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GTNM – oder wenn Diversity als Marketinggag missbraucht wird

Derzeit ist wieder GNTM-Zeit im Deutschen Fernsehen. Und in Lockdown-Verzweiflung gucke auch ich ab und an rein. Aber dieses Jahr fällt mir eine Entwicklung ganz besonders unangenehm auf, die sich in den letzten Jahren verstärkt hat. Was sie nicht alles wollen: tolle Frauen – pardon Meeeedels – mit Attitude, Power, gern divers: groß, klein, dick, dünn, alt, jung von weiß bis braun sind alle Farben erlaubt. So wird Germanys Next Top Model auf ProSieben als Wunderland der Inklusion angepriesen. Prinzipiell eine super Sache. Aber jetzt kommt der Haken: mitmachen dürfen auch alle. Nur eins dürfen sie nicht: gewinnen. Denn das ginge je dann doch ein bisschen zu weit, oder? Eine Plussize oder ein Transmensch auf dem Cover der Harpers Bazaar, die Eine sein, die als Germanys Next Top Model gefeiert wird? Nein, das sehen die Zuschauer (und die hoffnungsvollen Nachwuchsmodels) völlig falsch. Die Bunten sind nur Beiwerk für die klassischen schönen, aber etwas banalen Models. Sie liefern die traurigen Stories, die bunten Geschichten, das Drama und die Interviews für Red. Da wird auf die Tränendrüse gedrückt, jedes traurige Schicksal mit Homestory, weinenden Mamas und viel Wehklagen unterfüttert. Solange, bis auch das letzte Drama auserzählt ist und die jungen Frauen aus der Sendung fliegen. Ich nenne sowas nicht inklusiv, sondern Ausbeutung.

Keine Kleider für Plussize-Model

Letztes Jahr war eine traumhafte Plussize-Frau dabei. Die wurde gekickt, weil sie immer mehr die Motivation verloren hatte, laut Heidi. Wie soll man die nicht verlieren, wenn man auf einer Fashionweek bei Castings dabei ist, bei denen kaum ein Designer überhaupt passende Kleidung hat für einen? Oder wenn bei der Abschlussshow alle von Philip Plein eingekleidet werden, sie aber die eigene Kleider tragen muss, weil sich der feine Herr Designer auch für so eine Show nicht durchringen kann, etwas in Größe 40/42 zu zaubern. (Heidi scheint sowas egal zu sein) Ein einziges Armutszeugnis, aber nicht für das schöne, kurvige Model.

Eine Gehörlose fliegt wegen eines Mißverständnisses

Dieses Jahr war nun eine Gehörlose namens Maria unter den Teilnehmerinnen. Eine wunderschöne, grundsympathische  Erscheinung. Und noch unerfahren im Modelbusiness. Ja klar, die sollen das ja lernen – eigentlich. Jedenfalls erdreistete sie sich, die Designerin Marina Hoermannseder zu fragen – via Gebärden-Dolmetscherin – ob das Kleid richtig sitzt. Ich weiß nicht, was die Dolmetscherin der Designerin erzählt hat oder was die Designerin verstehen wollte. Jedenfall kam ein Diss, dass Kleider nicht infrage gestellt werden dürfen. Wegen dieser Kommunikationsprobleme flog Maria aus der Show. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – eine Gehörlose wegen einem Missverständnis kicken. Ich vermute eher, dass die ach so coole Nummer mit der Gebärdendolmetscherin jetzt durch war und in den kommenden Wochen andere „Meedels“ für Drama und Diversity sorgen werden. Am Ende wird wieder eine klassische Schönheit gewinnen, ich würde es der wundervollen Soulin gönnen, die aus Syrien geflohen ist, und sich hier mit Deutschkursen und Abitur in Windeseile ein neues Leben aufgebaut hat.

Diversity als Marketinggag

Ich finde das alles in hohem Masse unanständig. Da werden die Hoffnungen von jungen Frauen missbraucht, um einer latent misogynen Sendung einen verträglicheren Anstrich zu verleihen. Zum einen könnten jetzt wohlwollende Menschen einwerfen: aber die Diversität zeigt doch, dass viele Arten schön erlaubt sind. Dann sage ich – das würde nur Sinn machen, wenn die einen Hauch einer Chance hätten, zu gewinnen. Aber Heidi Klum ist eine fantastische Businessfrau und die weiß, was die Kunden wollen – am Ende doch wieder möglichst nah am Einheitsbrei. Ich bin schon froh, dass sich wenigstens bei den Hautfarben viel getan hat und da echte Diversität möglich ist. Auch eine tolle Transfrau könnte es schaffen. Aber andere Körpermaße? Nein. Denn die Modewelt als solche ist nicht inklusiv, sondern hasst alles, was unter 1,72 Metern und über Größe 34/36 herumläuft. Und bitte, bitte nichts zu Kompliziertes. Also auch eine Gehörlose etc muss bitte spuren und funktionieren. Das ist natürlich Blödsinn. Und deswegen ist auch die Sendung Blödsinn.

 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

5 Kommentare zu “GTNM – oder wenn Diversity als Marketinggag missbraucht wird

  1. Leider ist es ja so, dass alles, was moralisch als gut gilt, früher oder später von Industrien als Etikett genutzt wird. Im Umweltbereich nennt man das Greenwashing. Sobald etwas früher Alternatives genug Leute interessiert, wird es ausgeschlachtet. Durch Produkte dafür, und dadurch, dass sich Firmen damit schmücken. Und eben auch kommerzielle Fernsehproduktionen. Mit Diversity musste das früher oder später auch passieren.

  2. So wird es sein. Am Ende geht es darum, wer oder was sich am besten verkauft. Da haben „Exoten“ keine Chance. Ebenso wie bei DSDS. Diese Kandidaten sind nur für die Show gut und werden dann abserviert.

    Liebe Grüße Sabine

  3. Hab dich grad entdeckt 🙂 Cooler Artikel, voll deiner Meinung! Gruß von einer anderen Best-Agerin 🙂

  4. Bewundernswert, dass Du Dir diese Sendung antust. Konzept und Inhalt überschreitet die Schmerz- und Toleranzgrenze – was Du sehr schön hier filetiert und offengelegt hast.

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