Kunst München

Museen im Lockdown – wo bleiben coole, begeisternde Onlineauftritte?

Mein Beitrag zur Blogparade von Jörn Brunotte.

Vorweg: ich liebe Kunst, ich liebe Kunstwerke und bleibe an jeder Sendung hängen, in der es um Geschichte, Archäologie und Kunst geht – kein Wunder, ich habe auch Kunstgeschichte studiert. Umso trauriger macht es mich, dass viele Museen in Deutschland nicht die Anerkennung erfahren, die sie und ihre Exponate eigentlich verdienen würden. Ich glaube, das könnte man beheben – mit einer Modernisierung, die allerdings im Kopf der Museumsleute anfangen muss…

Wer kennt das Metropolitan Museum nicht? Für jeden und jede, die New York besuchen, ist das Museum Pflichtprogramm. Wir bestaunen die Ausstellungen, wir lieben es aber auch, dort zu sein, weil sich das Museum einen  Ruf erarbeitet hat als Glamour-Hotspot. Ebenso wie der Louvre in Paris oder das British Museum. Da gehen deutsche Touristen gerne hin, da müssen im Vorfeld Karten erworben werden, um einmal einen Blick auf die berühmten Schätze dort zu werfen. In ihren eigenen Städten hierzulande jedoch herrscht oft Flaute in den Kunsttempeln. Ich kenne das aus München, meiner Heimatstadt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich kenne, die schon mal im Bayerischen Nationalmuseum oder in der Residenz gewesen sind. Viele sind es nicht. Auch die Pinakotheken sind nicht sooo super besucht, wie sie es verdienen würden. Dabei sind all die Sammlungen spektakulär. Ich stelle mir einfach vor, wie Franzosen, Briten oder erst die Amerikaner diese Juwelen präsentieren würden, welche Publikumsmagneten sie daraus zaubern würden. Es reicht ein Blick auf die Webseite des Metropolitan Museums und man könnte es erahnen… Ich habe einige Museen herausgegriffen, die ich persönlich sehr mag, die ich aber im Netz suboptimal finde. Ich will nicht verallgemeinern, wer sich den Schuh anziehen will, soll das tun. Es soll auch als konstruktive Kritik gedacht sein, nicht als Bashing. 

Zu wenige kennen die Schätze Münchens

Unsere Stadt beherbergt unfassbare Schätze, wir haben einige der besten Museen dieser Erde. Wir haben hier in der alten Pinakothek: einen Leonardo da Vinci, das berühmteste Bild der Pompadour, eins der berühmtesten Aktbilder, die „Petite O’Murphy“, das unglaublich geniale Portrait von Albrecht Dürer und so viele fantastische Gemälde mehr. Wir haben eine Schatzkammer voll mit 1200 Exponaten, die den Atem stocken lassen, neben der bayerischen Königskrone eine extrem seltene Königinnen-Krone aus dem Mittelalter, einen heiligen Georg, der ganz und gar aus Juwelen zusammengesetzt ist, Brillanten, Rubine, Perlen und Chalzedon funkeln auf dem Ritter und er kämpft gegen einen Smaragddrachen. Unbeschreiblich schön und wertvoll. Im Bayerischen Nationalmuseum (das einen tollen Instagram Account hat) haben wir eine der größten Textilsammlungen der Welt, was aber niemand weiß, weil Textilien wirklich kompliziert zu konservieren sind und deswegen selten in Ausstellungen landen. Aber: warum sieht man diese Schätze nicht zumindest schön fotografiert und fürs breite Publikum erklärt online?

Zeigt, was fasziniert: Reichtum, Prunk und Schönheit

Ich weiß nicht, woran es liegt, vielleicht haben manche Museumsleute eine Aversion gegen das Internet und dessen Möglichkeiten. Anders ist es nicht erklärbar, dass öde Webseiten geschaffen werden, die absolut nicht dafür taugen, für den Besuch des Museums zu werben. Ich bitte alle, einmal auf die Seiten der Münchner Pinakotheken, der Bayerischen Schlösserverwaltung oder des Nationalmuseums zu gehen. Wenn auch nur ein Mensch das Gebotene inspirierend findet, würde ich das gerne hören. Die Webseiten sollen sich nicht an Fachleute richten, sondern an ein breites Publikum. Nicht jeder Mensch ist kunsthistorisch bewandert. Nicht alle haben einen großen Geschichtsbezug. Aber uns fasziniert alle Prunk, Reichtum, Schönheit. Was ist so schwer daran, das dem normalen Menschen zu vermitteln und in ihm oder ihr den Wunsch zu wecken, diese Exponate auch einmal live zu erleben? Kunst, Kultur und das Web ist ein Match made in Heaven. Eigentlich. Hier mal ein Beispiel: Was sehen wir von dem Juwelengeorg? Ein kleines, nicht vergrößerbares Bild. Keine Detailaufnahmen, keine Erzählungen von der Machart, keine Einschätzung des Werts und was es damals gekostet hat (vielleicht noch im Bezug auf damalige Löhne). Keine Beschreibung, wie aufwändig die Herstellung war und wie lange damals ein Künstler gebraucht hat, so ein Stück anzufertigen. Es wird immerhin erzählt, dass die Statuette ein Gesicht hinter dem Visier hat – ein Bild davon gibt es natürlich auch nicht. Warum nicht? Denn das wäre ein Mehrwert der Webseite – mehr sehen als das Museum zeigen kann. Stattdessen ist alles so lieblos, so pupstrocken, so unspannend, dass es wirklich niemand einlädt, diese Exponate real zu besuchen. Jetzt im Lockdown sind die Museen geschlossen – was für eine Chance, die Exponate ausführlich zu fotografieren, kleine Filme zu drehen und damit die Webseiten zu bereichern. Im Nationalmuseum hätte man die textilen Wunderwerke vergangener Zeiten ans Licht holen können, auf Puppen drapieren und fotografieren, um der Bevölkerung einen Eindruck zu vermitteln, was da hinter den Kulissen so schlummert. Wer weiß, welchen Run die tollen Kostümausstellungen im MET Museum auslösen, weiß, dass so etwas das Museum als solches nach vorne bringen kann. Das Stadtmuseum ist eine angenehme Ausnahme, dort wird viel vom Museum auch online gezeigt – und erlebbar gemacht.  Die Pinakotheken haben ihren gesamten Bestand digitalisiert und online verfügbar gemacht. Cool, aber wirklich ins Museum lockt das nicht.

Lasst bitte Werbe-Fachleute ran, nicht nur Kunstgeschichtler

Natürlich reichen Webseiten nicht, sondern, liebe Museumsmacher, geht dahin, wo die Leute sind: auf Pinterest, Instagram oder sogar Facebook. Engagiert gute Werbeagenturen, findet Instagram-Influencer und lasst euch von denen zeigen, wie man so ein Museum im Netz so präsentieren kann, dass nach dem Lockdown ein Run auf das Haus folgt. Ich bin sicher, die Investition würde sich lohnen. Viele Menschen informieren sich auf Instagram, was sie in ihrer Freizeit so anstellen könnten – da müssen auch die Museen hin. Entstaubt die Webseiten, füllt sie mit Leben und zeigt die wunderbarsten Exponate, die ihr habt. Macht die Leute neugierig, unterhaltet, informiert, zeigt, was heute daran relevant ist und wert, erhalten zu werden – aber modern und zeitgemäß, nicht dermaßen verstaubt, als ob noch Goethe der Adressat wäre und nicht Menschen aus dem 21. Jahrhundert. Museen sind dazu da, Geschichte lebendig werden lassen und sie nicht mumifiziert zu konservieren. Es wird viel bedauert, wie wenig sich heute junge Menschen mit der Thematik auseinander setzen. Aber warum sollten sie, wenn ihnen deutsche Museen so fad präsentiert werden wie eine Dose Schiffszwieback? Und noch eins: wo ist der Online-Shop? Kataloge, Repliken, Poster, alles rund um die Kunst gibt es ja mittlerweile in den Museen zu kaufen, da wurde dank Cedon gezeigt, dass wir das durchaus können, was in anderen Ländern so toll funktioniert. Im Rijksmuseum in Amsterdam gibt es eine Playmobil-Version der Nachtwache, wo ist die Playmobil-Pompadour?Kunst verdient, dass man sich ihr widmet. Aber der Zugang zu Kunst und Kultur findet heute über das Netz statt – und es sollte Geld in die Hand genommen werden, diesen Zugang zu verbreitern.

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

12 Kommentare zu “Museen im Lockdown – wo bleiben coole, begeisternde Onlineauftritte?

  1. Pingback: Zwischenstand zur Blogparade #museumforfuture | :beramus – Museumsberatung Berlin

  2. Hallo Karin,

    da muss ich Dir vollkommen Recht geben!
    Auch ich lebe in München und ein Museumsbesuch am Wochenende gehört (e) zu meinen regelmäßigen Freizeitbeschäftigungen. Dabei gehöre ich nicht zu den besonders kunstgeschichtlich Bewanderten 😉
    Aber alleine die Atmosphäre der Museen (ich liebe die Pinakotheken und auch das Stadtmuseum), die
    verschiedenen Kunstwerke waren eine Bereicherung. Dazu noch die anschließende Diskussion in den diversen Cafés!

    Das alles fehlt mir sehr! Der Online-Auftritt ist für mich kein Ersatz. Zu trocken und irgendwie langweilig.

    Bleibt nur auf die Öffnung der Museen zu warten. Ich freue mich besonders auf die Neueröffnung der Glyptothek!

    Einen schönen Sonntagnachmittag
    Erika

    • katrin hilger

      Hallo Erika, dann lass uns doch in die Glyptothek gehen, ich liebe das Museum auch ganz besonders!

    • Aber gerne! Besonders mit jemandem, der die kunstgeschichtlichen Hintergründe kennt!
      Melde mich, sobald das Museum öffnet!
      Bis dahin liebe Grüße

  3. Liebe Katrin, ich gebe dir Recht. Ich wollte unlängst einen Beitrag über virtuelle Museumsbesuche schreiben und wurde einfach nicht richtig fündig. Dabei hätte man jetzt ein Jahr Zeitgehabt. Liebe Grüße, Claudia

    • katrin hilger

      Nicht wenige Museumsmenschen finden ihre Webseiten ganz ganz toll – ich bin verwundert…

  4. Schöne Darstellung, 100% d’accord! Es benötigt Lösungen, die die Museumspraxis im Blick haben sowie nachhaltig Kuratieren und Präsentieren zusammendenken.
    Meine Gedanken mit Fokus auf unser 3D-Websystem #cuuub im Artikel
    „#closedbutopen?! Virtuelle Museen für nachhaltiges Kuratieren“ unter
    https://www.linkedin.com/pulse/closedbutopen-virtuelle-museen-f%C3%BCr-nachhaltiges-kuratieren-d%C3%BCrr

    Freu mich auf den Austausch. Liebe Grüße, Frank

  5. Liebe Katrin, Bravo für diese Brandrede! Du hast so recht. Ich habe in den letzten Jahren, wenn irgend ein Museum megamäßig gefeiert wurde, weil es die Sammlung digitalisiert hat, gedacht: ok, und was soll ich jetzt mit dieser Excel-Tabelle anfangen? (Also Excel-Tabelle ist jetzt metaphorisch gemeint, aber so kommt ja manch eine digitalisierte Sammlung daher.)
    Aber ich kenne auch Seiten, die von bekannten, großen Agenturen umgesetzt wurden und die trotzdem scheiße sind. Ich denke, dass in der Konzeptionsphase ein interdisziplinäres Team (interne + externe) dran arbeiten sollte – und dass viel zu oft die Nutzer:innen vergessen werden. 😉

  6. Du hast vollkommen Recht! Ich habe neulich auch nach kulturellen Online Angeboten gesucht, weil ich so begeistert von Operavision bin und eben auch gerne Kunst und Schauspiel besuchen würde. Aber nix gefunden.
    Klar ist es live schöner, aber ich bin doch trotzdem dankbar für jedes Angebot, dass ich bekommen kann!
    Anyway. Muss jetzt in die Oper https://youtu.be/kHhXkimegdE
    Happy weekend!

    • katrin hilger

      Wie ich geschrieben habe: deutsche Kulturschaffende glauben, das Netz sei nichts für sie. Und sich dann über Besucherschwund wundern…

  7. andrea*siri

    Liebe Katrin,

    Du schreibst mit aus der Seele.
    Gerade beschäftigt mich dieses Thema.
    Ich habe, z.B auf der Website des Museum Wiesbaden, einen tollen virtuellen Rundgang zur August Macke Ausstellung gesehen.
    Es geht also.
    Aber, der Instagram Account des Bayerischen Nationalmuseums ist nur traurig.
    Man könnte soviel mehr draus machen.

    Vielleicht ist diese Zeit dafür gut, dass die Verantwortlichen aufwachen.

    Viele Grüße
    Andrea

    • katrin hilger

      Ich wollte mal eine Bemühung loben, die ich gefunden habe. Das ist so deprimierend, das Angebot der Museen

Schreibe eine Antwort zu Nicole Kirchdorfer Antwort abbrechen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.