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Wir alten Frauen sind plötzlich hip!

Als Heidi Klum letztes Jahr meinte, sie würde nun echte Diversity suchen, auch Frauen jeden Alters, hab ich gedacht, naja, dann kommen halt ein paar Endzwanziger mit – aber dass auch Frauen jenseits der 60 mitmachen, hat mich überrascht. Positiv überrascht. Mist, da hätte ich mich auch bewerben können, mit mir hätte Heidi Klum jede Menge Diversity auf einmal gehabt: über 50, Plus-Size, zu klein – und auf High Heels gehen kann ich auch nicht. Also fast die perfekte Kandidatin. Spaß beiseite – es ist toll und ein Schritt in die richtige Richtung. Leider zeigt die Auswahl der Kandidatinnen, dass man nicht wirklich an den Frauen als ernsthaften Models interessiert ist, sondern an Drama, Baby, Drama und an Unterhaltung versprechenden Konstellationen.

Ein Model, eine coole Mama und eine Ulknudel

Martina, Lieselotte und Barbara – drei Best Ager Models bei GNTM Foto: Pro7

Denn die Frau namens Barbara, die wirklich als Best Ager Model getaugt hätte, die fliegt als Erste raus. Barbara ist umwerfend schön, elegant, kann sich bewegen – aber sie macht den ganzen Kladderadatsch nicht mit. Drin bleiben eine lustige, aber völlig untalentierte Quatschnudel und eine recht schöne, schlanke Frau, die zusammen mit ihrer Tochter in der Show antritt. Das Mutter-Tochter-Gespann bietet natürlich viel Kameragold, die Quatschnudel namens Lieselotte versteht kein Wort Englisch, kapiert die Anweisungen nicht und verwandelt jeden Laufsteg in ein Schmierentheater. Es ist peinlich zum Beobachten. Außerdem macht sie mindestens so viel Drama und Gedöns wie Teenagerinnen. Fühle ich mich von diesen Frauen repräsentiert? (Von Barbara vielleicht) Natürlich nicht. Ich erwarte von erwachsenen Frauen mit viel Erfahrung im Leben, dass sie sich nicht in Mobbing, Rassismus und Gezeter hineinziehen lassen, sondern mütterlich – gelassen die Gemüter beruhigen. Aber vermutlich ist  eine Frau, die das gelassen sieht, schnell draußen, siehe Barbara. Und vielleicht gehört das auch irgendwie dazu, dass wir nicht nur jünger aussehen, sondern uns auch jünger benehmen. Diesen Widerspruch zwischen abgeklärt und immer noch ratlos fühle ich auch in mir. Insofern sind die drei Damen (und Heidi Klum selbst, die auch schon zu Best Ager Models zählen würde, was sie sicher nicht gerne hört), doch sehr gute Vertreterinnen unserer Generation.

Frauen Ü50 sind toll

Aber nochmal: die neue Hipness und Sichtbarkeit sind ein Schritt in die richtige Richtung. Frauen über 50 sind toll. Und immer noch sehr attraktiv. Wir sind stark und mutig, wir beginnen noch mal was Neues. Wir suchen uns noch einen neuen Partner – oder leben zufrieden und selbstbewusst allein. Wir sind erfolgreich im Job – oder machen etwas ganz anderes. Wir gründen Firmen – oder ziehen uns ins Private zurück. Wir machen, was wir wollen – und es geht so unendlich viel. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir oft cooler sind als jüngere Frauen. Einfach, weil wir durch so viele Zeiten gekommen sind. Geboren in der Hippie-Ära, aufgewachsen in den 70ern und 80ern, die zwar auf der einen Seite so bunt waren wie kein Jahrzehnt davor oder danach, aber auf der anderen Seite aber immer noch die große Spießigkeit herrschte. Frauen waren Menschen 2. Klasse im Job, in der Ehe durfte ungestraft vergewaltigt werden und Frauen durften ohne Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten. Sexismus war an der Tagesordnung. Überall. Wir wissen, wie weit wir gekommen sind und wie schwer der Weg war. Und schauen manchmal Augenverdrehend auf die jetzige Generation, die alle Möglichkeiten hat und sich dann doch wieder für althergebrachte Rollenmodelle entscheidet. Aber bitte, sollen sie, wir reden ihnen da nicht drein. Wir haben Besseres zu tun.

Stilikone mit 100: Iris Apfel

Stilikone mit 100. Ihre Modelkarriere begann mit Mitte 80 – Iris Apfel designt nun für H&M Foto: H&M

Warum nicht Model werden mit Mitte 60 oder Stilvorbild? Das feiere ich bei GNTM (bei allen Minuspunkten) und ich feiere mindestens genauso die Modekollektion der 100jährigen Superstylerin Iris Apfel mit H&M, die ich (wie vermutlich Millionen anderer Frauen) zu meinem persönliches Idol erkoren habe. Wenn ich mal so alt bin, will ich auch so aussehen – Stilziel: exzentrische Alte. Iris Apfel war nie das, was man eine Schönheit genannt hat, aber sie hatte und hat ein Händchen für Mode. Für mich ist sie eine wunderbare Inspiration, ich hab ihr Buch gelesen und bewundere ihre Modesammlung. Auch wenn ich nicht so bunt angezogen bin, jedenfalls noch nicht. Das muss ich auch gar nicht. Iris Apfel ist da sehr weise: „Nur wenn du weißt, wer du bist, kannst du deinen Stil entwickeln“. Ich denke, ich komme mittlerweile da hin, das genau zu wissen. Das ist auch eine der positiven Aspekte des Ü50-Seins. Stil sind nicht 20 teure Designertaschen, Stil ist nichts, was teuer sein muss, aber Stil erkennt man, wen wir ihn sehen. Unsere Gesellschaft ist leider nicht gut darin, dass sich Leute entfalten können. Immer noch nicht. Ich denke, da müssen wir Ü50 ran. Was haben wir zu verlieren? Ich werde mir vermutlich – wenn ich sie ergattern kann – ein, zwei Teile der Kollektion kaufen, die es ab 31 März gibt. Und mal schauen, mit was ich dir kombiniere. Weil – alles geht…

 

 

6 Kommentare zu “Wir alten Frauen sind plötzlich hip!

  1. Pingback: Schlangestehen beim Onlinekauf oder: warum bin eigentlich immer nur ich zu spät? – Hilgerlicious – Luxus ist unsere Natur

  2. Hm….kann irgendwie gar nicht mitreden, da ich GNTM gar nicht gesehen habe. Aber gut, wenn Diversität Einzug hält und gut, dass wir Ü50 in der Tat eine ganz eigenständig hippe Generation sein dürfen. Jede auf ihre Weise. Fange auch gerade mal wieder neu an und freue mich auf das Abenteuer ALLEIN wohnen. Hoffentlich finde ich es dann auch noch so reizvoll, wie ich schon lange davon geträumt habe 🙂

    • katrin hilger

      Ich bin vor 2 Jahren den umgekehrten Weg gegangen und hab mich nochmal an das Zusammenleben gewagt. Auch nicht so einfach als alte Eigenbrödlerin. Was hältst du von einem gebloggten Gedankenaustausch zu dem Thema? Beziehung, zusammenziehen – da gibt es für ältere Menschen ganz andere Gesichtspunkte…

    • Fände ich super. Aber nur bei Dir, denn bei mir lesen zu viele verletzte Gefühle mit…deswegen schreibe ich nie über sowas, auch wenn ich zu dem Thema seeeeeeeeeeeeeeeeeeeehr viel zu sagen hätte!

  3. Wir sind auch „Fans“ von Barbara – und dass sie als erste rausfliegen musste war für uns auch der Grund, GNTM nicht weiter zu schauen (läuft nebenher, wenn wir Wäsche falten/bügeln, Essen vorbereiten etc). Wie du auch geschrieben hast, der Rest ist zu vergessen und typisch GNTM. Ist halt typisch „diversity-washing“ (gibt es das Wort?) um die Einschaltquoten am Anfang noch über 0 zu halten…

    • katrin hilger

      Die Einschaltquoten sind dieses Mal sensationell. Da hat man zb Menschen wie mich abgeholt, die schon sehen wollen, wie sich Altersgenossinnen so schlagen…

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