Wenn man einen Sinn verliert…oder: nach der Grippe ist mein Geruchssinn weg

Viele reden über Corona und die Angst zu sterben. Ja, diese Angst ist berechtigt, aber für viele Altersgruppen zu vage und statistisch zu unwahrscheinlich, um sie ernst zu nehmen. Aber kaum wer redet davon, was einem blüht, wenn man zB einen milden Verlauf hatte – und das ist überhaupt nicht unwahrscheinlich. Ich möchte euch mal erzählen, was ich damit erlebt habe: Zu einer Zeit, als noch niemand den Begriff „Covid-19“ kannte, um das Jahr 2014/2015 herum, hatte ich auch eine Grippe. Vermutlich auch eine SARS-Grippe, so genau weiß das niemand mehr. (Übrigens, weil es SARS-Viren schon so lange gibt, forschen sie seit langem an einem Impfstoff)

Fakt war, die Grippe war heftiger als alle, die ich je hatte, ich lag tagelang flach. Doch sie ging – und der Geruchssinn kam nicht wieder. Anders als bei Erkältungen zuvor. Er war weg, einfach weg. Denn ich hatte durch diese Erkältung meinen Geruchssinn verloren. Anosmie heisst der Fachbegriff. Fiese Viren zerstörten die Zellen, die den Geruch übermittlen. Das hiess: ich roch nichts mehr, ich schmeckte auch kaum noch was, alle Gewürze, Aromen, alles, was über die Nase lief, war weg. Süß, Salzig, Scharf, Bitter, etc – das geht über die Zunge und das war da. Für einen Geruchs- und Geschmacksmenschen wie mich ein Alptraum.

Geruchsverlust: das Essen könnte aus Wolle sein

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie furchtbar das ist: das Essen könnte auch aus Wolle sein, ihr merkt nicht, in was ihr hineinbeisst, ihr riecht nicht, ob womöglich das Deo versagt hat, ob eure Wohnung müffelt- das macht total unsicher. Essen brennt an und ihr bekommt es erst dann mit, wenn die Küche vernebelt ist. Ihr riecht aber auch nicht, wenn etwas duftet, wenn Menschen toll riechen – ihr riecht nicht den Duft eines Babies und verliebt euch nicht in den Duft eines Mannes. Tolles Essen war erstmal an mich verschwendet. Wobei interessant ist, dass mir bei Sachen mit viel Geschmacksverstärker übel wurde – vielleicht oder gerade weil ich kaum was schmeckte. Keine Akazienbäume im Frühling, kein frisch gemähtes Gras, kein Duft des Meeres oder des Waldes. Weg. Euch fehlt ein Sinn. Und das ist bitter.

5 Prozent aller Menschen in Deutschland leiden unter Geruchsverlust, bei vielen nimmt der Geruchssinn im Alter ab, ab 50 Jahren haben 25 Prozent aller Menschen einen stark eingeschränkten Geruchssinn.  Und – das machte mich besonders panisch – Geruchsverlust ist ein erstes Zeichen von Parkinson, Alzheimer und Demenz. Oder von einem Hirntumor. Das wurde getestet, bevor die Diagnose feststand. Aber das war es eben nicht bei mir. Wenigstens etwas.

Üben mit sortenreinen Aromaölen hilft bei Geruchsverlust

Was hilft ist warten und die Nase jeden Tag mit Gerüchen trainieren, ich machte unterstützend noch chinesische Medizin, Akupunktur und Heiltee – ich hoffte inständig, die Kombination schlägt an. Mittlerweile weiß ich, nur Glück und das Üben mit sortenreinen Aromaölen hat was gebracht, alles andere ist Humbug, aber was tut man nicht, wenn man verzweifelt ist? Es gibt Kits mit sortenreinen Ölen zum Üben. Für die durch einen Viruseffekt auftretende Anosmie, die auch bleibend sein kann, gibt es eben noch keine medikamentöse Behandlung. Was mir immer Hoffnung gemacht hat und mich nicht hat aufgeben lassen: es gab Minuten, da war der Geruchssinn wieder da – ein gutes Zeichen. Das Trainieren hilft wirklich. An Rose riechen, Nelken, Eukalyptus oder anderen Dingen. Das hilft übrigens auch, dem Geruchsverlust im Alter vorzubeugen. Die Bücher von Professor Hanns Hatt sind sehr empfehlenswert. Der Duftforscher hat bei Breuninger einen Vortrag gehalten und konnte mir wertvolle Tipps geben.

Es ist jetzt 2021 und ein Großteil des Geschmackssinns und Geruchsinns ist zurück. Bei weitem nicht alles, was ich extrem schade finde, aber ich bin dankbar, dass ich nicht mein Leben lang Pappe essen muss. Manche Gerüche sind nicht mehr so, wie ich sie kenne, Komponenten fehlen. Ich bin mittlerweile Spezialistin, was den Geruchssinn anbelangt und könnte manchem Allgemeinmediziner was erzählen. Durch Corona hat das Thema eine neue Brisanz bekommen, der Geruchsverlust gehört zu den milderen Symptomen. Aber ganz ehrlich: möchte irgendwer seine Sinne verlieren? Ich will das garantiert nicht nochmal erleben und hab mich deswegen so schnell wie möglich impfen lassen. Kein Mensch kann sich das Leid vorstellen, wenn der Geruchsinn fehlt. Die Nase hat für bestimmte Geruchsmoleküle spezieller Rezeptoren, ein Blumenduft oder der Duft von Gewürzen dockt an mehreren an. Bei mir ist wohl ein Teil verloren, deswegen kommt der Geruch „unvollständig“ bei mir an.

Trotzdem, wer unter Anosmie leidet – Üben! Das ist der einzige Weg, die Nase wieder zurückzuerobern. Und bitte, lasst euch impfen.