Hilgerlicious – Luxus ist unsere Natur

Alles, was das Leben schön macht – aber nachhaltig!

Heute ist mein 55. Geburtstag – Zeit für eine Bilanz

Ich hatte mir meinen 55. Geburtstag anders vorgestellt. Mit Party und Freunden und viel Musik und Essen und allem, was dazu gehört. Nun, da hat mir die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber vielleicht, vielleicht kommt ja wieder ein besserer Sommer… Nicht missverstehen, es war trotzdem nett: Die NachbarInnen waren da mit ihren ultrasüßen Kindern, es gab Kuchen, aber einige Freunde fehlten. Krankheitsbedingt, unfallbedingt, eine Freundin arbeitet im Impfzentrum und schiebt Überstunden…na, irgendwann plane ich ein großes Fest. Aber ich hab gemerkt, dass Thema Nachholen ist schwierig. Ich kenne Freunde, die seit Jahren ihre kleine Hochzeit  groß nachholen wollen. Man tut das selten. Insofern, gleich machen oder lassen – das ist die Devise. Und das sag ich als große Prokrastinatorin. Deswegen hab ich auch heute gleich die Zeit genutzt, um mal so Revue passieren zu lassen, was bisher so los war im Leben. Man wird sentimental, wenn man älter wird, es ist der erste Geburtstag, bei dem ich gemerkt haben, ich habe zurück geschaut und nicht nach vorne in die Zukunft geblickt. Auch das liegt, zum Teil, wohl an der Pandemie. Es ist alles grade so unwägbar geworden.

Aber 55, da ist man weit über der Hälfte des Lebens, ich habe, wenn ich realistisch bin, noch 25-30 gute Jahre. Das stimmt mich nachdenklich. Habe ich mein Leben genutzt wie ich wollte und sollte? Momentan passt alles: ich sitze mit einem lieben, tollen Mann in einer schönen Wohnung, ich hab keinen Streit in der Familie, ich hab Freunde, auf die ich mich verlassen kann (und ich hoffe, sie wissen, dass sie sich auf mich verlassen können), ich hab lustige Bekannte und in den letzten zwei Jahren wurde mir mit meiner Nachbarschaft ein unerwartet großes Geschenk bereitet. Wunderbare, ganz besondere Menschen, die mir neue Blickwinkel auf die Welt eröffnen. Das ist etwas so Großes, dass ich irgendwann mal einen eigenen Artikel dazu schreiben muss. Ansonsten läuft es auch: ich reise trotz Pandemie im bescheidenen Rahmen, ich hab einen Arbeitgeber, bei dem alle KollegInnen nett sind und die Aufgaben spannend. Da hätte ich mir nur gewünscht, ich hätte diese Firma früher getroffen. Aber vielleicht wären wir da nicht reif gewesen füreinander…Es ist ein gutes Leben, ein schönes, dramafreies, das ich auch zu nicht geringem Teil der Vorarbeit meiner VorfahrInnen verdanke. Momentan fühlt es sich zwar traurig an, weil ich viele Leute nicht so sehen kann, wie ich möchte. Aber es ist ein Gefühl von Ankommen. Wenn das erst mit über 50 passiert, mei, dann ist das eben so. Das Bild mit der Grinsekatze passt ganz gut – mein inneres Kind hab ich nie verloren.

Wer später anfängt, macht länger mit

Ich war eine unfassbare Spätzünderin mit allem. Einsam und unglücklich in der Schule, gemobbt von Kindern, denen ich zu anders, zu kompliziert, zu strange war. Ich hatte als Kind keine Blaupause, wie das Leben und der Umgang mit den anderen funktioniert. Ewig lange keine feste Beziehung, ewig lange gebraucht, beruflich zufrieden zu sein. Für Kinder hat dieses Leben auch nicht gelangt. Dafür hab ich ordentlich aufgeholt in der Party-und Spaßbilanz. Ab Ende 20 hab ich es krachen lassen. So richtig. Und dann bis Mitte 40 nicht damit aufgehört. Insofern ist der durchschnittliche Lebens-Feier-Quotient doch ganz ordentlich. Man kann auch mit Ende 20 noch Fehler wie ein Teenager machen. Und manchmal, bei den richtigen Feten mit den richtigen Leuten habe ich immer noch Spaß mit allem, was dazugehört. Neulich meinte eine Kollegin zu mir: „Mit 23 bin ich ja schon ein bisschen zu alt für die Clubs“. Ich hab schallend lachen müssen. Ich möchte nicht sagen, man ist nie zu alt, es gibt Dinge, für die ich Mitte 50 definitiv zu alt bin, etwa um 3 Uhr aufstehen, weil der Club erst um 4 Uhr richtig in Fahrt kommt. Oder jetzt noch innovative Drogen auszuprobieren. Ne. Aber Ende 20 war alles wunderbar und es fühlte sich richtig an. Es war die Technozeit, ich war Musikredakteurin und hey, was kostet die Welt? Ich hab mal fantastisch verdient und war mal arm wie eine Kirchenmaus. Aber es ging immer weiter. Mitte 30 kam dann auch eine schöne, langfristige Beziehung dazu. Und ich wurde bürgerlicher…

Neuanfang mit 42

Wie bei Douglas Adams war die Antwort auf alles, das Leben und den ganzen Rest „42“. Da ging die Beziehung in die Brüche, meine Mutter wurde dement, mein Vater starb und ich wurde depressiv. Da ging ich von München nach Frankfurt, kandidierte für die Piraten für den Bundestag. Wenn wir nicht so verkackt hätten, wäre ich heute vielleicht in Berlin. Und würde den Bundestag modisch aufmöbeln, das wäre zumindest in Gedanken eins meiner Ziele gewesen. Und so Dinge wie mehr Mitbestimmung der Bürger…und mehr Umweltschutz. Es sind immer die spannenden Fragen „Was wäre, wenn…“ . Neulich wollen ja Forscher einen Hinweis auf Paralleluniversen gefunden haben, vielleicht gibt es eins, in dem eine andere Katharina Hilger mittlerweile Bundeskanzlerin ist. Armes Deutschland.

Was ich bereut habe

Was ich bereut habe, waren, ganz Klischee, nur die Sachen, die ich nicht gemacht habe. Mich nicht bei der Schauspielschule beworben. Gut, ich wäre vielleicht abgewiesen worden, aber dann hätte ich diese Idee eben abhaken können. Dass ich nicht so weit gereist in meiner Jugend. Dass ich zu vorsichtig war. Dass ich einem Leben nach Schema F hinterhergehechelt bin, obwohl ich einfach nicht in Schema F passe. Dass ich das Angebot als TV-Redakteurin ausgeschlagen habe und stattdessen, weil mein Vater das besser fand, zu einer Tageszeitung gegangen bin. Da hab ich echt auf das falsche Pferd gesetzt. TV hätte mir vermutlich mehr gelegen. Und dass ich mir keine Birkin-Bag gekauft habe, als die Dinge noch bezahlbar waren. Hat eben mal wer eine Zeitmaschine für mich…? Ihr werdet jetzt sagen „Über so alte Kamellen soll man nicht jammern“ – Stimmt, aber wer sagt denn, dass es mit 55 nicht immer noch Chancen gibt, verlorene Dinge auszubügeln?

Manche Sachen sind ums Eck, andere vielleicht nicht. Ich hab mit Mitte 40 noch mal neu angefangen. Und ich kann auch mit 55 noch bloggen. Und meine Gedanken mit euch teilen. Ich hoffe, niemand muss in naher Zukunft diese Zeilen als Vorlage für eine Beerdigungsrede nutzen. Ich hoffe, es kommen noch viele Rückblicke hinzu. Aber das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – man weiß nie, was man bekommt. Bis jetzt haben mir die meisten Pralinen geschmeckt…