Konsum Mode Nachhaltigkeit

Krise kann auch geil sein oder ist Nachhaltigkeit ist eine Beschiss-Industrie?

Ich bin wohl zu alt, um Fynn Kliemann zu kennen. Vielleicht, weil ich sowieso keine extreme Freundin von YouTubern bin oder von deutschen Singer-Songwritern. Und nachhaltige Hoodies habe ich mittlerweile so viele, dass ich einen eigenen Versand damit eröffnen könnte. Aber, das hab ich jetzt dank Jan Böhmermann erfahren, scheine ich bei der Lichtgestalt der deutschen Nachhaltigkeitsindustrie nicht viel verpasst zu haben. Denn wenn man am Lack kratzt, kommt bei dem schon verdächtig netten Menschen sehr viel unschöner, gar nicht menschenfreundlicher Dreck ans Licht. Angeblich fair hergestellte Masken aus Europa stammen halt doch aus ziemlich üblen Sweatshops in Bangladesch und Vietnam, wurden keineswegs zum Selbstkostenpreis, sondern sehr, sehr teuer in Deutschland verkauft. Mehr als eine Million Gewinn sollte da drin gewesen sein. Die erste Charge, die komplett untauglich war, wurde medienwirksam und unmenschenfreundlich an Flüchtlingslager verteilt – als hochwertige Spende. Ich hoffe, dass hier das Karma wieder zuschlägt… So weit, so scheiße.

Doch leider ist der ach so liebe Fynn keine Ausnahme. Und deswegen bespreche ich auch mittlerweile nur noch Sachen, die mir wirklich gefallen, egal ob als „fairtrade“ „nachhaltig“ deklariert oder nicht. Denn es ist bei vielen, vielen Firmen – vor allem in der Modeindustrie – absolut nicht mehr nachvollziehbar, wo Sachen herkommen. Das ist zutiefst frustrierend. Und viele Fair Trade Firmen werden mich für diese Aussage hassen. Es tut mir leid für all die wirklich guten Bemühungen, sorry. Aber der Gesetzgeber macht es Betrügern viel zu einfach, ihre Machenschaften zu verschleiern. Alles ist völlig intransparent, trotz Transparenzvideos auf Instagram.

Denn wer begibt sich auf eine lange Recherche, wenn man sich eine neue Hosen kaufen will? Ich nicht. Nehmen wir ein T-Shirt. Da brauchen wir erstmal Baumwolle. Wo kommt die her? Wo und vor allem wie wurde die angebaut? Welche Pestizide wurden verwendet, wurden die Arbeiter fair bezahlt? Welchen Weg hat diese Baumwolle über den Globus genommen? Wer hat das T-Shirt geschneidert? Unter welchen Bedingungen? Ganz ehrlich: wer stellt solche Fragen? Siegel sollen dem Kunden die Sicherheit geben, dass er oder sie wirklich ein T-Shirt kauft, für das man sich nicht zu schämen braucht. Fair Wear soll zum Beispiel soziale Standards gewährleisten, also einen fairen Lohn für die ArbeiterInnen in Asien. Aber  das bedeutet nur, dass der in diesen Ländern vorgeschriebene Mindestlohn gezahlt werden muss. Und der ist immer noch viel geringer als das, was man zum Leben braucht. Fair ist das nicht. Leider bedeutet auch ein höherer Preis des fertigen Shirts hier im Laden nicht, dass die Löhne für dessen HerstellerInnen besser gewesen sind. Viele Firmen streichen den zusätzlichen Gewinn einfach selber ein.  Die Branche mit ihrer immensen Intransparenz macht es schwarzen Schafen sträflich einfach. Das hat Fynn Kliemann gerade eindrucksvoll bewiesen. Deswegen: Wer wirklich fair kaufen will, ist auch bei Labeln, die mit ihrer Fairness werben, gut beraten, weiter nachzuforschen. Da wird mit Biobaumwolle geworben, von der dann 5 Prozent enthalten sind, es deklarieren sich Firmen als Fair Trade – aber nur Teile des Sortiments sind nachhaltig. Und all diese Praktiken schaden Firmen, die wirklich ihr Herzblut geben, die Welt mit ihren Waren ein wenig besser zu machen. Die müssen laut werden und mit harten Bandagen gegen die fiese Konkurrenz vorgehen.

Die Politik muss handeln und wirklich knallharte Vorgaben machen, Transparenz gewährleisten und drastische Strafen für Betrüger verhängen. All die wachsweichen Vorgaben momentan sind Kokolores.  Wie etwa das Lieferkettengesetz. Das ab dem 1. Januar 2023 in Kraft tretende Lieferkettengesetz soll Unternehmen verpflichten und in Haftung nehmen, menschenrechtswidrige Produktionsverfahren und Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten zurückzuverfolgen und Maßnahmen zu ergreifen, um Missstände zu beseitigen. Dies betrifft nicht nur Aktivitäten im eigenen Unternehmen, sondern auch die Geschäftsbereiche Ihrer Lieferanten und Vorlieferanten in allen Phasen ihrer Lieferkette. Prinzipiell nice, nur betrifft das

  • Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten
  • Ab 2024 auch Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern.
  • Zudem sitzt die EU-Kommission derzeit an einem Entwurf, der schon Unternehmen ab 500 Mitarbeitern einschließen würde

Und so könnten kleine Startups wie das von Fynn Kliemann weiterhin ungecheckt bescheißen.

Deswegen – das wäre mein Vorschlag: Wir lassen den Quatsch, kaufen uns, was uns gefällt, und beschränken lieber den Konsum. Wenn uns einer fast Fashion Marke gefällt, kaufen wir es uns und tragen es einfach länger. Niemand wird gezwungen, Kleidung nach ein paar Mal tragen auszusortieren. Wire können Kleidung länger tragen, reparieren, etwas neues daraus kreieren, verschenken, weiterverkaufen – einfach ihr ein wesentlich längeres Leben schenken. Leben wir selbst nachhaltig, in dem wir unsere Einkäufe mehr schätzen. Das System kann nur funktionieren, wenn wir uns alle besinnungslos shoppen. Und da zwingt uns ja kein Mensch dazu. Viele Leute halten dagegen: dann haben die ArbeiterInnen keinen Job mehr – ist das dann besser? Nein. Aber das ist ein Trugschluss. Es wird ja immer noch genug Mode benötigt. Wenn die Konsumenten massiv fordern, dass qualitativ gute Ware verkauft wird, wird es diese Ware auf dem Markt geben. Wenn es machbar ist, nachweisbar fair hergestellte Kleidung zu Löhnen, die ein gutes Leben ermöglichen, hier in Deutschland anzubieten, werden wir sie kaufen.

Es ist übrigens nicht nur bei Kleidung so, auch bei Lenensmittel bleiben die Versprechungen intransparent und vage. Was man kauft? Eigentlich kaum zu beantworten… „Obwohl es einheitliche und anerkannte Grundsätze des Fairen Handels gibt, hat jede Fair-Handelsorganisation und jedes Produktsiegel der Fairhandels-Zertifizierer eigene Kriterien. Unterschiede gibt es hier vor allem in den Standards für verarbeitete Lebensmittel mit mehreren Zutaten, den sogenannten Mischprodukten. Monoprodukte, die nur aus einer Zutat bestehen, zum Beispiel Kaffee, Tee, Kakao oder Reis, müssen 100 Prozent faire Zutaten enthalten. Hier gibt es kaum oder nur geringfügige Unterschiede zwischen den verschiedenen Akteuren“ schreibt hier die Verbraucherzentrale. 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

1 Kommentar zu “Krise kann auch geil sein oder ist Nachhaltigkeit ist eine Beschiss-Industrie?

  1. Du hast ja so recht! Ich kaufe schon lange gemäßigt ein, trage Kleidung bis sie mir fast vom Körper fällt, Oder ich kauf Second Hand-Kleidung. Ich wünschte, das würden mer Keute tun. Aber das ist wohl Illusion.
    LG
    Ulrike

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