dieses Benehmen keinen allzu großen Makel da. Wer auftritt wie Graf Protz, wird hofiert und ist Teil der High Society. Und leider hofieren viele Menschen und allen voran die Medien halt auch Leute, die wirklich keinen Respekt verdienen. Menschen, die ohne Gewissen in Sweatshops produzieren lassen, Fleischhändler mit den widerlichsten Tierverarbeitungsmethoden, die Leiharbeiter aus Osteuropa zu Dumpinglöhnen einstellen? Startup-Gründer, die ihre Geschäftspartner über die Klinge springen lassen – „Egal“?  Ein Maschmeyer, der Drückerkolonnen aussandte, die unbedarfte RentnerInnen um ihr Vermögen gebracht haben, sitzt als gefeierter Unternehmer bei „Höhle der Löwen“, wird in Zeitschriften wie der Bunten als „feine Gesellschaft“ gehandelt. A feine Gesellschaft, aber echt… Oder Ex-Bundeskanzler Schröder, der seinem Spezl Maschmeyer mit fragwürdigen Gesetzen zur Riesterrente zu seinen Milliarden verhalf, sofort nach der Amtszeit als Cheflobbyist für einen russischen Kriegsverbrecher tätig ist und dank großzügiger Entlohnung merkwürdige Hagebuttenvideos mit seiner Frau dreht. So einer ist ein VIP. Gut, er ist jetzt ein wenig out, aber hätte er nicht längst die Verachtung für sein Verhalten spüren müssen? Was sagt die Welt zu einem Andi Scheuer, der mal lässig Unmengen an Steuermillionen versenkt? Wie kann es sein, dass nicht wenige Menschen Leute bewundern, die jetzt in Krisenzeiten mit Nahrungsmitteln spekulieren, die auf das Verhungern von Menschen wetten? Wie abgefuckt muss man da sein?

Rapper brüsten sich damit, Teil mafiöser Clans zu sein. Das wird dann als „Street Realness“ gefeiert. Frauenverachtung, Drogenhandel, Menschenverachtung und Gewalt? Kein Problem, weil Chabbos wissen, wer der Babbo ist, der im Lambo und Ferrari sitzt. Vor dem Krieg hat auch niemand gefragt, wie das Geld verdient worden ist, das prollige Oligarchen mit ihren schönen Frauen in der Münchner Maximilianstrasse verjubelt haben. Influencer, die mit ihren Produkten Teenies um ihr Taschengeld bringen und dazu noch ihre Kinder aufs Schäbigste vermarkten, sind gefeierte Promis. Was ist toll daran, sein Geld damit verdient zu haben, einen Promi geheiratet zu haben?

Man muss da nicht mithalten müssen

Das Aufhäufen von Dingen, um zu zeigen, dass man Geld hat, sorgt dafür, dass die Konsumspirale sich immer weiter dreht. Wir wollen zeigen, was wir haben, auch wenn wir es nicht haben. Das Netz zeigt uns täglich, was alles benötigt wird, um „dazuzugehören“ – die Erwachsenen jagen nach Statussymbolen wie Autos oder Designerware, Kinder müssen mithalten, indem ihre Eltern nach Möglichkeit jedes Trendspielzeug kaufen, den richtigen Schulranzen, die richtigen Markensneaker. Für immer mehr Zeug braucht man immer mehr Geld. Der Spruch „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen“ hat nichts von seiner Aktualität verloren. Wir kaufen, in der Hoffnung, ein bißchen Glanz abzubekommen von denen, die wir oben sehen. Eine Louis Vuitton Tasche gilt bei vielen als absoluter Traum, als Ausweis, es geschafft zu haben im Leben. Wer sich sowas kauft, aus Spaß an der Freude, weil es ihm der ihr wirklich gefällt – super. Aber sich das Geld vom Mund absparen, um eine zu teure Tasche zu kaufen, nur um zu zeigen, dass man diese Tasche hat – das finde ich falsch. Mit dem Geld könnte man sich vieles kaufen, was das Leben jeden Tag verschönert. Absurderweise können es sich Reiche leisten, Verzicht als neuen Trend zu propagieren – eine Gwyneth Paltrow oder andere Yoga-Influencer müssen sich nichts mehr beweisen. Unsere Umwelt leidet auch mit mit dem Konsum um des Konsums willen. Ich weiß, auch dieser Blog ist manchmal zynisch, in dem Appell an Verzicht – denn viele Menschen, in Deutschland jeder 8!!!!, leben in Armut. Die verzichten von ganz allein. Für die wirken Aufrufe nach längerem Tragen von Kleidung etc wie Hohn. Was andere als hippen Lifestyle zum Umweltschutz sehen, ist für diese Menschen Alltag.

Geld ohne Ethik ist nichts wert

Die letzten Jahrzehnte waren von stetigem Wirtschaftswachstum geprägt. Die Resultate sind – deprimierend: marode Schulen, ein marodes Gesundheitssystem, kaputte Infrastruktur, immer noch schlecht ausgebautes Internet, Rückbau bei der Bahn – nur die oberen 2 Prozent konnten ihre Vermögen verdoppeln. Da läuft was schief und niemand regt sich auf. Ich verstehe das nicht. Dass Geld so derartig bewundert wird, ist nach meiner Meinung eines der Grundübel dieser Gesellschaft. Geld heißt Erfolg, heißt Prestige, Geld heißt: du hast es geschafft. Ich meine, es ist nichts Schlechtes daran, Geld zu verdienen und Geld zu haben, im Gegenteil. Ich gönne auch jedem und jeder den Erfolg, mit einer coolen Geschäftsidee richtig viel verdient zu haben. Es geht ja auch, ohne die halbe Welt zu verseuchen oder andere Menschen hinter die Fichte zu führen. Da gibt es genug Beispiele, wie Leute mit tollen Ideen und viel Einsatz ein gigantisches Business aufgebaut haben. Sowas feiere ich. Aber sollten wir nicht alle auch ein wenig auf die Ethik schauern, auf die Art und Weise, wie dieses Geld verdient wird? Sollen wir nicht alle ein wenig misstrauischer werden dem schönen Schein gegenüber? Weniger devot gegenüber peinlichen Promis, die vor nichts zurückschrecken, um noch eine Million mehr zu machen, auch wenn sie sie nicht mehr nötig hätten? Geld allein ist kein Persilschein. Geld adelt nicht jedes Verhalten. Wenn Geld nicht gleichzeitig Status bedeuten würde, nicht bedeuten würde, im Fernsehen gefeiert zu werden, würden wir vielleicht auch mit weniger Verachtung auf die Hartz4-EmpfängerInnen gucken. Die werden im TV als Gegenbild zu den feschen Reichen vorgeführt, als faul, arbeitsscheu und latent betrügerisch. Ein Ulli Hoeness mit millionenhohem Steuerbetrug ist smart, eine Familie, die 30 Euro zu viel vom Amt kassiert, eine Verbrecherbande. Dieses Denken muss echt aus den Köpfen raus. Denn wir sind da viel näher dran als bei den Leuten vom „Klunkerimperium“.  Oft reicht ein Schritt aus der Lebensbahn, um so gut wie alle, die ihren Wohlstand auf Erwerbsarbeit gründen, aus dieser Bahn zu werfen. Eine Scheidung, eine Kündigung mit 57, eine langwierige Krankheit, ja allein die Rente – und nach spätestens 2 Jahren bekommt man eine Quittung. Da sollten mehr Menschen hinsehen – es ist viel wahrscheinlicher, unten zu landen als oben bei den Reichen dieser Welt. Wir sollten hier mehr Respekt aufbringen, mehr Solidarität zeigen, für mehr Gerechtigkeit und weniger Ungleichheit eintreten. Dann würde sich vieles lösen lassen in unserer Gesellschaft – und besser für die Umwelt wäre es auch noch…