Gesellschaft Konsum

Wir werden uns viel verzeihen müssen…eine Corona (Zwischen)-Bilanz

Nun ist er da gewesen, der „Freedom-Day“, aber statt mit einem lauten Knall einer Champagnerflasche zu feiern machte allenfalls ein stilles Mineralwasser Plop. Irgendwie gab es ja auch nichts zu feiern. Zum einen endet ja nichts wirklich, vielleicht am 2. April, vielleicht später oder gar nicht, wer weiß das schon? Außerdem – den einen gehen die Freiheiten viel zu weit, den anderen bei weitem nicht weit genug. Corona hat uns gezeigt, dass es tatsächlich Grenzen der Freiheit gibt, nach der Definition „Freiheit hört da auf, wo sie die Freiheiten anderer beschränkt“ . Und nun mussten wir gesellschaftlich diskutieren, was wichtiger ist – die Freiheit der Vielen oder die Freiheit von gefährdeten Gruppen. Wir haben alle in der Diskussion versagt. Das lag vor allem daran, dass die Diskussion zum Ende hin immer wahnsinniger und verbohrter geworden ist, dass sich die Fronten – auch wenn sich die Gegebenheiten geändert haben, also es endlich eine Impfung gab oder eine Virusvariante, die wesentlich milder zu sein scheint als Vorhergegangene – nicht verändert haben, niemand mehr offen war für Argumente oder Fakten. Sicher ist nur: die einen wollen um jeden Preis zur Normalität vor der Pandemie zurück, die anderen würden gerne für immer in einer neuen, vorsichtigen Welt leben, in der Masken und Abstand Standard bleiben. Verständlich ist beides. Ob eins vernünftiger ist als das andere, das wird sich zeigen müssen.

Sind wir ehrlich: wir sind alle durch mit der Psyche

Denn es ist nicht nur diese Krankheit allein. Viele haben seit zwei Jahren Angst, viele sind selbst an Corona erkrankt und haben Freunde oder Familie verloren, Trauer überall. Viele Existenzen wurden erschüttert oder völlig vernichtet, viele Familien müssen sich in wesentlich bescheideneren Umständen zurechtfinden. Viele Feste wurden nicht gefeiert, Hochzeiten nicht geschlossen, viele konnten nicht würdig beerdigt werden. Es gab keine Partys und nur wenige Dates. Essen gehen mit Maske und Urlaub nur nach einem riesigen Bürokratie-Unsinn. Ja, diese mittlerweile zwei Jahre haben etwas mit uns gemacht. Es ist ist nicht so, dass wir einfach in die Märzsonne lachen könnten, die Masken herunterreißen und dann geht wieder alles seinen Gang. Nein. Wir sind müde, ausgelaugt, psychisch angegriffen von der ewigen Warterei, Angst, Vorsicht, in der wir uns gehalten haben oder gehalten wurden – je nach Weltsicht. Von der Dauerberieselung in allen Medien. Oder wir sind müde im Kampf dagegen, sich nicht vereinnahmen zu lassen von all den widrigen Umständen. Unser Leben verlief anders, als wir es uns erhofft hatten. Mutloser, langweiliger und müder, es waberte alles so dahin ohne große Höhepunkte. Eine ewig gedämpfte Lebensfreude. An der niemand Schuld trägt, das war der Virus allein. Es gab viele Brüche: viele Familien sahen sich nicht mehr häufig, Oma und Opa sollten ja geschützt werden. Ob die nicht den Besuch ihrer Enkel vorgezogen hätten, hat sie niemand gefragt. Andere Familien saßen 24 Stunden in einer Wohnung und nervten sich gegenseitig. Allein ich kenne 4 Ehen, die daran zerbrochen sind, dass Homeoffice von zwei Erwachsenen und gleichzeitiges Homeschooling von mehreren Kindern zu hause mürbe macht und die Nerven stärker belastet, als es sich die meisten vorstellen können. Ein andauerndes sich auf den Nerven und der Nase herumtanzen. Familien, Freundeskreise zerfielen, zum einen, weil man sich nicht mehr treffen durfte, weil der Sport, den man gemeinsam betrieb, nicht mehr ausgeübt werden durfte, zum anderen aber auch, weil die Weltbilder auseinander drifteten. Und das wurde immer schlimmer, je länger es ging. Immer unerbittlicher. Man erklärte sich gegenseitig zu Unmenschen, man haute sich Argumente und Scheinargumente um die Ohren wie Schwerter. Irgendwann – da gab es die Impfungen bereits – wurden die Gräben dann vollends unüberwindlich.

Und wir haben das Vertrauen in unsere Politiker verloren. Maskendeals, Korruption, Überforderung haben  uns Bürgern gezeigt – es ist kein Verlass auf die, wenn es hart kommt. Bei gutem Wetter ist jeder guter Kapitän, aber erst die raue See zeigt, wer was draufhat. Unsere Politiker hatten das nicht. Zudem war die Kommunikation ein Desaster.

Freunde sind in unterschiedliche Richtungen gedriftet

Auch ich stand mit ohnmächtiger Wut auf der Seite der Impfbefürworter, sah meine Freunde auf der anderen Seite der Impfgegner abdriften. Es ist doch nur eine Impfung, sicher und medizinisch vernünftig, da war und bin ich pragmatisch. Ja, sie wirkt schlechter als erhofft, aber sie wirkt. Auch auf der anderen Seite standen Freunde, genauso wütend, weil sie der Meinung waren, ich würde nicht sehen, was uns da allen angetan würde, wie gefährlich die Impfung sei, wie gehirngewaschen ich. Irgendwann hatte ich da keinen Bock mehr drauf. Soll sich doch anstecken wer will. Mich hat die egoistische Art vieler Impfgegner sauer gemacht – dass da manchmal (nicht bei allen) echte Ängste dahinterstanden, hab ich nicht gesehen – oder nicht sehen wollen. Ich hab mich auch zu Wutausbrüchen auf Twitter hinreißen lassen und bin nicht stolz darauf. Aber auch das war und ist diese seltsame Zeit. Dass Leute, die sich mal prima verstanden haben, sich angeschrien haben wie die Marktweiber.

Was wir uns alles verzeihen müssen

1. Wir haben uns gegenseitig das Klopapier weggekauft, die Hefe im Supermarkt versteckt, sinnlos gehamstert. Am Anfang der Pandemie und jetzt wieder. Da wurden massenweise Billignudeln gehortet und dann weggeschmissen, als sie nicht mehr benötigt wurden.

2. Wir haben uns gegenseitig angegriffen. Nazi, Staatsfeind, Egoisten, Schneeflocken, Psychopathen – wir haben uns gegenseitig nichts geschenkt und uns wütend beleidigt. Real, aber vor allem in den sozialen Netzwerken. Wir haben unsere Ängste nicht ernst genommen.

3. Wir haben uns nicht mehr zugehört, es war kein Verständnis mehr da. Die andere Seite wurde gleichgestellt mit Abschaum, mit dem letzten Dreck. Das wird sich nochmal bitter rächen, tut es irgendwie schon. Wir sind unversöhnlich und wollen Härten nicht mehr mittragen.

4. Unser Gesundheitssystem ist im Eimer. Unterbezahlt, unterbesetzt, am Limit. Dafür müssten wir zu Millionen auf die Straße gehen, damit wir als Patienten wieder eine optimale, ungestresste Behandlung bekommen und die Pflege ein menschenwürdiges Gehalt. Da sind wir alle viel zu schnell zum Normal übergegangen. Das wird sich noch rächen.

5. Unsere Geduld ist am Ende. Für gefühlt alles.

6. Die Politiker müssen erst einmal wieder beweisen, dass man ihnen vertrauen kann. Corona hat so viel kaputt gemacht. Mit dem Krieg ist eine Chance aus Rehabilitation – führt uns da gut und so unbeschadet wie möglich durch, dann sehen wir weiter.

Psychatrische Beratung würde zurück zur Normalität vielleicht helfen 

Jetzt, wo wieder geöffnet wird, prallen die Gruppen wieder im normalen Leben aufeinander. Und das wird nicht schön. Menschen, die sich zwei Jahre mehr oder weniger zuhause verschanzt haben, die ihre Kinder nicht in die Schule geschickt haben und sich die Lebensmittel kontaktlos vor die Tür haben stellen lassen, treffen jetzt auf Leute, die nichts lieber wollen die wieder gewonnenen Freiheiten zu genießen. Ich fürchte mich sogar ein wenig mehr vor den Einsiedlern, sind die noch sozial kompatibel, oder wird ihnen eine Begegnung beim Bäcker wie eine Apokalypse vorkommen? Vielleicht hätte man – das meine ich völlig ernst – psychologische Schulungen und Beratungen anbieten sollen, um alle wieder ins normalere Leben zu integrieren. Weil irgendwann wird es weitergehen, da nützen auch noch so viele Hashtags #dieMaskebleibtáuf #ZeroCovid etwas. Zero Covid ist nicht mehr erreichbar, war es vermutlich nie. Ganz am Anfang vielleicht, wenn man alle Flüge aus China konsequent gestoppt hätte, keine ISPO, keine Schulungen, keine Touristen. Aber das ist jetzt egal. Denn die ganze Welt ist ein Dorf und die ganze Welt hatte oder hat Corona.

Und wir stecken da noch lange fest drin. Es gibt keinen Ausweg, außer einen: einen Schritt zurücktreten und dann versuchen, wieder respektvoll mit den Mitmenschen umzugehen. der Sonderfall kann noch unser ganzes Leben andauern….

 

 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

5 Kommentare zu “Wir werden uns viel verzeihen müssen…eine Corona (Zwischen)-Bilanz

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  2. g.satansbraten

    „Wir werden uns viel verzeihen muessen……“

    Tja, jedoch werden Einige von uns selbst unter ‚best case‘ diese Zeit nicht mehr erleben, denn das dauert/braucht Zeit!

    Im Prinzip kann/darf man zwar wirklich aaalles machen (was man schafft/kann)*, aber Konsequenzen – zu (wirklich) Allem – sind so sicher wie die alte Regel von „actio is re-actio“ und diese muss man dann eben aushalten (koennen?).
    Z.B. haben – u.a. – sogar einfache (nicht eingehaltene) Hoeflichkeitsvergehen mancher meiner Mitmenschen die ebenso ‚einfache‘ Folge von ca. ‚mein Gemuese-Ueberschuss wird dann eben mit jemand Anderem geteilt, da auch dies eine Freiwilligkeit von mir ist; ebenso wie eben auch die Schlecht-Behandlung durch fruehere (Gemuese-) Empfaenger‘.
    Dies faellt bei mir unter ‚common wealth vs. lone suffering/poverty‘. Wobei Meinungsverschiedenheiten nun mal wirklich kein Grund f. Mord & Todschlag sein sollten.
    Wenn ich mir so meine eigene Vergangenheit ansehe, waere ich dann wohl – aufgrund des Rechts des
    Aelteren/Staerkeren – eindeutig sehr fruehzeitig zum Einzelkind geworden durch ‚erschlagene Brueder‘?
    Manno, war ich – sogar als Kind – schon ‚klug‘ ^^ 😉 😀

    Mein Verdacht: derzeit gehoeriger Schritt der Menschheit zurueck zur Steinzeit /..\ \../ !?
    D.h.: auf geht’s; packen wir’s an, denn es gibt ( wieder verdammt) viiiiel zu tun!

    * selbst Mord ist relativ leicht (jederzeit fuer/an jedermann) moeglich; hat aber eben AUCH ‚Konsequenzen‘

  3. Wow…das ist aber ganz schön (mit Verlaub) melodramatisch und das sage ich, deren Ehe nach 17 Jahren auch an Corona zerbrochen ist.
    Denn Corona hatte auch seine guten Seiten (mal abgesehen von der Gesundheit). Wir, oder zumindest ich, habe eine Menge erkannt, dass vorher unter der allgemein nutzbaren Reizüberflutung unterging. Was ist mir wirklich wichtig. Was brauche ich wirklich für mein Leben und auch was die „Beurteilung“ anderer Menschen angeht, haben sich die einen oder anderen Wege getrennt, denn manche Meinungen kann ich so wenig tolerieren, wie ich rechtsradikale Meinungen tolerieren könnte. Und sorry, das muss man sich dann doch eingestehen und klare Fakten schaffen.
    Ja. An der einen oder anderen Stelle tut das weh. Aber die Atlernative ist womöglich, dass man es sich nie klar gemacht hätte, wenn Corona einen nicht auf sich selbst zurückgeworfen hätte.
    Zu verzeihen? Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir etwas verzeihen müsste. Im Gegenteil. Corona hat mich eher aufgeweckt aus dem watteweichen Kommerzbett.

    • katrin hilger

      Ich hab lange über deinen Kommentar nachgedacht. Ja, man kann diese Innensicht und den Wegfall von Reizüberflutung als Vorteil sehen. Für mich war es das nicht. Ich bin ein Mensch, die glücklich ist, wenn sie sich mit anderen austauschen kann. Ich ziehe meine Freude aus Gesprächen, Vorträgen, aus Museumsbesuchen, Messebesuchen. Kochen für Freunde. Ich liebe viel Input, Das ist für mich alles weggefallen. Onlinekonferenzen waren ein müder Ersatz. Deswegen fällt meine Bilanz so mau aus. Es freut mich für alle, die diese Zeit als Chance gesehen haben, das bewundere ich auch ein wenig. Ich konnte das nicht.

    • Hm. Möglicherweise warst Du schon vorher klarer und konntest die Außenreize bewusst genießen. Ich schätze die Pandemie hat viele Menschen an Rand ihrer selbst gebracht. Positiv, wie negativ. Und was „das Beste daraus machen/es durchstehen“ für jeden Einzelnen hieß, ist sicherlich sehr, sehr unterschiedlich.
      Es bleibt doch die Idee von einer Zeit mit und nach der Pandemie. So ganz wie früher, mit Verlaub, glaub ich, wird es nie mehr. Sicherlich ein sehr beängstigender Gedanke für Viele.
      Aber nun gibt es ja derzeit auch ganz andere Gedanken, die uns bewegen und uns einmal mehr vor Augen führen, wie gut es uns (noch) geht.

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