Hilgerlicious – Luxus ist unsere Natur

Alles, was das Leben schön macht – aber nachhaltig!

Von der Unkultur der Deutschen – oder „Was Spaß macht, kann weg“

Die derzeitigen Corona-Debatten werden vor allem in den sozialen Netzwerken ausgetragen. Da treffen sich „ZeroCovid“ und „Nicht schlimmer als eine Grippe“- Menschen, rechts auf links und alles dazwischen. Impfgegner warnen vor der Spritze, viele beschimpfen im Gegenteil die Regierung, dass das Impfen viel zu langsam geht. Und man streitet über den Lockdown.

Menschen ohne Sozialkontakte bestimmen die Covid-Debatten

Was mir bei den Debatten auffällt: die Sicht ist verzerrt. Ich glaube nicht, dass auch nur ansatzweise die Normalbevölkerung so besessen vom Shutdown allen öffentlichen Lebens ist, wie es in den Netzwerken den Anschein hat. Das kommt natürlich daher, weil sich in den „sozialen“ Netzwerken viele höchst unsoziale Menschen aufhalten. Leute, die eh nicht gerne rausgehen, die es hassen, in Urlaub zu fahren, zu feiern und denen die zwei Bekannten, die sie über das Gaming-Forum kennengelernt haben, Sozialkontakt genug sind. Klar, dass denen der Lockdown kaum was ausmacht – im Gegenteil. Jetzt ist ihre Zeit. Jetzt können sie sich, ohne dass wer die Stirn runzelt, zuhause einschließen, Essen bestellen und gemütlich vor dem Rechner sitzen. Sie sind nicht mehr die Weirdos, sie sind stabil die Helden. Die freiwilligen Eremiten gehen dabei eine seltsame Allianz ein mit geradezu klösterlichen Achtsamkeits-Radikalen, die den Blick auf das Innere richten und vom Außen nicht mehr gestört werden möchten. Ich lebe so gerne, ich hab so viel Spaß daran – eigentlich. Der Gedanke, dass es das alles nach Covid nicht mehr geben soll, ist mir unerträglich. Andere befürchten das Gegenteil.

Wer Restaurants hasst und Mode verachtet, ist jetzt vorn dabei

Und eine besondere deutsche Eigenheit vergiftet zusätzlich: die Unkultur und Verachtung bei allem, was nicht technisch oder lebensnotwendig ist. Viele Menschen denken da sehr puritanisch. Das kann doch alles weg. Und zwar nicht, weil sie sparen müssen, sondern weil es für sie unnötiger Käse ist. Für technische Geräte wird gern Geld ausgegeben, da kann es nicht teuer genug sein. Auto, Laptop, Riesen-TV, ja klar! Immer her damit. Aber wehe, jemand gibt annähernd so viel für Mode, Kunst oder für ein gutes Essen im Restaurant aus. Wieso sowas? Ein Fleece-Pullover vom Discounter tut es auch und die Pizza vom Lieferdienst macht auch satt. Was soll also das Getue um tolles Essen oder modische Kleidung? Es gibt Menschen, die verkünden stolz via Twitter, dass sie das alles nicht brauchen und von ihnen aus braucht es das auch nach dem Lockdown nicht mehr. Ich finde sowas in hohem Masse ignorant und asozial. Essen im Lokal ist mehr als Nahrungsaufnahme, es ist gemütliches Beisammensein, es ist verwöhnt werden, es geht darum, Neues kennenzulernen. Vieles kann zuhause nicht in Perfektion gekocht werden – für bestimmte Gerichte braucht der Koch jahrelange Erfahrung oder spezielle Kochgeräte wie Tandoorofen oder den Holzkohleofen für Pizza, die bei 450 Grad gebacken werden und dann auch gleich verzehrt werden müssen. In anderen Ländern gehört Essen zur Kultur, bei Teilen der deutschen Bevölkerung nicht. Das hat mich immer schon traurig gemacht. In Bayern haben wir eine ausgeprägte Wirtshauskultur, auch mit Bühnen und Musik. Das Land würde in jeder Hinsicht ärmer ohne Wirtshaus. Ich glaube, dass der Lockdown auch deswegen so klaglos angenommen wird, weil viele im Netz der Meinung sind, das kann eh alles weg. Und das auch laut verkünden.

Genauso ist es mit der Mode – bei vielen jungen Menschen erwacht gerade ein stärkerer Drang, sich modisch (wenn schon nicht individuell) zu kleiden. Das freut mich. Aber Mode und die Entwicklung von Stil lebt von echten Boutiquen, in denen Neues entdeckt werden kann. Sie lebt von Beratung, die es online so nicht gibt. Eine reine Fokussierung auf den Online-Handel halte ich auch hier für einen großen Kulturverlust. Wenn mir ein Algorithmus immer wieder das vorschlägt, was ich schon gekauft habe, dann werde ich keinen eigenen Stil entwickeln. Kleine Modelabel haben keine Chance gegen die großen, die mit viel Werbeaufwand Monopole schaffen.  Und es sind auch ganz praktische Gründe: ich brauche Laufschuhberatung, wenn ich mir neue Joggingschuhe holen will. Auch hier gibt es sehr laute Stimmen, man möge doch bitte den stationären Handel für immer zusperren und einfach alles online bestellen. Möglich, dass ich altmodisch bin und eine neue Generation super damit leben kann, aber ich finde es nicht erstrebenswert. Eine Kosmetikerin und Friseurin sind Luxus, den ich mir gerne gönne, weil es das Leben und mich schöner macht.

Fazit: ich wünsche mir, dass wieder ein leben und leben lassen herrscht. Ich hoffe, dass nicht eine freudlose Fraktion die Oberhand gewinnt und unser Leben in Zukunft bestimmt. Ich möchte wieder offene Clubs, ich will wieder in den Urlaub, ich will feiern – ich will nicht, dass, wenn das Virus besiegt ist, wir alles, was nicht der Arbeit dient, für immer beiseite legen, wie sich das manche wünschen.