Nachhaltigkeit

Twitterer, die ihr alle kennt (Jedenfalls die, die twittern)

Twitter ist das Netzwerk, auf dem ich mich am häufigsten bewege. Da diskutiere ich mit, da streite ich mich, da hab ich Spaß zusammen. Nicht wenige der Twitterer kenne ich, von der re-publica, von Bloggertreffen, der Piratenpartei…Seit der Präsident Twitter als sein bevorzugtes Regierungstool nutzt, ist Twitter stärker in den Fokus der Allgemeinheit gerückt. Twitter ist die Heimat von liebenswerten und weniger liebenswerten Spinnern. Dort tummeln sich Selbstdarsteller und deren Fans, wildgewordene Aktivisten jeder politischen Richtung, Verschwörungsschwurbler und Verteidiger verrückter Fakten…

Hier mal ein Guide mit den wichtigsten Charakteren, die das Netzwerk füllen.

Linksaktivist*in (Homo Kreuzbergensis oder Homo Habibitus)

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Du bist ein Einhorn? Super!

Sicher eine der Toppersonen im Netzwerk. Ohne dauerempörte Linksaktivisten könnte man Twitter eigentlich zusperren. Sie sind da, um möglichst extreme Forderungen zu formulieren, die sie dann als moralischen Standard festlegen. Je bekloppter und unsinniger die Forderungen, umso besser. Ein Weltraumaufzug zum Mond ist da schon Standard. Wer glaubt, vom Geschlecht ein lindgrünes Einhorn mit Laserschwert zu sein, wird hier sehr ernst genommen. Idealerweise beweist man mit seiner Optik, dass man auf Normen nichts gibt. Ganz wichtig ist auch, dass du als Linksaktivist heftiger auf alle draufhaust, die zu 90 Prozent deiner Meinung sind als auf die, die wirklich auf der anderen Seite stehen. Ebenso wichtig sind möglichst komplizierte Kürzel für alles. Die sind wichtig, um die Uneingeweihten außen vor zu lassen. Die Bandbreite reicht vom liebenswerten Spinner zum gemeingefährlichen Krawaller. Das natürliche Habitat ist Berlin Mitte. Oft ziemlich humorbefreit und hasst deswegen alle, die Twitter zum Spaß nutzen.

Rechtsaktivist*in (Homo AFDioticus)

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Staatsquallen rotten sich zusammen und nicht wenige werden von ihren Tentakeln gestreift

Der Rechtsaktivist ist der Antagonist der Linken. Man erkennt sie an deutschen, israelischen und amerikanischen Flaggen im Profil. (was ihn oder sie nicht daran hindert, trotzdem was von der großen Weltverschwörung zu munkeln, wenn’s drauf ankommt) Es ist wichtig, genau das absolute Gegenteil von Links zu fordern, auch wenn die Forderung Sinn macht (und umgekehrt natürlich auch). Rechtsaktivisten wünschen sich eine diffuse „gute alte Zeit“ zurück, die wahlweise irgendwo zwischen 1933 und 1990 liegen kann, je nach Extrem. Auf alle Fälle sollen die Geschlechterrollen aus einem anderen Jahrhundert stammen. „Make Kleinfamilie great again“. Außerdem muss das Land möglichst einheitlich eine Gartenzwergdichte nicht unter zwei Zwergen pro Quadratmeter aufweisen. Die großen Accounts spielen gerne „Zündeln“ – mit scheinbar harmlosen, aber hintenrum perfiden Tweets werden wüste Shitstorms vom Zaun gebrochen. Die weiblichen Mitglieder dieser Gruppe sind oft hübsch und werden gefeiert, weil sie möglichst frauenfeindliche Parolen in die Welt blasen.

Verschwörungsschwurbler (Homo Hildemanndensis)

Ist eine Stufe weiter als der Rechtsaktivist. Völlig freidrehend, glaubt er oder sie an irre Gurus auf YouTube oder Telegram, die meinen, dass die Erde eine Scheibe ist, von Freimaurern beherrscht, und jederzeit und überall drohe die „Große Weltverschwörung“, gegen die man sich wehren müsse, zur Not auch mit echter Gewalt. Dieser unangenehme Zeitgenosse ist schon am Kippen Richtung Terror oder er gräbt sich einen eigenen Bunker in den Garten.

Die lebende „freche Frauen“ Serie (Homo Lindströmis) 

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Hier wird kein Klischee ausgelassen!

In der völlig politfreien Blase von Twitter häufiger anzutreffen. Hier postet sie liebenswerte Maleure, die ihr angeblich passieren, oder lässt ihre Kinder kleine Kalendersprüche kund tun. Sie liebt Nutella, Bridget Jones und findet Shades of Grey erotisch – deswegen gibt es ab und an Bilder ihres Ausschnitts, getarnt mit einer Kaffeetasse, zu sehen. Die Followerschaft liegt auch deswegen im 5-stelligen Bereich, ansonsten lieben viele Twitterer die Kalenderweisheiten und die ach so putzigen Geschichten. Lebt meist verheiratet in Wanne-Eickel, was sie aber nie zugeben würde. Als Sonderform 1: Die Mama-Twitterin mutiert sofort vom lieben Hascherl zur Furie, wenn jemand es wagt, ihr Lebens-und Erziehungsmodell in Frage zu stellen. Eine weitere Sonderform ist das „Wandelnde Pech“ – ein Schicksalsschlag jagt den nächsten – die Community folgt wie bei einer Soap, um keine Wendung des Dramas zu verpassen. Die dritte Form ist das „glückliche Pärchen“, die Twitter mit teigigen Paarbildern und kitschigen Liebeserklärungen erfreuen…

Flauschposter*in (Homo Quokkus)

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Was wäre Twitter ohne Tierposter? Eben! Kuck mal, ein Eichhörnchen!

Liebenswerte Zeitgenossen, die eigentlich nur gute Laune verbreiten wollen. Posten wahlweise Tierbilder oder verteilen Herzen. Werden nur sehr sauer, wenn jemand die Harmonie stört. Allen Followern einzeln guten Morgen zu wünschen, ist Standard, wie Bilder von Teddybären und GIFS von Kaffeetassen. Wer gerne liebe Leute um sich hat – hier ist er oder sie richtig. Schade: viele von diesem Leuten hätten viel zu den Diskussionen beizutragen, nutzen ihr Wissen aber aus Furcht vor Shitstorms nicht.

Die Marketing-Gurus (Homo Startupensis)

Startup-Gründer, PRler, Journalisten Techblogger – einfach alle, die der breiten Masse 5 Meter voraus sind, geben ihre Weisheit zum Besten und zeigen so, wie weit vorn sie sind. „Zoom und Scrum ist old hat“ „Die deutsche Startup Scene ist so lame“ – wenn andere von einem Online-Tool noch gar nichts gehört haben, ist es für sie schon wieder ein alter Hut. Das lassen sie auch alle wissen. Auch Mitte 50 lieben sie TicToc und wollen den Tagesschausprechern empfehlen, die Nachrichten dort zu tanzen, um die jüngere Zielgruppe anzusprechen. Bewundern blutjunge Blogger und InfluencerInnen, vielleicht als Form der Midlifecrisis. Meist sind es Männer, die sich gegenseitig sehr wichtig nehmen und auf Podien einladen, wo Frauen geflissentlich übersehen werden. Oder sie bekommen eine kleine Stage am Rand.

Trash-TV Twitterer (Homo Rützeliensis)

Gemeinsam den Wendler und den Mangiapane hassen, Dschungelcamp kommentieren und die Trickkleider des ESC bewundern – willkommen beim Trash-TV-Twitterer. Das Jahr wird für diese Spezies nicht nach Jahreszeiten aufgeteilt sondern in Dschungelcamp, Bachelor, Sommerhaus der Stars und Helene-Fischer-Weihnachtsspecial. Zwischen diesen Standards wuchern immer neue Sumpfblüten, sei es Promis unter Palmen oder Temptation Island. Die Twittercommunity schwankt zwischen echtem Mitfühlen und abgeklärter Distanz. Die Granddame ist Spiegel-Kolumnistin Anja Rützel, die den Quark auch für die aufbereitet, die nicht mitkucken. Ist durchaus eine der lustigeren Blasen auf Twitter. Gehasst von ernsten Polittwitterern (die sind nur beim Tatort dabei und vermerken sozialkritische Untertöne). Die Extremisten sehen sogar jeden Sonntag „ironisch“ den Fernsehgarten. Aber das ist Hardcore.

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Twitter-Celebrities (Homo Böhmermannis)

Wer eine Zeitschriftenkolumne füllt, eine mäßig erfolgreiche Fernsehshow oder einen größeren YouTube-Kanal, gehört zu den echten Prominenten bei Twitter. Allerdings – anders als bei Instagram bedeutet diese Followerfülle wenig außer Ruhm und Ehre und vielleicht eine neue Kolumne in einem anderen brotlosen Magazin. Nutzt seinen Ruhm, um Spenden für gute Zwecke zu generieren – mal besser, mal schlechter.

 

 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

2 Kommentare zu “Twitterer, die ihr alle kennt (Jedenfalls die, die twittern)

  1. hihi – gute Zusammenstellung 🙂

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