Was uns dieses Jahr gelehrt hat – die persönliche Glücksformel erkennen

2020 war ein widerliches Jahr, da möchte ich nichts beschönigen. Die Pandemie hat viele an ihre Grenzen getrieben, seelisch und materiell. Es wurden Existenzen in den Ruin getrieben, sorgfältig geplante Businesspläne pulverisiert, Karrieren lösten sich in Luft auf. Angst um die Gesundheit und die Existenz, aber auch Mitgefühl mit anderen setzte uns allen unter permanenten Stress. Familien, Paare, Singles waren alle auf ihre Weise vor Herausforderungen gestellt, die sie so noch nicht kannten. Homeoffice kollidierte mit Homeschooling, andere verbrachten die Zeit immer immer größerer Isolation und Einsamkeit und Paare gerieten sich in die Haare, wenn man 24/7 aufeinander saß – oder besser: sitzt, das Drama ist ja lange noch nicht vorbei. Mir bzw uns ging das nicht anders. Es hat schon Zeit gebraucht, dass wir zwei hier einen Modus fanden, uns nicht auf die Nerven zu gehen. Und wir sind super privilegiert mit eigenen Zimmern und sogar einem Arbeitszimmer mit zwei Schreibtischen. Wir haben aber gelernt, unsere Bedürfnisse besser zu kommunizieren – das hat der Beziehung gut getan. Trotzdem bin ich kein Fan von Homeoffice. Denn ich hab meine Kollegen, die gute Arbeitsatmosphäre und die Kreativität vermisst. Ich mag das auch gern, mal aus dem Haus zu kommen, egal, wie schön es hier ist. Aber wenn der wöchentliche Einkauf beim Discounter mit Maske oder eine Folge „Sommerhaus der Stars“ das Highlight der Woche ist – nun ja. Ich bin genügsam – und wir sollen ja gammeln, um die Welt zu retten, also „Hey, super!“. Nicht.

Was uns 2020 beibringen konnte

Rumhüpfen in Meran

Aber es gab auch positive (Lern)Effekte. Ja, durchaus. Das Jahr hat uns allen eine heftige Lektion erteilt. Vor allem denen, die abgesichert im Beruf sind und privilegiert genug, sich darüber Gedanken zu machen. (Diese Einschränkung ist mir wichtig) – 2020 hat uns gezeigt, was uns persönlich glücklich macht. Entweder, weil wir gemerkt haben, dass uns wenig bis nichts fehlt, oder im Gegenteil, weil wir gemerkt haben, was uns so besonders fehlt. Die einen erkennen vielleicht, dass sie mit ihrer Familie alles an Glück haben, was sie zum Leben brauchen, anderen  – mich eingeschlossen – waren Reisen und die damit verbundenen Erfahrungen so wichtig, dass ich mich herausgewagt habe, sobald es  halbwegs okay war. Reisen macht mich glücklich. Liebe und Beziehung macht mich glücklich, ich bin kein Single-Typ. Freunde machen mich glücklich. Blödsinn machen macht mich glücklich. Essen kochen, essen gehen, Essen in allen Varianten macht mich glücklich. Am glücklichsten bin ich, wenn ich mit lustigen und gescheiten Menschen in einer Runde über Geschichte, Politik oder Kunst debattiere, dazu gutes Essen in wundervoller Umgebung. Nie ist mir das so klar geworden wie 2020, als genau das plötzlich aus dem Leben verschwunden war. Und ja, Netzkonferenzen sind ein ziemlich öder Ersatz.

Zwei Sorten Menschen – Solist oder „the more the merrier“

Es hat auch gezeigt, welche Sorte Mensch ich bin. Bin ich jemand, der gern allein ist, der froh ist, nur mit der Familie und wenigen Freunden im engsten Kreis zu verkehren, oder bin ich jemand, der gerne inmitten von Freunden und Bekannten lebt und feiert? Ich gehöre klar zur letzten Kategorie. Wenn ich die Wahl hab, bin ich lieber in Gesellschaft. Ausgewählt, aber gern. Ich kann auch ganz gut allein sein, aber was nicht sein muss, muss nicht. In der Weihnachtszeit hab ich zum Beispiel unseren „Weihnachtsmarktsmarathon“ vermisst, bei dem eine Horde Medienschaffender extrem fröhlich und immer betrunkener von Weihnachtsmarkt zu Weihnachtsmarkt torkelte. Es waren unglaublich lustige, spannende Menschen dabei, es war ein Ritual jedes Jahr, es war ein Highlight. Ich hab das Oktoberfest vermisst, im Garten vom Käfer sitzen, alle sehen fantastisch aus in ihren Dirndln und Lederhosen, alle flirten und singen und haben Spaß, bei gutem Essen und Champagner aus dem Kügerl trinken – oder Augustiner Bier im Wirtsgarten vor dem Zelt. Ich vermisse die Fashion Week und ihre wundervoll Bekloppten 🙂

Susanne Ackstaller, die Textarella, hat einen unglaublich coolen Style – Foto: Susanne Goertz

Ich bin keine Eimersäuferin, aber eine leidenschaftliche Feierin. Auch mit Ü50. Das ist mir dieses Jahr komplett verwehrt geblieben.  Ich vermisse die Lunaparties auf dem Dach vom Bayerischen Hof, die besonderen Menschen, die ich dort regelmäßig getroffen habe. So viele kreative, weltoffene Köpfe – wunderbar. Ich vermisse die Treffen mit den tollsten Ü50 Bloggerinnen…Wenn ich das alles nicht habe, werde ich mit der Zeit trübsinnig – und da bin ich mittlerweile nah dran. Auch wenn die wenigen, engen Freunde, die ich getroffen habe, mir die Welt bedeuten, ich mag (vergleichsweise) große Gruppen. Das fehlt mir – und das werde ich mir nach der Pandemie verstärkt ins Leben holen. Freunde einladen, für sie kochen, mit ihnen philosophieren oder gemeinsam mehr unternehmen: Bergwandern, Skitouren, Baden fahren. Alles im Pulk.

Anderen hat der Lockdown zumindest in dieser Hinsicht weniger ausgemacht, die waren in ihrem kleinen Kreis happy wie die Raupe im Cocon. Die mögen weniger Leute um sich, sind mit Familie rundum glücklich. Völlig legitim. Nur hat es mich gestört, dass diese Gruppe, der so leicht fiel, für sich zu sein, auf die anderen einhackte, der das schwerer fiel. Wenn jemand sich um seine kleine Familie und deren Gesundheit sorgt, hat der Lockdown eine andere Berechtigung, an anderes Gewicht. Dann ist alles andere, auch die ruinierte Wirtschaft, von untergeordneter Priorität. Das war in meinen Augen auch egoistisch gedacht – nur hat es zufällig mit der übergeordneten Moral wunderbar korreliert. Und dieses ganze Gekeife, das vor allem Twitter so unerträglich gemacht hat, das mag ich auch nicht. Zusammen mit den Eiferen. Da habe ich mich in diesem Jahr von einigen getrennt, von irren Aluhüten genauso wie von Hexenjägern, die mit heiligem Ernst alle gejagt haben, die gegen die kleinste Coronaauflage verstoßen haben. (Ihr seid sechs statt fünf zu Weihnachten, das geht nicht!) Eigentlich kann 2021 so nur besser werden. Mit einem klareren Fokus aufs eigene Leben. Machen wir das Beste draus.