Ärgernisse des Alltags

Wie moralisch am Arsch sind wir eigentlich? Ein Rant

(Bitte, sich hier Gernot Hassknecht vorstellen, der den Text vorträgt) Wow, einfach nur wow. Derzeit bringt jeder Tag ein neues Tief an Blindgängern zutage, man möchte nur noch brechen. Sind die Leute in der Pandemie gaga geworden? Ich würde ja sagen, die waren immer schon so, man hat es nur nicht so mitbekommen. Während auf Twitter, Instagram und anderen Plattformen von Wokistan sich über Nuancen bei der Gendersetzung echauffiert wird, über Fragen ob jetzt Doppelpunkt, Sternchen oder X die richtige Darstellung ist (egal, Hauptsache, ihr meint uns Frauen nicht mehr nur mit), ist beim Großteil der Bevölkerung noch nicht mal das Basiswissen über Gleichbehandlung und Respekt angekommen. Dafür sind die Medien ein fantastischer Indikator. Der Korridor dessen, was als „Norm“ gilt, was als akzeptiert gilt, ist immer noch winzig klein. Jung, dünn, weiß, hetero – so muss das. Nicht.

Der Normkorridor ist noch sehr eng

Schwulenfeindlichkeit, Fatshaming, Altersdiskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit – man denkt, das wird alles langsam besser und dann kommt das Privatfernsehen. Da darf dann ein Arschloch mit gekauftem Prinzentitel auftreten, der wegen Menschenhandels und räuberischer Erpressung verurteilt wurde. Jemand, der meint, weil er Geld hat, kann er Leute beleidigen und Standards setzen, wie Frauen auszusehen haben oder wer wen lieben darf. Und dazu ein Hühnerhaufen an Prominenten, die bis auf angenehme Ausnahmen dazu still nicken – womöglich, weil sie Angst haben, den Schnösel im nächsten Jahr im Urlaub nicht mehr ausnutzen zu können…Auf Facebook machen sich währenddessen deutsche „Kultcomedians“ wie Freshtorge über Dicke lustig, als ob die 50er immer noch nicht vorbei wären. Ich könnte jetzt viel zum Aussehen von dem Herrn sagen, aber dann wäre ich nicht besser als er. Bei der „Höhle der Löwen“ bekommen nicht zwei Frauen mit sinnvoller Menstruationswäsche einen Deal, sondern zwei Typen, die „endlich das Problem der weiblichen Periode gelöst haben“ – allerdings ein Problem, das keine Frau ohne solche Typen überhaupt hätte…

Und das Klima geht den Bach runter

Es gibt Leute, die sich freuen, dass jetzt so wenige verreisen. Mag sein, dass das Thema Fliegen sich gebessert hat, aber was das Kaufverhalten anbelangt, ändert sich nix. Da ist immer noch das Günstigste gerade recht, es wird online gekauft bis zum abwinken udn am Ende sehen unsere Mülltonnen dann schon Mitte der Woche so aus. Onlinebestellen, Essen bestellen, Beim Supermarkt bestellen – und immer fällt Verpackungsmüll vom Allerfeinsten an. Ich will mich da nicht ausnehmen, ich hab mir auch Zeug bestellt. Witzigerweise so Sachen des täglichen Bedarfs, die während des Lockdowns nicht zu kriegen waren: Einweckgläser, Nähzeug, Garn. Sowas sollten die Politiker beim nächsten Mal mitdenken – der tägliche Bedarf bezieht sich nicht nur auf Food.

Mit Geld bist du halt doch ein wenig gleicher

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Und, während der Großteil von Berlin ab 21 Uhr in der Ausgangssperre daheim hockt, feiert das Modelabel Bottega Veneta eine fette Party. Erst Modenschau im Berghain, dann Afterparty im Soho House ohne Masken und Abstand, dafür mit viel Schampus. Vermutlich die gleichen Influencer, die in Dubai fett Fete machten, ohne Rücksicht auf Verluste (mit dem Ekelprinz von oben ganz vorne mit dabei). Kann man eigentlich noch deutlicher sagen „Wir scheißen auf alle anderen?“  Obwohl, doch, das geht. Wenn Politiker sich während der Pandemie nur um Ämter streiten, versuchen, wenn sich bei ihnen Covid auf Profit reimt und währenddessen das ganze Land ruiniert wird, dann hat das echt Versailles Niveau. Aber heutzutage wartet nicht die Guillotine, sondern ein gut bezahlter Posten für diese Pfosten in der Privatwirtschaft. Gut, da können sie nur ihren Arbeitgeber ruinieren. Wenn die Pfeifen wenigsten ein Konzept hätten, wie sie die Pandemie in den Griff kriegen – aber vermutlich sind alle zu sehr mit Pöstchenschachern und Geldscheffeln beschäftigt. Wir sind am Arsch.

5 Kommentare zu “Wie moralisch am Arsch sind wir eigentlich? Ein Rant

  1. Nein. Ich sehe das anders, Katrin. Wir sind nicht am Arsch. Du nicht, ich nicht, wie viele andere auch nicht. Am Arsch sind die, von denen Du geschrieben hast. Sie sitzen auf dem sich viel zu schnell drehenden Karussell, irgendwann wird die Zentrifugalkraft sie herunterschleudern. Und das wird enorm schmerzhaft. Für sie.
    Nicht für Dich, nicht für mich.
    Machen wir uns nicht mit ihnen gemein, dann sind wenigstens wir nicht am Arsch.

    • katrin hilger

      Es ist schwierig. Momentan sieht es aus, als ob die gewinnen. Es ist so seltsam, vor kurzem habe ich einen tollen Kommentar gelesen, der das perfekt passt: früher haben wir Dick und Doof doch auch nicht angeschaut und gedacht, „wow, so will ich auch mal werden“. Aber heutzutage sind die Allerdümmsten die Influencer, die den Trend bestimmen.

  2. Martina Steiner

    Ja, so ist es leider – mich schüttelt‘s regelrecht!
    Trotz alledem wünsche ich ein gutes Wochenende LG Tina

  3. Bravo! Mehr gibt es für mich nicht zu sagen. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

  4. 100 %ige Übereinstimmung mit Deinem treffenden, wachrüttelndem Beitrag! Danke! Schönes WE LG M. Kuhl

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