Konsum Nachhaltigkeit

Lasst den Quatsch mit dem persönlichen CO2 Fußabdruck!

Momentan wird uns allen suggeriert: Nutze nachhaltige Kosmetik, kaufe nachhaltige Klamotten, kaufe bei Firmen, die Bäume pflanzen, fahr Fahrrad und Bahn statt Auto oder den Flieger zu buchen – und alles wird gut. Die Bienen sind gerettet, die Artenvielfalt wiederhergestellt, das Klima erholt sich. Und ja, natürlich ist das alles richtig und wichtig, dass wir die eigenen Entscheidungen auf ihre Nachhaltigkeit überprüfen und unser Handeln ändern. Natürlich sollten wir weniger Fleisch essen, unseren Müll trennen oder recyceln und Klamotten so kaufen, dass sie im Schrank Bestand haben. Aber das reicht nicht. Leider – und wir machen es den echten Verursachern der Katastrophe superleicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen und die Schuld bei uns Verbrauchern zu festzumachen. Wir sollen auf unsere eigene Ökobilanz achten, mit Codecheck im Supermarkt stehen, um zu sehen, wie viel Mist in einem Produkt steckt, wir sollen uns durch ein Siegelwirrwarr wühlen, wir sollen uns einschränken, während die Industrie ihre Ökobilanz durch die Decke jagt. Alles Augenwischerei. Denn, falls ihr es noch nicht wusstet, die Erfindung des CO2-Fußabdrucks ist eine Erfindung der Öl-Industrie, die die Verantwortung für die Erderwärmung still und heimlich zurück an die Verbraucher delegieren wollte. Und wir alle haben den Köder geschluckt. Sogar der WWF und andere Umweltorganisationen bieten Rechner für den individuellen Fußabdruck an. Und wir stehen im Wald…

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Wir sind nicht (allein) schuld an der Klima-Katastrophe

Wir dürfen die wirklichen Verursacher nicht mehr so leicht vom Haken kommen lassen. Staaten wie Brasilien, China oder eben auch wir, die Europäische Union müssen den Umweltschutz ernst nehmen, nicht nur halbherzige Versprechungen machen wir eben auf dem G-7 Gipfel. Wir wollen Kohle einschränken – irgendwann halt. Firmen müssen ernsthaft Teil des Wandels werden – und das nicht nur, weil sich Produkte mit grünem Anstrich gerade so gut verkaufen. Kauft eine Bierkiste, dann retten wir 1 cm² Regenwald, das ist nicht unbedingt ein Wahnsinnskonzept. Die Rodung der Regenwälder, die Zerstörung der Meere – das verursachen nicht wir Verbraucher.

Und wir sind ja auch schon viel weiter als noch in den Nullerjahren – wir essen weniger Fleisch, langsam dringt das Thema Umwelt-und Klimaschutz ins allgemeine Bewusstsein. Und auch die Firmen ziehen nach. Aber immer noch zu wenig. Gerade, was den Tier- und auch den Menschenschutz betrifft, da ist noch extrem viel Luft nach oben. Unternehmen beuten ihre ArbeiterInnen aus, lassen Kinder schuften, nach wie vor. Kaufen Billgrohstoffe. Was können wir VerbraucherInnen dafür? Wie sollen wir uns bei jedem gekauften Stück informieren? Ein T-Shirt würde im Handel 20 Cent mehr kosten und das würde genügen, die ArbeiterInnen der Textilindustrie fair bezahlen zu können. Wer würde das nicht drauflegen? Eben, das würde jede und jeder. So ist es mit vielen Dingen. Wenn H&M oder Zara nur noch einmal im Vierteljahr neue Klamotten herausbrächten, statt fast wöchentlich, wen würde das wirklich jucken? Wir Verbraucher zwingen die Konzerne nicht, dass sie das tun. Das machen die ganz allein. Es geht um die Gewinnmaximierung, nicht um Verbraucherwünsche – und zwar mit mit Dingen, auf die die meisten Verbraucher kaum Einfluss haben.

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Wir erwarten Grün – aber können den Unternehmen nicht vertrauen

Ja, eigentlich würden wir gern grün kaufen. Leider ist das nicht so einfach. Es gibt Dutzende Siegel, mal besser, mal schlechter, aber leider immer ziemlich undurchsichtig – auch hier wird wieder die Verantwortung in unsere Hände gelegt. Anstatt dass die Politik sagt: „Nein, so ein Wischiwaschi da drauf kleben – so geht das nicht. Das ist Verbrauchertäuschung“ Und so werden wir rundum belogen vor lauter Greenwashing: Industrieunternehmen, die auf der ganzen Welt Dreck produzieren, und uns suggerieren, sie sind supernachhaltig, weil sie sich 2 Quadratkilometer Bäume gekauft haben, oder weil ihre T-Shirts jetzt 10 Prozent Biobaumwolle enthalten. Und wir glauben das gerne, weil sie uns damit suggerieren, wir täten was Gutes.

Dewegen fordere ich von der Politik ein Ende des Siegelwirrwarrs, ich fordere echte Transparenz, auf deren Basis wir vernünftige Entscheidungen treffen können. Ich will Politik und Industrie in die Pflicht nehmen, uns ausreichend zu informieren. Und ich möchte, dass nicht mehr der Sparzwang allein bei uns liegt, sondern bei den wirklichen Verursachern.

11 Kommentare zu “Lasst den Quatsch mit dem persönlichen CO2 Fußabdruck!

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  3. Vielleicht zur Ergänzung für historisch Interessierte – in diesem Beitrag wird erzählt, wie BP den „carbon footprint“ kaperte und versuchte, die Aufmerksamkeit Richtung Verbraucher zu lenken: https://in.mashable.com/science/15520/the-carbon-footprint-sham

    Das bittere Fazit findet sich auf der US-Wikipedia-Seite, Suchbegriff „carbon footprint“, ich zitiere mal: „BP made no attempt to reduce its own carbon footprint, indeed expanding its oil drilling into the 2020s. However, the strategy had some success, with a rise in consumers concerned about their own personal actions, and creation of multiple carbon footprint calculators.“

  4. katrin hilger

    Von Frau Hummel via Email:
    Merci, bin voll und ganz deiner Meinung.
    Aber: wir Konsumenten haben trotzdem ganz viel in der Hand- jeder Kassenbon ist ein Wahlzettel. Und wenn wir bei Hasi und Mausi „Öko“-Jeans für 29 Euro kaufen und wirklich GLAUBEN, jetzt was Tolles für die Umwelt getan zu haben- dann sind wir wirklich zu blöd.
    Persönlich wühle ich mich nicht durch irgendwelche Labels, sondern ich halte mich an meine eigenen Vorgaben: sehr massvoller Konsum (nur, was ich wirklich BRAUCHE!), saisonal, regional, bio. Und: sich informieren. Auch wenn das mitunter mühsam ist. Aber nur der informierte Mensch kann die richtigen Entscheidungen treffen.
    Solange der Mensch allerdings denkt, ein Recht auf Alles in beliebiger Menge, zu jeder Zeit, an jedem Ort zu haben, solange wird sich nichts ändern. Bescheidener zu leben wird von den Meisten immer noch mit einem Verlust an Lebensqualität assoziiert. Und so lange dieser Irrtum nicht ausgerottet werden kann, so lange wird sich nicht viel ändern.
    Ausserdem: Mein Vertrauen in die Politik, die die Mittel hätte, Missstände zu eliminieren, tendiert gegen Null.

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  6. Der CO2-Fußabdruck hilft nur insofern, sich über sein eigenes (Konsum-)Verhalten Gedanken zu machen. Er nutzt gar nichts, wenn die Schlußfolgerung lautet, sich an irgendwelchen Siegeln entlangzuhangeln, ohne den eigenen Lebensstil verändern zu wollen. Denn die Sünden des Rohstoffverbrauchs stecken in den meisten Berechnungen nicht einmal zur Gänze drin, globale Lieferketten werden nicht in Frage gestellt und das Länder wie Indien oder China massivst für den Klimawandel verantwortlich sind (weil wir diese Länder als Werkbank missbrauchen) und nur deshalb so niedrige CO2-Fußabdrücke pro Kopf haben, weil ein Großteil der Bevölkerungen dort noch immer weitgehend von einem „westlichen Lebensstil“ ausgeschlossen ist, darüber wird allenfalls am Rande nachgedacht. Und es fordert auch keiner von der Industrie, zu nachhaltigen Produkten zurückzukehren – gerade im Elektronikbereich, wo man bestrebt ist, mit geringer Produktqualität die Lebensdauer der Geräte unten zu halten und gleichzeitig Reparaturen unmöglich zu machen. Alles, damit Kunden schnell wieder neue Geräte brauchen. Die dann wieder Ressourcen verschlingen.

  7. Sehr gut geschrieben. Stimme dir da 100% zu. Es ist sowas von ärgerlich, daß immer noch nicht wirklich die Industrie gezwungen wird wirklich grün zu handeln. Es wird denen einfach zu leicht gemacht sich aus der Verantwortung zu stehlen. Und wir als Verbraucher sind die Dummen, die aufs Brot bekommt, „Ja ihr müsst euch schon mehr anstrengen“
    Nee, so geht es einfach nicht mehr weiter, da ist die Politik aber Weltweit jetzt dringend gefordert zu handeln.

    • katrin hilger

      Das ist so ärgerlich. Besonders wütend macht mich die Julia Klöckner. sogar in Chile oder Mexiko haben sie mittlerweile knallharte Lebensmittelsiegel und das mächtige Deutschland bekommt es nicht hin.

  8. Du hast völlig recht. Alleine die Verbraucher:innen werden den Klimawandel nicht aufhalten. Dafür muss sich ganz vorne in der Kette etwas ändern. Doch ich fürchte viele Menschen sind nicht bereit, die sich daraus ergebenden Änderungen hinzu nehmen. Haben wir endlich verständliche und zertifizierte Siegel, werden viele Unternehmen diese Kosten wieder auf den Endpreis draufschlagen und dann bleibt es nicht bei den 20 Cent pro T-Shirt. Bei vielen Unternehmen steht nun einmal der Gewinn an erster Stelle, egal ob sie viele Jahre auf Kosten von Umwelt und Menschen Gewinne erwirtschaftet haben, dies wollen sie weiter hin.
    Ich denke, wir brauchen insgesamt auch einen Gesellschaftswandel, weg von immer weiter, schneller, höher hinzu Gemeinschaft, Solidarität und Genügsamkeit.

    • katrin hilger

      Absolut richtig. Dieses Märchen vom unendlichen Wachstum muss enden. Wir müssen lernen, mit weniger auszukommen. Aber es darf nicht sein, dass dieser Wandel einzig und allein von den Bürgern getragen wird, damit sich die Industrie weiterhin die Taschen vollmachen kann.

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