Hilgerlicious – Luxus ist unsere Natur

Alles, was das Leben schön macht – aber nachhaltig!

Ein unangenehmer Trend: Bettelbetrug auf Twitter und Instagram

Kennen wir uns auf Social Media? Viele Menschen scheinen das zu glauben. Denn viele kleine und große Accounts machen aus ihrem Leben eine Soapopera für Social Media. Auf Facebook, Twitter und vor allem auf Instagram stellen die Menschen mittlerweile jeden Gedanken, jedes Erlebnis, jedes Gefühl ins Netz. Kinder, Hunde, das eigene Daheim, der Partner – alles ist Teil einer Inszenierung. Andere Accounts folgen atemlos diesem Leben. Vieles ist eben das – eine Inszenierung. Jahrelang wird da ein Image aufgebaut. Und nicht nur das: Es ist eine Inszenierung, in der der Zuschauer ein wenig Teil der Performance sein kann. Er oder sie kann kommunizieren, sich mit dem Star dieser Social Show austauschen, vielleicht in der Hoffnung, dass auch ein wenig Glanz auf ihn oder sie zurückfällt? Auf Instagram geht das ganz leicht – die tollen Produkte, die der Influencer da so schön bewirbt, zum sagenhaften Vorteilsrabbattcode kaufen. Wumms ist man Teil des Lifestyles. Unfassbar, welcher Schrott da zu Wahnsinnspreise verhökert wird. Die Influencer, die Minderjährigen ihr Taschengeld für Schrott aus der Tasche ziehen, gehören verboten. Das Neueste ist, sich mit einem AliBaba-Händler zu connecten, dort Sweatshirts oder Makeup für Pfennige zu kaufen und dann selbst zu branden und als eigene Kollektion zu deklarieren. Zum Brechen.

Vom Glanz ins Elend – Instagram versus Twitter

Auf Twitter gibt es auch diverse Accounts, die mit ihren Schicksalen sehr offen umgehen. Über Tage, Monate, manchmal sogar Jahre kann der geneigte Follower teilhaben. Aber hier ist wenig glamourös, nichts könnte weiter weg sein als die glitzernde Scheinwelt von Instagram. Hier landen wir oft tief im Hartz4-Alltag. Die Leidensgeschichten sind so vielfältig wie die sozialen Probleme. Die einen erzählen von ihrem Schicksal als Frau in einem Männerkörper, die anderen sind alleinerziehend, vom Partner sträflich im Stich gelassen. Abtrünnige Musliminnen wollen vor ihren Familien entkommen, feministische Schreiberinnen ohne das Geld des patriarchalen Systems eine Karriere aufbauen, Ehepartner bleiben mit kleinen Kindern nach dem Tod des anderen verzweifelt zurück. Weiteren droht die Zwangsräumung durch hartherzige Vermieter. Wer will da nicht mitfühlen? Und es sind ja auch furchtbare Schicksale, die sich durch die sozialen Medien ins eigene Leben schleichen. Da ist man doch selbst froh, davon verschont zu bleiben. Und kann vielleicht sogar helfen? Es geht ja so leicht – einfach ein bisschen was vom eigenen Budget abzwacken und wem anderen überweisen. Der Spender fühlt sich gut und dem Sammler ist geholfen. Fast permanent ist irgendwo auf Twitter eine Sammelaktion am Start. Und die Leute geben. Ihr Herz und ihr Geld.

Betrug ist Tür und Tor geöffnet

Das Problem bei all den Geschichten: die wenigsten lassen sich nachprüfen. Wir wissen nicht, ob sich ein Account nur die Verzweiflung von der Seele reden möchte oder ob er sich mit erfundenen Geschichten Aufmerksamkeit und Relevanz oder sogar Geld erschleichen will. Doch genauso wie die Sammelaktionen mehren sich auch die Betrugsaktionen. Das merkt man dann, wenn sich die Betrüger nicht sonderlich smart anstellen. Da hab ich immer den Eindruck „Gelegenheit macht Diebe“. Leute sehen, wie irrsinnig leichtsinnig gespendet wird und beschließen, ihren Teil des Kuchens einzusammeln. Je genauer zugeschnitten die Geschichte ist aufs mitleidige Publikum, desto misstrauischer werde ich. Und andere – nur: die Mehrheit mag es gefühlig. Nur um ein paar Beispiele zu nennen: da war „Witwer“ Lars, dessen Frau an Krebs verstorben ist und er nun mit Kleinkind allein auf weiter Flur sitzt. Er braucht Geld für Bestattungskosten und ein paar kleine Freuden für das Kind. (Während er damit fast 8000 Euro ersammelte, auch angefacht von ein paar Großaccounts, sammelte seine höchst lebendige Gattin für die „Krebserkrankung“ ihres Kindes. Und nur, weil bei die gleichen Wohnungsbilder nutzen, kamen ihnen findige User auf die Schliche), eine Frau, die viel Geld für den angeblichen Umzug sammelte, um sich aus den patriarchalen Strukturen ihrer Familie befreien zu können, schoss auch nach dem „Umzug“ noch Bilder in genau der gleichen Kulisse. Eine Buchautorin, die ihre 16.000 Follower mit einem Buch erfreuen wollte, verschwand nach dem Sammeln von 4.000 Euro von Twitter…mittlerweile haben immer mehr NutzerInnen Patreon-Links zum Spenden, ihre Amazon-Wishlistes etc im Profil und weisen immer wieder in Tweets auf ihre Notlagen hin. Diese Notlagen werden natürlich mit den Manga-Comics und Erotikbildbänden nicht besser, aber hey, wenigsten etwas Luxus. Vielleicht sollte man da aufklären, dass auf „Only Fans“ wesentlich mehr zu holen wäre?

Helfen ist so einfach – oder?

Was mich immer wieder verblüfft: die SpenderInnen sind vernünftigen Argumenten, warum das jetzt mit ziemlicher Sicherheit ein Fake oder Quatsch ist, völlig unzugänglich. Da können versierte Sozialamtsmitarbeiter darauf hinweisen, dass es Zuschüsse zu Begräbniskosten gibt, dass für viele Notlagen spezielle Stellen zuständig sind, oder – dass sich der Spendensammler gerade strafbar macht, so eine Aktion während einer Privatinsolvenz zu verschweigen. Es wird verbissen weitergespendet – „Lieber tausend Mal den Falschen helfen, als einmal dem Richtigen nicht“ – so lautet das Mantra. Wobei in meinen Augen der Vertrauensverlust schwerer wiegt als der Verlust an Geld. Leute werden ausgenutzt. Meine sehr rationale innere Stimme sieht das irgendwie anders. Nicht allein durch diese Betrugsaktionen bleibt bei mir ein schales Gefühl zurück. Ich empfinde viele dieser Sammeleien als unangenehm und denke, dass sie es denen, die es wirklich brauchen, noch schwerer machen. Ich ärgere mich, wie lieben, gutgläubigen Menschen Grütze angedreht wird. Und: es gibt Menschen in echter Notlage. Davon würden sich aber die meisten die Hand abhacken, bevor sie auf Twitter sammeln gehen. Die eben nicht für Erotikbildbände, Playstation oder Mangas sammeln, sondern fürs nackte Überleben. Außerdem gibt es gute Organisationen wie „Eine Sorge weniger“, die zertifiziert sind und bei denen kein Schindluder mit dem Geld getrieben wird. Ich kann euch nur anflehen, spendet da, wo’s sicher ist und werft euer Geld nicht weg (Aber klar, ja, es ist eures).