Ich habe mich noch nie im Leben wirklich schlank gefühlt…

Es ist eine niederschmetternde Erkenntnis. Gestern hab ich mich mit einer Freundin unterhalten, die jetzt intuitives Essen ausprobiert – also auf den Körper hören, Essen, wenn man hungrig ist, essen, bis man satt ist – und so keine Diät mehr macht, sondern sich ganz automatisch an sein Idealgewicht rantastet – wo immer das liegt. Dazu gehört, dass man sich den Körper vorstellt, wie man ihn gerne hätte. Und zu visualisieren, wie man aussehen könnte. Zu meinem Entsetzen hab ich festgestellt, dass ich das nicht kann. Ich seh mich als dick, nein, fett. Ich kann mir einen Körper, in dem ich mich wohlfühle, nicht vorstellen. Ich sehe vor meinem geistigen Auge Bodys wie die von Models, wie Angelina Jolie, die 53 Kilo wiegt – Körper, die ich vermutlich beim besten Willen und größter Disziplin nicht erreichen könnte. Mein ideal ist elegant und knochig, elfenhaft dünn. Ich bin weich und rund. Das macht mich traurig, mein Selbstwertgefühl leidet darunter. Ich bin nicht dick und glücklich. Ich bin mitteldick und damit todunglücklich. Ich bewundere und feiere andere Frauen für ihr Selbstbewusstsein, ihre glückliche Ausstrahlung in ihrem Körper, aber für mich selbst erreiche ist das nicht.

Ist intuitives Essen die Lösung? 

Und ich hab mich immer als dick gesehen, auch zu den Zeiten als ich es – in der Rückschau betrachtet – absolut nicht gewesen bin. Ich hab mich als dickes Kind gefühlt, als dicker Teenager – ich hatte einen Hauch Babyspeck und ein rundliches Gesicht, das war’s. Später, mit 63 Kilo auf 1,72 – da dachte ich, das Glück liegt bei 55 Kilo, Modelldünn. Ich hatte Kleidergröße 38, und dachte, es müsse eine 36 werden. Ich hab immer nicht gesehen, dass ich hübsch war, smart war, humorvoll und lustig, mit tollem Busen und rundem Po, ich hab nur gesehen, dass da immer noch Fett hing an den Hüften und am Bauch. Ich habe auch Essen als Trost gesehen, als Schutz und Sicherheit, wenn ich traurig war oder einsam. Meine Oma – und meine Eltern – haben mich immer mit Essen belohnt. Da bin ich leider wie ein dressiertes Meerschweinchen daran hängen geblieben: Frust und Unglück wurde und wird immer mit Essen betäubt. Was es natürlich noch schlimmer gemacht hat. Und immer noch tut – wie gerade jetzt. Ich hab mich fertig gemacht und mache es irgendwie immer noch. Vor dem Lockdown hatte ich meine Art Sport gefunden, ich hatte zum ersten Mal so eine Art Frieden geschlossen mit mir. Und das wurde mir kaputt gemacht, denn diese Art Sport war nicht mehr möglich. Eins der Dinge, auf die ich wirklich wütend bin in der Coronazeit.

Mir fehlen positive Figur-Vorbilder

Noch ein ‚Problem“ – ich esse wirklich gerne und kann gut kochen. Mein Freund auch (der mag mich so – daran liegt es nicht). Doch das Kochen wird mir gerade verleidet – und das ist echt schlimm. Mittlerweile hab ich auch im Lockdown zugenommen und trage Größe 42/44 – und das bei einem BMI des Grauens. Freundinnen haben in der Zeit fantastisch abgenommen, ich bewundere sie dafür – und ärgere mich noch mehr über mich selbst… Was mir fehlt, ist ein anderes Mindset, mit dem ich zu mehr Selbstliebe komme – ich bin sicher, dann würde es sich auch mit dem Gewicht wieder einpendeln. Denn der Frust, aus Frust wieder zu essen, mehr als man möchte, der würde dann wegfallen. Zu mehr Zufriedenheit würde vermutlich auch beitragen, wenn es mehr ganz normale Menschen als Beauty-Vorbilder gäbe, denn sowohl in den alten als auch den neuen Medien regieren die Extreme. Entweder maximal dünn oder wenn Plus, dann oft extrem schwer. Und auch, wenn ich es für jeden Menschen okay finde, das zu wiegen was er oder sie wiegen will, ich selbst möchte nicht noch mehr auf die Rippen kriegen. Ich bräuchte eine andere Einstellung zum Essen, weniger Verbot, mehr Vernunft. Ich schaffe es einfach nicht, auf Kohlenhydrate zu verzichten. Und vielleicht muss ich das ja nicht.. Ich werde mir das Konzept des intuitiven Essens mal genau anschauen – ich finde es schlüssig, da viel sich darum dreht, die Beziehung zu ändern, die man zum Essen hat. Ich bin gespannt…

Wie geht mit euch und eurer Figur um? Wie habt ihr Frieden geschlossen?