Ärgernisse des Alltags Nachhaltigkeit

Ein unangenehmer Trend: Bettelbetrug auf Twitter und Instagram

Kennen wir uns auf Social Media? Viele Menschen scheinen das zu glauben. Auf Facebook, Twitter und vor allem auf Instagram stellen die Menschen mittlerweile jeden Gedanken, jedes Erlebnis, jedes Gefühl ins Netz. Kinder, Hunde, das eigene Daheim, der Partner – alles ist Teil einer Inszenierung. Andere Accounts folgen atemlos diesem Leben. Vieles ist eben das – eine Inszenierung. Doch eine Inszenierung, in der der Zuschauer ein wenig Teil der Performance sein kann. Er oder sie kann kommunizieren, sich mit dem Star dieser Social Show austauschen, vielleicht in der Hoffnung, dass auch ein wenig Glanz auf ihn oder sie zurückfällt? Auf Instagram geht das ganz leicht – die tollen Produkte, die der Influencer da so schön bewirbt, zum sagenhaften Vorteilsrabbattcode kaufen. Wumms ist man Teil des Lifestyles. Unfassbar, welcher Schrott da zu Wahnsinnspreise verhökert wird. Die Influencer, die Minderjährigen ihr Taschengeld für Schrott aus der Tasche ziehen, gehören verboten. Das Neueste ist, sich mit einem AliBaba-Händler zu connecten, dort Sweatshirts oder Makeup für Pfennige zu kaufen und dann selbst zu branden und als eigene Kollektion zu deklarieren. Zum Brechen.

Vom Glanz ins Elend – Instagram versus Twitter

Auf Twitter gibt es auch diverse Accounts, die mit ihren Schicksalen sehr offen umgehen. Über Tage, Monate, manchmal sogar Jahre kann der geneigte Follower teilhaben. Aber hier ist wenig glamourös, nichts könnte weiter weg sein als die glitzernde Scheinwelt von Instagram. Hier landen wir oft tief im Hartz4-Alltag. Die Leidensgeschichten sind so vielfältig wie die sozialen Probleme. Die einen erzählen von ihrem Schicksal als Frau in einem Männerkörper, die anderen sind alleinerziehend, vom Partner sträflich im Stich gelassen. Abtrünnige Musliminnen wollen vor ihren Familien entkommen, feministische Schreiberinnen ohne das Geld des patriarchalen Systems eine Karriere aufbauen, Ehepartner bleiben mit kleinen Kindern nach dem Tod des anderen verzweifelt zurück. Weiteren droht die Zwangsräumung durch hartherzige Vermieter. Wer will da nicht mitfühlen? Und es sind ja auch furchtbare Schicksale, die sich durch die sozialen Medien ins eigene Leben schleichen. Da ist man doch selbst froh, davon verschont zu bleiben. Und kann vielleicht sogar helfen? Es geht ja so leicht – einfach ein bisschen was vom eigenen Budget abzwacken und wem anderen überweisen. Der Spender fühlt sich gut und dem Sammler ist geholfen. Fast permanent ist irgendwo auf Twitter eine Sammelaktion am Start. Und die Leute geben. Ihr Herz und ihr Geld.

Betrug ist Tür und Tor geöffnet

Das Problem bei all den Geschichten: die wenigsten lassen sich nachprüfen. Wir wissen nicht, ob sich ein Account nur die Verzweiflung von der Seele reden möchte oder ob er sich mit erfundenen Geschichten Aufmerksamkeit und Relevanz oder sogar Geld erschleichen will (wobei manchmal der Vertrauensverlust schwerer wiegt als der Verlust an Geld). Denn genauso wie die Sammelaktionen mehren sich auch die Betrugsaktionen. Das merkt man dann, wenn sich die Betrüger nicht sonderlich smart anstellen. Da hab ich immer den Eindruck „Gelegenheit macht Diebe“. Leute sehen, wie irrsinnig leichtsinnig gespendet wird und beschließen, ihren Teil des Kuchens einzusammeln. Je genauer zugeschnitten die Geschichte ist aufs mitleidige Publikum, desto misstrauischer werde ich. Und andere – nur: die Mehrheit mag es gefühlig. Nur um ein paar Beispiele zu nennen: da war „Witwer“ Lars, dessen Frau an Krebs verstorben ist und er nun mit Kleinkind allein auf weiter Flur sitzt. Er braucht Geld für Bestattungskosten und ein paar kleine Freuden für das Kind. (Während er damit fast 8000 Euro ersammelte, auch angefacht von ein paar Großaccounts, sammelte seine höchst lebendige Gattin für die „Krebserkrankung“ ihres Kindes. Und nur, weil bei die gleichen Wohnungsbilder nutzen, kamen ihnen findige User auf die Schliche), eine Frau, die viel Geld für den angeblichen Umzug sammelte, um sich aus den patriarchalen Strukturen ihrer Familie befreien zu können, schoss auch nach dem „Umzug“ noch Bilder in genau der gleichen Kulisse. Eine Buchautorin, die ihre 16.000 Follower mit einem Buch erfreuen wollte, verschwand nach dem Sammeln von 4.000 Euro von Twitter…mittlerweile haben immer mehr NutzerInnen Patreon-Links zum Spenden, ihre Amazon-Wishlistes etc im Profil und weisen immer wieder in Tweets auf ihre Notlagen hin. Diese Notlagen werden natürlich mit den Manga-Comics und Erotikbildbänden nicht besser, aber hey, wenigsten etwas Luxus. Vielleicht sollte man da aufklären, dass auf „Only Fans“ wesentlich mehr zu holen wäre?

Helfen ist so einfach – oder?

Was mich immer wieder verblüfft: die SpenderInnen sind vernünftigen Argumenten, warum das jetzt mit ziemlicher Sicherheit ein Fake oder Quatsch ist, völlig unzugänglich. Da können versierte Sozialamtsmitarbeiter darauf hinweisen, dass es Zuschüsse zu Begräbniskosten gibt, dass für viele Notlagen spezielle Stellen zuständig sind, oder – dass sich der Spendensammler gerade strafbar macht, so eine Aktion während einer Privatinsolvenz zu verschweigen. Es wird verbissen weitergespendet- „Lieber tausend Mal den Falschen helfen, als einmal dem Richtigen nicht“ -so lautet das Mantra. Meine sehr rationale innere Stimme sieht das irgendwie anders. Nicht allein durch diese Betrugsaktionen bleibt bei mir ein schales Gefühl zurück. Ich empfinde diese Sammeleien im Allgemeinen als unangenehm. Ich ärgere mich, wie lieben, gutgläubigen Menschen Grütze angedreht wird. Und: es gibt Menschen in echter Notlage. Davon würden sich aber die Meisten die Hand abhacken, bevor sie auf Twitter sammeln gehen. Die eben nicht für Erotikbildbände, Playstation oder Mangas sammeln, sondern fürs nackte Überleben. Außerdem gibt es gute Organisationen wie „Eine Sorge weniger“, die zertifiziert sind und bei denen kein Schindluder mit dem Geld getrieben wird. Ich kann euch nur anflehen, spendet da, wo’s sicher ist und werft euer Geld nicht weg (Aber klar, ja, es ist eures).

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

13 Kommentare zu “Ein unangenehmer Trend: Bettelbetrug auf Twitter und Instagram

  1. Hallo. Ironie an: Ich sollte es vielleicht auch mal versuchen. Hätte da so einen großen Wunsch, den ich mir und dem Kind erfüllen würde. Die Idee und die Geschichte entstand beim Lesen deines Posts. Ironie aus.
    Spendenaufrufe im Netz werden von mir ignoriert . Ich schaue wo ich mit meinen bescheidenen Mitteln in meinem Umfeld helfen kann. Was ich auch nervig finde, sind die täglichen Aufrufe ein Haustier zu retten. Mehr al einen Hund aus dem Tierschutz kann ich nicht beherbergen und an schlechten Tagen komme ich oft ins Grübeln, ob ich nicht doch…Ein Blick auf mein Konto hilft da rasch mich in der Realität ankommen zu lassen.
    Danke, dass du über das Thema geschrieben hast.

  2. Also von Insta kenne ich das gut. Und ich kenne auch Blogs, für die man spenden soll. Das finde ich persönlich immer ein bisschen befremdlich, insbesondere wenn noch alles voller Werbung ist…

    • katrin hilger

      Ich hab neulich gesehen, da hat eine für einen Thermomix gesammelt. Ohne Worte

    • hahahahahaha….den könntest Du mir nakisch auf den Bauch binden 😉

    • katrin hilger

      Ich hab mal überlegt, ob ich für eine Hermes Birkin sammeln sollte. Aber ich bin nicht der Typ Mensch, dem so etwas gelingt.

    • 🤣🤣🤣🤣 da unterstütze ich natürlich gerne…ist ja schließlich ein MUSS…

  3. Treffender kann man die Problematik nicht darstellen! Vielen Dank
    lg M Kuhl

  4. Bernd Schray

    Baron von Münchhausen war ein berühmter Aufschneider, aber völlig unbedeutend im Vergleich zu Zeitgenossen, die es verstehen, Freunden, Bekannten, Unbekannten oder Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wem es tatsächlich richtig und nachprüfbar schlecht in Pandemiezeiten geht, gehört zu Berufsgruppen wie Reisebüroinhaber, /-mitarbeiter, Gastronomen, Künstler und andere vom Lockdown Betroffene. Die Touristiker, die leiden, erleben wenig Barmherzigkeit, dagegen sind Musiker und Artisten etwas stärker im Fokus der hilfsbereiten Öffentlichkeit, weil es ein hartes, aber auch romantisches Brot ist, von dem sie leben (wenn sie arbeiten dürfen).

    In Stuttgart hat sich die Künstler*innensoforthilfe gegründet, die auf die Initiative eines Journalisten der Stuttgarter Zeitung / Nachrichten – Joe Bauer – zurückgeht, der mit seinen Lesungen auf offener Bühne selbst Auftrittserfahrung besitzt und viele Künstler persönlich kennt.

    Wer sich dafür näher interessiert und Geld spenden möchte, darf gerne seine Website besuchen, um sich weiter zu informieren. https://www.joebauer.de/de/depeschen.php?sel=20210105

  5. Es war doch immer schon ein Leichtes, gutgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen – das Medium ist nur ein anderes geworden und damit die Reichweite.
    Ja, es ist erschreckend, wie naiv manche Menschen auf solche Geschichten hereinfallen und ihr Portemonaie aufmachen.
    Auf der anderen Seite gibt es auch sehr viele positive Seiten, die ebenfalls erwähnt werden dürfen.

    Ohne Twitter wäre ich nie auf Heimatstern gestoßen, die nun auch über soziale Medien Spenden generieren, statt zunächst selbige ausgeben, um große Imagekampagnen zu fahren. Und ja: Ich unterstütze sie gelegentlich.

    Ohne Facebook hätte ich nie von dem Flüchtling erfahren, dem das Fahrrad geklaut wurde, dem wir gemeinsam 300 Euro zusammengetragen haben, um sich ein Neues zu kaufen – und die er nach und nach auf den letzten Cent wieder zurückbezahlt hat.

    Ohne Twitteraktionen hätten viele Dinge, die bei einigen Leuten im Keller verstauben nie zu neuen Besitzern gefunden, die genau so etwas dringend brauchten aber sich nicht leisten können.

    Nicht das Medium ist das Problem, sondern wie jede/r Einzelne damit umgeht. Es kam zu schnell und entwickelte sich zu rasant weiter, ohne dass vielen Bevölkerungsteile lernen konnten, kompetent damit umzugehen. Das macht es denen so einfach andere schamlos zu manipulieren.

    • katrin hilger

      Ja, du hast recht, es gibt viele positive Aktionen. Danke, dass du darauf hinweist. Aber mir ging es darum, dass auch die Geschichtchen so passgenau für die Zielgruppe gestrickt werden.

  6. Offengestanden sind Twitter, Facebook sowie alle anderen „sozialen“ Netzwerke der unangenehmste Trend überhaupt. Das Internet insgesamt ist für mich der Hauptgrund dafür, dass Demokratien sich womöglich schon bald erledigt haben werden. Damit tritt also exakt das Gegenteil von dem ein, das sich irgendwelche Fantasten in der Anfangszeit an Fortschritten für die Demokratie ausgemalt haben. Es gibt zu viele Irre auf der Welt und die haben nun ein Medium, in dem sie ihre Ansichten pflegen und hegen. Wie ansteckend das ist, sieht man auch an dem, was in den USA passiert. Aber in Europa hält die Seuche genauso Einzug.

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