Schlangestehen beim Onlinekauf oder: warum bin eigentlich immer nur ich zu spät?

Vor einiger Zeit lud mein Arbeitgeber uns alle in die Zentrale nach Frankfurt – alle feierten, aßen, tranken und hatten Spaß – nur drei Kolleginnen nicht. Wir starrten auf unsere Handys und warteten. Und warteten. Millimeter für Millimeter verfolgten wir einen kleinen blauen Balken, denn wir standen in der virtuellen Kartenschlange vom Ed Sheeran Konzert. Eine geschlagene Dreiviertelstunde. Dann endlich rein zum Einkauf -Hurra!!!!! – Stehplatz! „keine Karten vorhanden“ Sitzplatz Tribüne Ost? „Keine Karten vorhanden“… es war ein Hase und Igel-Spiel. Wo auch immer ich gesucht habe, andere waren schon vor mir da. Wie machen die das? Meine Kolleginnen hatten in Frankfurt mehr Glück. die bekamen Karten, als ich endlich dran war, gab es nur noch Plätze mit Sitzbehinderung oder das VIP-Paket. Beides war nix für mich. Ich hatte dann Glück, der Sänger hat ein zweites Konzert drangehängt, da war das dann kein Problem mehr. Bei Lady Gaga und ihrem einzigen!!! Auftritt in Deutschland war es wieder das Gleiche. Wieder drängten sich die Massen durchs digitale Nadelöhr. Mittlerweile hab ich eine einzige Stehplatzkarte erworben. Eine Zweite für eine Freundin wird noch gesucht.

Es ist so anstrengend geworden mit den Online-Vorverkäufen. Eine halbe Stunde vorher einloggen, im Wartebereich rumstehen, und dann sofort losstürmen – virtuell. Die Karten können oft nicht in den Wagen geladen werden, die Kategorie, die man will, muss immer wieder neu geladen werden, damit ich mitbekomme, ob Karten ins Kontingent zurückwandern – es ist ein Elend. Bis man selbst an der Reihe ist, verkaufen die Ersten schon wieder ihre Tickets zum doppelten Preis bei Ebay. Vielleicht sollte ich nur noch Karten für irgendwelche unbekannten Indiebands kaufen, das ist stressfreier.

Designerschnäppchen schwer gemacht!

Genauso ist es mittlerweile bei Online-Verkäufen limitierter, begehrter Kollektionen. Ich lande meist auf den Loserplätzen. Neulich war es wieder soweit – eine schicke Designer-Kollektion von Iris Apfel bei h&m. Wow, so bunt, so speziell! Da wollte ich zuschlagen. Ich hatte mir also bei der Kollektion eine Bluse und einen Rock ausgeguckt. Das ist alles eh zu ausgefallen für die Leute, hab ich mir gedacht. Zu bunt und so. Aber als ich pünktlich zum Start der Kollektion einkaufen wollte, war binnen 5 Minuten alles weg. Absolut alles. Ach ja, eine Kette hab ich noch ergattert, aber als ich die zahlen wollte, war auch sie aus meinem Warenkorb verschwunden – gewinnen tut nämlich diejenige, die am schnellsten Richtung Kasse entschwindet. Also mehrere Teile kaufen, wegen der Größe überlegen? Das geht nicht. Da heißt es reinschmeißen in den „Wagen“ und sofort zu Kasse sausen – und hoffen, das passt alles. Da haben die, die sowieso nur für den Resale einkaufen, bessere Karten. Mittlerweile gibt es limitierte Schokoladen wie die Einhornschokolade von Ritter Sport, die dann für 24 Euro das Stück weiterverkauft wurde, limitierte Badeschaumsorten oder Kuchenformen von Influencern. Okaaaay….

Bei teuren, limitierten Sneakern schreiben sich Menschen mittlerweile Computerprogramme, die den Einkauf für sie übernehmen. Die Bots kaufen dann ein, was sie in die digitalen Griffel kriegen, die Einzelkäufer, die die Schuhe vielleicht sogar tragen wollen, haben das Nachsehen. Die Sneaker sind ganz kurz nach dem Kauf das Vielfache ihres Preises wert. Dieses wilde Treiben hat mittlerweile sogar die Sneakerhersteller in Krisen gestürzt, denn deren reguläre, nicht ganz so technisch affine Klientel war zu recht sauer, dass sowas möglich ist. Nike hat nebenbei dann noch seine US-Geschäftsführerin rausgeschmissen, deren Sohn „zufälligerweise“ einen äußerst erfolgreichen Sneaker-Resale-Handel betrieben hat – und Mutti ihm wohl unter der Hand Vorteile gewährt hat und limitierte Sneaker für den Shop vom Sohn abgezweigt. Kann man machen, ist aber dumm. Ich hab mir bis jetzt nie etwas davon bei Ebay erworben, so gern ich manche Sachen gehabt hätte, aber ich unterstütze diese Raffkes nicht. Mir ist klar, dass bei Kooperationen mit Luxuslabels die Verknappung immer Teil des Hypes ist, dass eben ein Preis gezahlt werden muss. Will man große Namen günstig, muss man eben schnell sein. Oder das teure Original kaufen, nicht die Koop. Warum der Run so groß ist, ist klar: etwas Exklusives, das vermutlich schnell richtig an Wert gewinnt. Ich gehöre zu den Doofen, die das lieber selber tragen und nicht aus Sneakern Aktien machen.

Auch im Luxussegment geht es hoch her

Selbst die Bereitschaft, viel Geld zu investieren, genügt noch nicht, Online zu den Gewinnern zu gehören. Zum Beispiel bei den neuesten „Drops“ (so nennen sich Verkäufe begehrter Items) von Luxusmarken stehen die Käufer online Schlage. Die Streetwearmarke Supreme hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht – viele schnelle Drops, schwups und wieder weg. Wenn Supreme mit Topmarken wie Vuitton oder Tiffany kooperiert, ist das Internet down… Neue begehrte Handtaschen verschwinden so schnell aus den Regalen der Onlineshops, da blinzelt man kurz und die Sachen sind ausverkauft. So ist das auch bei Rolex-Uhren, da gehen die Klickzahlen hoch, wenn wieder ein ungewöhnliches, seltenes Modell auf den Markt kommt, das traumhafte Preissteigerungen erwarten lässt. Legenden bekommen liebevolle Spitznamen, die sich nicht zufällig wie Superhelden anhören: Batman in blau-Schwarz, wie die grüne Hulk oder die GMT-Masters lassen die Sammler wie die Wiesel durchs Netz sausen. Derzeit ist wieder eine neue Uhr der Hype, eine GMT-Masters II mit grün-schwarzer Lünette und der Krone auf der linken Seite. Das wird kultig – da sind sich alles sicher. Wenn ich das nötige Kleingeld hätte, fände ich als Linkshänder diese Uhr sehr begehrenswert. Aber vermutlich wäre ich auch schon wieder zu spät dran…