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Shelf Love – Resteessen aus der Speisekammer – das neue Kochbuch von Yotam Ottolenghi

Shelf Love ist das neueste Kochbuch von Kochstar Yotam Ottolenghi. Der Mann, der Shashouka (in Tomatensosse pochierte Eier), die Gewürzmischung Z’atar, Tahin aus Sesam oder schwarzen, fermentierten Knoblauch in deutschen Küchen so heimisch gemacht hat wie vorher Senf und Radieserl. Mit Ottolenghi hielten viele tolle exotische Gerichte Einzug bei uns, es kamen neue Zutaten und vor allem eine neue, bessere Art, Gemüse zu kochen. Ich möchte deswegen seine Kochbücher Flavour, Simple oder Jerusalem jedem an Herz legen, genauso wie „Genußvoll vegetarisch“. Diese Kochbücher haben meine Küche bereichert, mein Repertoire erweitert und meinen Freunden und mir viele schöne gemeinsame Momente geschenkt, in denen wir miteinander gefeiert und wirklich gut gegessen haben. Und nun eben Shelf Love -Neue Rezepte aus der Speisekammer. Das neue Kochbuch hat uns Yotam Ottolenghi sogar persönlich vorgestellt. Es war eine Ehre, ihn und Nigella Lawson in einem Zoom-Meeting zu treffen, wir konnten sogar Fragen stellen! 

Das Buch ist während des Lockdowns entstanden, es ist eine Gemeinschaftsproduktion der Ottolenghi Testküche, mit dabei sind bekannte CoKöche und Köchinnen innen wie Noor Murad, Ixta Belfrage, Tara Wigley oder Verena Lochmuller. Die Frage war: was können wir aus den Zutaten basteln, die eh schon bei uns in den Vorratsschränken schlummern? So aus dem Glas, das da ganz hinten im Vorratsschrank steht? Was gibt die Küche her, wenn wir nicht raus wollen (oder dürfen) zum Einkaufen? Es entstand eine wilde Mischung, eine unkomplizierte Art zu kochen. Es ist sicher nichts, mit dem das perfekte Dinner zu gewinnen wäre, weil die Gerichte einfach sind, aber trotzdem größtartig schmecken. Viele One-Pot-Wunder, aufgewertete Schnellrezepte, Resteverwertung im allerbesten Sinne. Hier kommen wir aber zu einem wichtigen Punkt: das Ottolenghi-Team hat seine Schränke geleert – nicht Lieschen Müller. Deswegen ist das Kochbuch vor allem für all jene fantastisch, die sich für die anderen Kochbücher von Ottolenghi bereits einen kleinen Vorrat an dessen speziellen Zutaten zugelegt haben und den jetzt verarbeiten wollen. Es ist eine perfekte Ergänzung für die, die diese Art Küche lieben gelernt haben und nun noch mehr Rezepte wollen, in denen sie die speziellen Zutaten einsetzen können. Für Ottolenghi-Einsteiger empfinde ich das Buch als schwierig.

Rezepte sind Einladungen

Wenn mal was nicht im Haus ist? Macht nix. Für Ottolenghi sind Rezepte eh nur Richtungsweiser: „Ein Rezept ist für mich eine Einladung an andere Köche, ein bestimmtes Geschmackserlebnis nachzukreieren. Wenn er oder sie das Rezept genau befolgt, entsteht das Gericht so, wie wir es hier kochen. Das heißt aber nicht, dass man mit den Zutaten nicht experimentieren kann, einige Dinge weglassen, andere hinzufügen“, erklärt er im Zoom-Meeting. Ich finde die Idee hinter dem Buch toll, es ist auch ein weiterer Schritt Richtung Nachhaltigkeit, aus Resten was Gutes zu zaubern. Shelf Love hat ein weiches Cover, ist kleiner im Format – es ist ein Arbeitsbuch fürs tägliche Kochen. Die Rezeptfotos sind jedoch gewohnt schön im typischen Ottolenghi Style.

Shelf Love ist in folgende Kapitel gegliedert:

  • Im obersten Regal, ganz weit hinten
  • Die Gemüsekiste
  • Und wer macht den Abwasch?
  • Kühlschrankrazzia
  • Das Eisfach ist ihr Freund
  • Ganz am Ende

Dazu kommen Menüvorschläge, eine Inventarliste, was alles so in der Vorratskammer stehen sollte und ein Rezeptglossar. Im „obersten Regal, ganz weit hinten“ stehen Mungbohnen, Polentamehl, Kichererbsen – und Ottolenghi enthüllt die Geheimnisse, um Hummus genau so cremig zu bekommen, wie er sein soll. Es gibt ein einfaches Pitarezept und eins für Polentastäbchen, die ich bei einem saucenreichen Gericht unbedingt demnächst ausprobieren will. Unter „Wer macht den Abwasch“ sind die Onepot-Gerichte und so etwas wie Karottenstampf mit Koriandersalsa und eingelegten Zwiebeln, „Ganz am Ende“ kommen Kuchen und Desserts, die einem das Wasser im Munde zusammen laufen lassen – wie eine Kombination aus Vanilleflan und Schokokuchen. Ich muss testen, ob es so traumhaft schmeckt, wie es sich anhört. Für Experimentierfreudige gibt es Karamellbananen mit Miso. Über 80 neue Rezepte sind es diesmal. Shelf Love regt zur Kreativität an, was mit Resten so geht. Ottolenghi liebt Reste, eine Reminiszenz aus seiner Kindheit: „Meine Mutter war deutscher Abstammung, sie hatte immer Kohl und Speck auf Vorrat – ja, auch als Jüdin – und natürlich Kartoffeln. Sehr bodenständige Dinge. Und sie hob Reste auf. Sie machte zum Beispiel aus den Resten von Würstchen und Kartoffeln vom Vortag einen Eierkuchen namens Hoppelpoppel, der wirklich fantastisch geschmeckt hat.“

Onepot-Freuden und coole Burger

Ich empfehle, das Buch weniger nach den Kapiteln zu durchforsten sondern mehr nach den Zutaten hinten im Glossar. Wurzelgemüse übrig? Da ist die vegetarische Version von Würstchen im Schlafrock perfekt (im Englischen nennt sich das „Toad in a hole“ – Kröte im Loch“) Reste vom indischen Essen? Wie wäre es mit einem Pulled Burger mit Vindaloo-Marinade?  Die Möglichkeiten sind endlos – und manchmal auch die Zutatenlisten. Da muss man eben ein paar Abstriche an das Originalrezept machen. Manche Lebensmittel sind in Deutschland kaum zu bekommen, ich denke da etwa an frische Curryblätter, die sicher in London, wo Yotam Ottolenghi lebt, einfacher zu erwerben sind. Dann eben getrocknete Blätter vom Asialaden oder weglassen.

Manche Rezepte, wie Toum, eine Paste aus 100 Gramm rohem Knoblauch, wird es bei mir nicht geben – aber auch Ottolenghi selbst hat Grenzen. Wobei er natürlich weit mutiger ist. Was würde er niemals essen? „Eigentlich bin ich recht experimentierfreudig und probiere alles. Aber ich habe einmal diesen vergorenen Fisch probiert, Surströmming, das war furchtbar. Vielleicht war mein Fehler, den nicht hauchdünn auf den Butterbrot zu streichen, dann ist es vermutlich köstlich, sondern einen Teelöffel pur zu essen, aber das möchte ich nie wieder erleben.“

Zu guter Letzt ein  Tipp von Yotam Ottolenghi, wie alle Speisen ein bisschen mehr Pepp bekommen: „Anchovis. Die salzigen Fische in heißem Öl oder Butter schmelzen lassen, verleiht vielen Gerichten mehr Tiefe, mehr Geschmack. Ich kann das allen Hobbyköchen nur empfehlen. Aber auch Salz und Zitronensaft können viele Gerichte wirklich verbessern“

Fazit: Wer schon zumindest ein Buch von Yotam Ottolenghi besitzt, sollte sich Shelf Love zusätzlich zulegen und erfahren, wie er die ganzen exotischen Köstlichkeiten am besten nutzen und aufbrauchen kann.

Shelf Love

ISBN 978-3-8310-4294-4
Oktober 2021
256 Seiten, 179 x 247 mm, Einband – flex.(Paperback)
Über 200 farbige Fotos

2 Kommentare zu “Shelf Love – Resteessen aus der Speisekammer – das neue Kochbuch von Yotam Ottolenghi

  1. Ich für meinen Teil habe mit nahezu dem kompletten Werk von ihm im Regal (bis auf NOPI und Sweet) das Gefühl, das jetzt ist zwar auch fein, aber nur zart bereichernd, verglichen mit den umwerfenden verblüffenden Gaumenabenteuern von Flavour. Angesichts der, pardon, scheußlichen Umschlaggestaltung koche ich mich vorerst an seinen anderen Büchern und den famosen Werken von Nik Sharma ab. Die haben auch Register. Aber danke für die schöne Einordnung 🙂

    • katrin hilger

      Komisch, ich finde den Umschlag hübsch 🙂 es ist interessant, ich hatte Anfangs Probleme mit Flavour und nun koche ich einige Rezepte extrem gerne. Bei manchen Kochbüchern muss ich mich erst mal rantasten.

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