Konsum München Nachhaltigkeit

Einkaufen, wie wir es kannten, ist vorbei – oder: neue Ideen für lebenswertere Städte

Als ich ein Kind war, war der Besuch bei Karstadt in Rosenheim der Besuch einer Wunderwelt. Eine riesige Lebensmittelabteilung, eine Abteilung für Kindermode und Kinderschuhe, und natürlich die Spielwarenabteilung mit dem Regal voller Barbies..ich hab all das heute noch vor Augen und für mich war es das Paradies. Wir kauften dort sehr viel ein, dazu ging mein Vater noch in verschiedene Buchläden, die seinen Geschmack genau kannten, Mama kaufte Mode bei einer italienischen Boutique – und es gab ein Elektrohaus, einen Kindermodeladen, der einen lebenden, sprechenden Papagei beherbergte und Qualitätsmode von Hummel. Als mein Onkel heiratete, bekam ich dort mein erstes eleganteres Kleid, lachsfarben, mit Plisseerock, aus Jersey, ein kleiner Kragen. Ich fand es umwerfend. Ich finde das Kleid in der Rückschau immer noch cool, und würde sogar eine Version davon tragen – das alte Kleid geht nicht mehr, Passformprobleme, ich war damals vier.

Diese Zeit, als die kleine Heimatstadt als einzige Bezugsquelle für Mode und alle anderen Kaufbedürfnisse von Schallplatte bis Sofa und von Lebensmitteln bis Businessanzug genügte, sind längst Vergangenheit. Ebenso das Bild von Kaufhäusern als glitzernden Einkaufstempeln. Viele Kaufhäuser sind muffig, machen kaum Spaß zu besuchen und fündig wird man auch nicht. Und das sage ich als jemand, die den lokalen Handel unterstützt und kein Fan von purem Onlineshopping ist. Kaufhäuser gibt es auf der Welt nur wenige, die wirklich etwas Besonderes sind und besonders Spaß machen. Und etwas Besonderes müssen sie bieten, sonst passiert eben, was gerade passiert. Auf Amazon, Ebay und Co bekommen wir alles, was die Welt zu bieten hat, zu unschlagbar günstigen Preisen. Kleider kommen aus den Riesenfilialen der großen Ketten, die sich gegenseitig mit Preisen immer weiter unterbieten – und dank Konkurrenz online fallen die Preise ins Bodenlose. Corona wirkte wie ein Brandbeschleuniger, hat diese Entwicklung nochmal vorangetrieben. Viele Marken gehen in die Insolvenz oder reduzieren ihre Geschäfte kräftig. Das tut mir für die Angestellten immer sehr leid. Aber es ist der Lauf der Dinge. Wie die kleinen Geschäfte meiner Heimat alle nicht mehr existieren, geht nun auch die nächste Art Einkaufen ihrem Ende entgegen. Große Fische essen kleine Fische..

pexels-photo-285172

Heute hat auch die Münchner TZ getitelt: immer mehr Geschäfte stehen leer. Ja, das fällt mir auch auf, die Münchner Innenstadt dünnt aus. Aber es ist vielleicht ein notwendiger Prozess: die Mieten müssen runter. Das sieht die tz auch, vor allem macht die aber den Niedergang des Individualverkehrs verantwortlich. Das sehe ich überhaupt nicht so. Was mich irritiert, bis jetzt wird die Diskussion geführt, als ob alles unvermeidlich sei, dass bald Strohballen durch unsere Innenstädte wehen und jeder nur noch mit dem Ipad einkauft. Das will eigentlich niemand. Und doch tun wir so, als sei das zwangsläufig. Warum denken wir nicht mehr über sinnvolle Konzepte nach, unsere Städte lebenswerter zu machen und so eine Win-Win-Situation zu schaffen?

Corona bietet auch Chancen, die Innenstadt neu zu denken

Warum sehen wir nicht die Chancen im Wandel? Ich bin dafür, dass wir jetzt unsere Art der Städteplanung auf den Prüfstand stellen. Denn plötzlich geht ja alles: statt Parkplätze haben wir plötzlich lauter Lokale mit Außenflächen in Haidhausen, Popup-Fahrradwege, mehr Platz für Fußgänger und Radler. Warum hat es dazu eine Pandemie gebraucht?  Das Konzept sollten wir durch die ganze Stadt ziehen: Die Münchner Fußgängerzone zum Beispiel. Grauer Waschbeton mit grauen Waschbeton-Blumenkübeln. Der Brutalismus der 70er lässt grüßen.  Warum nicht: statt der leeren Geschäfte mehr Lokale, mehr Freischankflächen, dazu mehr Grün statt Pflaster? Mehr Platz zur Begegnung, einen Food-Markt in die Mitte mit wechselnden Ständen, kleine festinstallierte Bühnen für Musiker. Am Sonntag ab und an geöffnet. Das wäre eine Innenstadt, die ich mögen würde. Und viele andere auch, da bin ich sicher. Außerdem: wir könnten einen Innenstadt denken für Bewohner, nicht für die Touristen. Es gibt bei uns ganze Strassenzüge, die nur teuren Tanderadei für die arabischen, chinesischen und russischen Geldtouristen feilhalten. Da geht grad alles den Bach runter und es tut mir nicht leid. Denkt die Städte für ihre Bewohner, nicht für Besucher. Die kommen von allein, wenn es toll ist. Legt stattdessen mehr grüne Begegnungsplätze an, wie den Grünspitz in Giesing. Dort können die Leute gärtnern, feiern, unbesorgt ihre Kinder spielen lassen. Auftanken. Immer, wenn Flächen um gewidmet werden vom Auto weg, kommt etwas Schönes dabei heraus.

Ebenso wichtig: Nachhaltiger Konsum. Wir haben während des Lockdowns festgestellt, dass Konsum allein so geil nicht ist. Wir haben gesehen, dass dadurch die Wirtschaft rund um den halben Erdball einknickt. Näherinnen in Bangladesh leiden Hunger, weil die Ketten die Aufträge storniert haben. Muss das so sein? Nein. die Firmen könnten die Näherinnen weiter beschäftigen, weniger im Akkord zu nähen: gleiche Menge NäherInnen, kleinerer Output – bessere Arbeitsbedingungen. Was ist das Problem, dass diese einfachen Schritte nicht getan werden? Viel teurer ist es ja nicht.

Photo by Daria Shevtsova on Pexels.com

Die Menschen in Deutschland wollen doch angeblich möglichst nachhaltig kaufen – hier ist der Weg dahin. Weil die Antwort auf die Krise nicht sein muss:  „so viel Massenkonsum wie früher“ sondern: besser, weniger, qualitätsvoller. Es muss sich viel ändern, keine Frage. Geschäfte müssen sich nicht nur darum kümmern, dass ihr Produkt geil ist, sondern auch, wie man es an den Mann oder die Frau bringt. Es war nie einfacher als jetzt, wenn jeder einen Webshop in wenigen Minuten aufsetzen kann  – und es war nie schwerer als jetzt, weil es so unendlich viel Konkurrenz gibt. Die Leute müssen zu den Produkten finden.

Kollaboration: Viele faire Brands gemeinsam in ein Geschäft – zum Wohle aller

auch hier könnte der Leerstand in der Fußgängerzone eine Chance sein. Da die Mieten vor der Corona-Krise nicht mehr aufzurufen sind, wird es vielleicht billiger. Und damit erschwinglicher für kleinere, individuelle Geschäfte weg von der Kette. Das ist sicher attraktiver für die Einkäufer. Und damit das gut funktioniert und die Last auf viele Schultern verteilt wird: Ich würde  den kleinen Fair-Trade Labeln empfehlen: tut euch zusammen, mietet gemeinsam Flächen an, kombiniert eure Online-Shops, kollaboriert so viel ihr könnt. Das ist eine wirkliche Chance, wenn nicht die Einzige. allein wird es kaum wer schaffen. Liebe Politiker – habt ein Herz für eure Bürger. Macht die Stadt schöner, moderner, grüner, erholsamer, interessanter. Und damit lebenswerter und liebenswerter. Da haben alle was davon, auch die Touristen.

 

4 Kommentare zu “Einkaufen, wie wir es kannten, ist vorbei – oder: neue Ideen für lebenswertere Städte

  1. Carola M.

    Münchens Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) sieht ja genau das Wuchern der Fußgängerzonen als eines der Hauptprobleme, die die Innenstadt erst veröden lassen. „Die Frequenz stimmt einfach nicht mehr. Früher wären die Läden trotz Corona sofort wieder besetzt gewesen, weil es eine Perspektive gab. Aber die Zuversicht schwindet, auch weil der Individualverkehr stark reduziert wird“, zitierte ihn der Münchner Merkur, ebenfalls gestern. Und weiter: „Seitdem die Sendlinger Straße nicht mehr Fahrstraße ist, hat [ein Blumenhändler] 30 Prozent weniger Umsatz. Die Leute haben früher in der Sendlinger Straße geparkt und sind dann rüber zum Einkaufen.“ Sicherlich spricht er damit nicht für die gesamte, neue, grün-rote Stadtspitze. Aber ein ökosoziales Paradies für alternative Kleinhändler, das vermag man sich in absehbarer Zeit schon aufgrund der Eigentümerstrukturen der Einzelhandels-Immobilien im Münchner Stadtzentrum nicht so recht vorzustellen.

    • katrin hilger

      Das Thema Innenstadt muss echt neu gedacht werden. Ich hätte in der Sendlinger Straße zumindest Radspuren eingebaut. Auch durch die kaufinger. Ich finde das Thema ultraspannend

  2. In Großstädten wie München mag die Hoffnung berechtigt sein, dass die verwaisten Objekte für ganz neue Projekte nutzbar gemacht werden können. In den vielen kleineren oder mittleren Städten wird es so sein, wie man es heute auf dem Land schon sieht. Große, größere Objekte bleiben endlos lange leer und verschandeln die Innenstädte. Man wird wohl nicht darum herumkommen, die Städte massiv umzubauen. Inwieweit eine alternative Nutzung der Flächen für mehr Grün und höhere Gastronomieanteile gelingt, bleibt abzuwarten. Es liegt ein schmerzhafter Lernprozess vor vielen Städten und Gemeinden. In Erfurt (schöne Stadt) habe ich gesehen, wie es aussieht, wenn eine Innenstadt zu einem sehr hohen Anteil für Gastronomie genutzt wird. Ich habe mich damals gefragt, wer diese ganzen Angebote nutzen wird. Ich weiß nicht, wie es dort heute aussieht. Damals hat mich, so schön es aussah, der Gedanke beschäftigt, ob sowas wirklich Zukunft hat.

    Wir werden wahrscheinlich die Kerne der Innenstädte in einem Jahrzehnt schon nicht mehr wiedererkennen. Übrigens finde ich den Aktionismus mancher Verantwortlicher im Bezug auf die Umgestaltung der Innenstädte heute nicht sehr erfolgversprechend. Da wird noch ein Center eröffnet oder noch eine Passage und am Ende verteilt sich der Umsatz so sehr, dass alteingesessene Geschäfte noch stärker unter Druck geraten als es heute bereits der Fall ist. Die Stadtkerne von Bergheim und Grevenbroich, zwei kleinere Städte in unserer Region, sind desolat. Das Angebot von Geschäften ist stark beschränkt. Smartphone-Anbieter gibts zuhauf, dafür sind schöne Geschäfte (Schuhe, Mode) fast gar nicht mehr zu finden. Dafür gibts jede Menge leerstehende Geschäfte. Ein echt trauriges Bild.

    • katrin hilger

      Da hast du völlig recht. Diese blöden Center und Passagen werden heutzutage nicht mehr so angenommen wie früher. Bei uns in München nochmal ein Center in jedem Vorort mit exakt den gleichen Läden wie in der Innenstadt macht keine Lust die Innenstadt zu besuchen. Es ist alles so lieblos, sinnlos…

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.