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Fair Fashion: Haltung und Stil müssen wieder in Mode kommen

Diesen Artikel habe ich ziemlich genau vor einem Jahr geschrieben – und er ist für mich wichtiger und aktueller als je zuvor. Denn mit Corona sind viele Errungenschaften wieder verloren gegangen, die eben erst ganz vorsichtig in der Gesellschaft Fuß zu fassen begannen, gehen wieder über Bord. Plastik wird als „hygienischer Stoff“ begriffen, alles wird eingewickelt, die Wegwerfbecher sind wieder da und die Plastikstrohhalme dazu. Samt den gekauften Einweg-Masken vermüllt das Plastik wieder  unsere Landschaft. Masken treiben in Flüssen und Meer. Die kleinen Label gehen ein, weil wenn was gekauft wird, wird Zara oder H&M gekauft. Dabei haben wir klimatechnisch 5 vor zwölf – oder schon 5 nach zwölf. Unsere Wirtschaft geht nicht drauf, weil wir zu wenig vom Billigmist kaufen, sondern, weil wir immer noch zu wenig hochwertige Mode un hochwertige, nachhaltige Güter erwerben. Was wir bräuchten, wäre eine staatliche Regelung, dass Mode, die von Billigkräften billig in Bangladesh hergestellt wird, hier nicht mehr verkauft werden darf. Die NäherInnnen in Fernost sollen endlich fair bezahlt werden – und fair bedeutet ein paar Cent die Stunde mehr, die einen immensen Unterschied machen. Wir müssen umsteigen auf Bekleidung, auf Mode, die eine Saison überdauert – qualitativ und vom Stil her. Leider. Es war schön, Fast Fashion, wir hatten viel Spaß zusammen.

Stil und Haltung statt Mode – das ist nachhaltig

Diesen gute Lösung tut nicht mal weh, im Gegenteil. Ich will natürlich nicht, dass ihr jetzt denkt, hey, die predigt totale Konsumverweigerung. Tue ich nicht – das wäre völlig verlogen. Aber wenn wir wirklich, wirklich einen Schritt weiter nach vorne machen wollen, dann sollten wir uns alle weitgehend verabschieden von dem, was heute in ist und morgen out – und stattdessen etwas finden, was uns hilft, uns durch den Modedschungel zu dem zu lotsen, was bleibt. Und das ist der eigene Stil, beeinflusst nur von der Lebenssituation und vom Geschmack, nicht von Schnellschüssen, Modediktat und von Billigbilligkrusch, den man nach zweimal Waschen in die Tonne hauen kann. Stil bleibt. Und wenn etwas zum eigenen Stil passt, will man es ganz automatisch behalten, ohne das Gefühl zu haben, man kasteit sich. Statt wild durch die Geschäfte zu surfen, geht der Weg erstmal ganz ruhig und überlegt ins eigene Innere: Für was stehe ich? Was sieht gut aus an mir? Und dann dementsprechend kaufen – und zwar die beste, fairste Qualität, die das Budget zulässt. Schön, langlebig und idealerweise pflegeleicht. Es ist ein bisschen so wie die Methode vom Aufräumen mit Marie Kondo auf den Konsum übertragen: nur das, was man wirklich liebt, kommt in den Einkaufskorb. Ich glaube nicht, dass sich das anfühlt wie ein Verzicht, im Gegenteil.

„Hey, so last season“ – das muss ein Kompliment werden, keine Beleidigung.

Es gibt so viele tolle faire Label, Hess Natur, Thokk Thokk (haben eine Boutique in der Barerstrasse – unbedingt vorbeischauen), Me & May oder Fit Buddha aus München. Im Netz findet sich viel Ethno (was ich gerne trage) aus aller Welt und fairer Schmuck – ich weiß, Ethnomode ist umstritten, da viele fürchten, durch das Tragen würde man sich unrechtmäßig eine andere Kultur beleidigen und sich unrechtmäßig aneignen. Das sehe ich nicht so. Solange man Kleidung mit Liebe und Respekt trägt, finde ich das persönlich in Ordnung. Das muss jede/R mit sich ausmachen…Eigentlich ist faire Mode keine Mode im eigentlichen Sinne. Denn diese Bekleidung ist dazu gemacht, anzudauern und jahrelang als geliebte Stücke getragen zu werden – und das ist eigentlich das Gegenteil von Mode. Mode ist: It-Bag, jede Saison neue Styles, Mode ist schnell und arrogant und liebt den Überfluss. Mode ist designt, um morgen schon wieder entsorgt zu werden. „Hey, so last season“ – das muss ein Kompliment werden, keine Beleidigung.

Die Fast Fashion Hölle – es begann ca 2004

Wenn man Fast Fashion betrachtet, lohnt ein Blick zurück, wie das alles angefangen hat. Es mag verwundern, weil wir gefühlt schon lange konsumieren wie die Irren, aber so alt ist das System der sich permanent erneuernden Mode nicht. Erst 2004/2005 nahm Fast Fashion raketenartig Fahrt auf. Discounter wie H&M gibt es in Deutschland schon länger, aber erst 2004/2005 schossen die Verkäufe nach oben. Es war eine Verkettung unterschiedlichster Umstände – und die Zeit war wohl einfach reif dafür. 1999 eröffnete der erste Zara in Köln, weitere folgten rasch. 2003 eröffnete Mango die ersten Shops in Deutschland. China und andere südostasiatische Länder boten die perfekten Bedingungen für einen nie abreißenden Strom von immer schneller werdenden Trends. Es wurde am Fliessband produziert und am Fliessband verkauft. Auch die deutschen Labels wie Esprit etc machten mit beim sich schneller drehenden Karussell der Mode. Und die Kunden freuten sich und bauten ihre Garderobe aus und aus und aus. Dazu kamen weitere Gegebenheiten, die den Konsum befeuerten: die sozialen Netzwerke begannen Fuß zu fassen, in Amerika entstanden die ersten Modeblogs, die Zeitschriften und Onlineseiten machten mit bei dem Trend – und so entstand der Strudel, der uns heute bis zum Hals reicht. Wir ertrinken in Kleidung – daheim platzen die Schränke, auf der Welt die Müllhalden. Auch wenn das viele ändern wollen, tun die wenigsten etwas. Fair Fashion ist leider noch ein Nischenmarkt. Nur ein Prozent aller Einkäufe im Modebereich sind nachhaltig, aber 70 Prozent der Menschen wollen nachhaltiger leben. Auch das hat Gründe – vorrangig der Preis, der bei fairer Mode höher liegt, zum anderen die Größen – die meisten fairen Label produzieren nur bis 42 und zum dritten hat grüne Mode immer noch das Image, sehr Öko auszusehen, aber das ist natürlich völliger Käse. Deswegen empfehle ich allen auf die GreenStyle Messe zu gehen, und sich unvoreingenommen zu informieren. (Die nächste ist im Frühjahr, hier sind all die Brands der vergangenen Messe, viele haben Onlineshops) Außerdem gibt es den Shoppingguide Buy Good Stuff, einen Labelfinder für Faire Mode.

Lasst uns unseren eigenen Stil finden

Was ich lustig finde: die schlanken Schönheiten ziehen alle das Gleiche an, obwohl die jede Freiheit hätten, sich auszuprobieren, etwas Neues zu tragen. Wirklich tollen, originellen Stil entdecke ich dagegen viel mehr bei den Plussize Frauen, die aus der Not das Beste machen müssen. Die ziehen sich so toll an, dass ich mir denke, wow, so kann es auch gehen. Einfach wieder mehr Spaß haben am Spiel mit dem Stil – das wäre es doch…

 

5 Kommentare zu “Fair Fashion: Haltung und Stil müssen wieder in Mode kommen

  1. katrin, da gebe ich dir recht 👍

  2. Sehr cooler Artikel, ganz meine Meinung!

  3. Liebe Katrin,

    der eigene Stil ist ein guter Kompass durch den Modedschungel. Und auch sonst hilft es ungemein, zu wissen wer man ist und wofür man steht. Aber das ist doch der Vorteil von uns ü50ern … wir wissen das, oder?

    • katrin hilger

      Das stimmt 🙂 irgendeinen Vorteil müssen wir haben ❤️

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