Politik

Was soll man nur momentan schreiben? Wie umgehen mit der Schrecklichkeit des Kriegs?

Hätte mich vor einen halben Jahr wer gefragt, ob wir 2022 wieder Krieg in Europa haben, mit den größten Flüchtlingsströmen seit dem 2 Weltkrieg, ich hätte jedem einen Vogel gezeigt. Russland greift ein Nachbarland an? Undenkbar. Die sind doch nicht bescheuert, mit all den wirtschaftlichen Verflechtungen – das ist nicht möglich. Außerdem: Wollt ihr das Corona-Horrorszenario toppen?

Es sollte ein heiterer Sommer werden, befreit von den schlimmsten Schrecken von Corona. Doch nun scheint alles wieder düster – Schwupps sind wir in der Apokalypse. Erst die Reiter Pestilenz und Umweltzerstörung und Tod –  und nun ist der Krieg da. Mit all seiner Schrecklichkeit. Tote Zivilisten, tote Soldaten auf beiden Seiten, Hunger, Angst und Grauen. Krieg ist ein schmutziges Geschäft. Es sterben Unschuldige, wird bedauert. Aber wer ist schon schuldig außer den bösen alten Männern, die sich in ihrem Kreml verschanzen und von dort ahnungslose Rekruten und Mörderbanden auf ihr Nachbarland loslassen? Und dass nicht einmal das Thema Atomwaffen vom Tisch ist – äh was, bitte? Zwei Millionen Menschen sind bereits geflohen, Frauen und Kinder meist, die Männer müssen bleiben und ihr Land verteidigen, heißt es. Das muss man sich auch mal vorstellen und auf unsere Gesellschaft übertragen. Plötzlich müssen alle Männer zum Militär. Ich habe keine Ahnung, ob die Ukrainer da besser vorbereitet waren – aber wenn ich die Männer in meiner Umgebung so ansehe – Bundeswehr oder Verweigerer, besonders gut ausgebildete Soldaten wären das nicht. Eher sowas wie das letzte Aufgebot. Ich bewundere den Mut der Männer, die alle nicht kämpfen wollen. Sie wollen keine Helden sein. Und doch stellen sich alle einem übermächtig erscheinen Feind entgegen. Manche halten Panzer auf, indem sie sich auch die Straße stellen und rufen „kehrt um“. Wow.

Verzweiflung und Wut

Die Frauen sind genauso mutig. Omas mit Molotow-Cocktails, Frauen, die ihre Familien verteidigen oder versuchen, für ihre Kinder ein bisschen Normalität zu wahren. Andere, aus den umkämpften Gebieten ohne Strom und Wasser, müssen fliehen. Ich muss bei den flüchtenden Frauen an meine Großmutter denken, die mit ihren zwei Töchtern den letzten Zug aus Schlesien hinaus erwischt hat. Mit einem Köfferchen mit den letzten Habseligkeiten. Vom Großbürgertum zu bettelarm in 4 Stunden Zugfahrt, Witwe dazu. Meine Oma hat nie darüber gesprochen, ich war auch noch klein, als sie starb. Ich weiß nicht, wie glücklich sie danach noch war in ihrem Leben. Ich hoffe, sie hat trotzdem ein bisschen Licht im Leben gehabt. Ich sehe die verzweifelten Frauen der Ukraine, auch alle nur mit kleinen Köfferchen, die Kinder an der Hand, alte Frauen im Rollstuhl und ich möchte schreien und weinen vor Verzweiflung und Wut.

Die Flucht heute ist kein leichtes Unternehmen. Manche können in einen Zug, andere nicht. Oft werden die Flüchtenden beschossen. Wer ist so verroht, dass man harmlose Familien auf der Flucht beschießt? Geht das bisschen Lack der Zivilisation so schnell ab? Es ist ja nun gerade keine Frage ob die oder sie, sondern da wollen Menschen, die nie wem was getan haben, einfach nur weg. Weg von ihren zerstörten Häusern, um zumindest ihr Leben zu retten. Wie schnell das alles gehen kann – von normalem Leben im Frieden zu Flucht und Tod – das macht gerade sprachlos. Klar, wir versuchen zu helfen, mit Geld oder Sachspenden, aber das ist so hilflos im Angesicht dieser Monstrosität. Ein Ende des Irrsinns ist nicht abzusehen, jeden Tag neue Schreckensszenarios. Und über allem ein zynisches Pack, das eins der Länder regiert und einfach den Hals nicht voll genug bekommen kann. Dass sein eigenes Land knechtet und doof hält und von Kleptokraten auspressen lässt. Haben die wirklich gedacht, die Nachbarn schreien Hurra, wenn sie einmarschieren? Wer einmal frei ist von dieser Plage, der holt sie sich doch nicht freiwillig ins Land.

Meine Zukunftsplanung scheint dahin

Was soll man da noch schreiben? Irgend etwas Heiteres? Soll ich über Reisen schreiben? Über den Umweltschutz? Es erscheint mir so surreal. Klar, ich könnte so tun, als ob mich das alles nichts angeht – und irgendwie tut es das jetzt auch noch nicht. Ich sitze im Warmen, in Sicherheit. Das Grauen kommt zu mir via TV. Und doch…das geht einem nah, näher als die Kriege in Syrien. Das muss ich gestehen. Auch da war der Schrecken real, auch da kamen die Flüchtlinge in Massen zu uns. Aber da war die Gefahr, es könnte einen selbst betreffen, nicht so hoch. Wir sind eben Egoisten, der eigene Hintern ist einem am Nächsten. Es ist privilegiert von mir, zu jammern – ich will es auch vermeiden, aber momentan erscheint die Zukunft, die eigentlich sicher und friedlich erschien, zu zerbröseln. Ich wollte die letzten zehn Jahre im Job noch gute Dinge tun, etwas bewegen, ich hatte was angespart für die Rente – es ist zweifelhaft, ob das Gesparte bleibt. Das ist für mich sehr verunsichernd und auch frustierend. Es ist nicht nix mehr sicher, was sicher schien. Wie es weitergehen wird, denn unsere Wirtschaft wird hart getroffen werden – die Weltwirtschaft ist eben verflochten, hohe Energiepreise, keine Weizenlieferungen aus der Ukrainer und zack, ist auch bei uns Mangel. Jetzt schon gibt es Engpässe bei Rapsöl und Sonnenblumenöl? Dass ich jemals eine Zeit mit leeren Regalen im Supermarkt erleben würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Dieses Jahr waren auch wieder Reisen drin. Ob sie stattfinden können, ist fraglich. Die Sicherheitslage ist nicht klar, außerdem besteht die Gefahr, dass ganz Europa in diesen Krieg gezogen werden könnte.

Ich bestelle mir eine neue Bluse und denke: ist das okay? Ist das nicht komplett eitel von mir, jetzt an Mode zu denken? War es echt mal wichtig, eine Designertasche zu haben? Oder zu wissen, welches Makeup den einzig wahren Glow erzeugt? Das wird alles so schnell so belanglos. Eine Freundin fragt mich, ob sie sich was von Louis Vuitton kaufen soll, die wollen doch die Preise erhöhen. Ich schau sie verständnislos an und denke bei mir: vielleicht sollten wir lieber schon mal anfangen, kleine Köfferchen zu packen, statt Designerteile zu kaufen?

 

 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

4 Kommentare zu “Was soll man nur momentan schreiben? Wie umgehen mit der Schrecklichkeit des Kriegs?

  1. Ich denke auch, dass viele die Lehren der Vergangenheit (2. Weltkrieg) vergessen haben. Das gilt für Putin und seine Anhänger, ebenso wie für diejenigen bei uns, die es sich vorstellen können, die Ukraine militärisch zu unterstützen. Falsch finde ich allerdings auch die „Ratschläge“, die den Ukrainern nahelegen, zu kapitulieren. Das kann nur von Menschen kommen, die weder wissen, was Freiheitsliebe noch Patriotismus bedeuten. Nicht, dass ich mit diesen Begriffen selbst viel anfangen könnte. Mir sind diese Dinge im Grunde nicht wichtig. Und das dürfte vorwiegend deshalb so sein, weil ich nie in der Lage war, für die Freiheit und unser Land einzustehen. Ich beklage mich darüber nicht. Das gehört für uns Deutsche zu dem, was manche (ironisch?) Friedensdividende nennen. Ich habe in meinem Blog seit dem Kriegsbeginn nur noch darüber geschrieben. Wahrscheinlich ist es eine Art von Selbsttherapie, weil das Maß an Angst und Sorgen sonst überlaufen würde. Selbst die stockdunklen Artikel helfen vielleicht, sich aus dieser Klammer zu befreien.

    • katrin hilger

      Ich glaube auch, dass es gut tut, sich seine Gedanken von der Seele zu schreiben. Dafür waren Blogs ja mal da…

  2. Hallo, Du schreibst so pessimistisch, lässt Dich runterziehen von Deiner Angst! Gerade jetzt ist es für die mentale Gesundheit so wichtig, dem Frohsinn und dem Lachen Raum zugeben. Und wenn es eine Vuitton-Tasche sein muss, dann lasse sie doch! Niemand ist damit geholfen, wenn Du in Angst und Trauer versinkst. Wenn Du kannst, dann verbreite Optimismus, Schreibe lustige und fröhliche Geschichten, damit bringst Du einen Lächeln in die Welt. Das ist jetzt nötiger denn je!
    Liebe Grüße
    Ulrike

    • katrin hilger

      Hallo Ulrike, danke für den Kommentar. Angst? Nein, Angst hab ich keine. Aber ich bin frustriert und traurig. Und pessimistisch. Weil die letzten Jahre gezeigt haben, dass es verrückt ist, auf die Vernunft zu zählen. Je weiter der 2. Weltkrieg entfernt ist, umso mehr Leute vergessen die Lehren, die wir daraus mal gezogen haben. Einerseits wird die Welt immer vernetzter, andererseits driftet sie weiter auseinander. Ja, das empfinde ich als schade. Für mich war es wichtig, im Blog auch mal meinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.

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