Nachhaltigkeit Politik

Was wir als Weiße tun können, um Rassismus auszugleichen

Rassismus war und ist dieser Tage das ganz große Thema. In den USA entwickelte sich die unglaubliche Tat eines Polizisten, der George Floyd, den er des Scheckbetrugs verdächtigte, bei der Festnahme erstickte. Unfassbar. Undenkbar in Deutschland? Leider nicht, denn auch hier starb etwa Oury Jalloh gewaltsam im Polizeigewahrsam in Dessau. Fälle, die sprachlos machen und die zurecht Proteste auslösen, die nicht abebben wollen. Was in den USA passieren wird, ist ungewiss. Präsident Trump könnte leicht über George Floyd stolpern und die kommende Wahl verlieren – oder das Militär gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Aber es sind nicht nur diese ganz großen Taten, die Menschen mit anderem Aussehen das Leben in Deutschland vergällen.  Alltagsrassismus ist überall – und wir alle tragen dazu bei. Als PoC hat man es schwer, auch wenn wir das gerne anders sehen und ausblenden würden. An Bahnhöfen werden diese Menschen häufiger kontrolliert, bei der Wohnungsvergabe oder bei der Jobsuche benachteiligt. Das ist Fakt. Und das sind die Punkte, bei denen wir ansetzen und helfen können.

Wie können wir unterstützen?

Zuerst: Wir können versuchen, Rassismus nicht in die kommende Generation zu tragen. Dabei helfen wunderbare Aktionen wie „Hautfarben“, die Kinden zeigen, Haut ist bunt und nicht immer nur das Schweinchenrosa im Farbkasten. Kinder sind nicht von Natur aus mit Vorurteilen belastet. Ich hatte als Kind das Unicef-Weltkochbuch, das Rezepte un Essensbräuche aus allen Ländern enthielt – sowas macht den Kopf offen für Neues. Leider ist das Buch irgendwann mal verloren gegangen, ich hätte es gern weitergegeben. Bei uns im Hof, in einer uncooleren, ärmeren Gegend von Giesing, spielen kleine Kinder aller Hautfarben sehr friedlich miteinander – ich liebe dieses Bild und hoffe, die behalten ihre Haltung bei. Wir können PoCs, die wir kennen, bei der Wohnungssuche helfen. So hab ich den Exfreund einer Freundin meiner ehemaligen Vermieterin vorgeschlagen, seine Stelle als Arzt rausgestellt und die Hautfarbe unterschlagen – er wohnt jetzt in meiner alten Wohnung. Auch bei Jobs oder Praktika können wir Leute empfehlen, helfen, Vorurteile bei Arbeitgebern zu überwinden. Es ist eigentlich ganz einfach. Etwas mehr Mut gehört dazu, Menschen bei Kontrollen in der Bahn beizustehen, sich ebenso kontrollieren zu lassen – und damit zeigen „Ich finde das ungerecht – und Du wirst nicht im Stich gelassen“.

Wir sind alle Rassisten – aber wir können nachdenken

Und zu guter Letzt: Wir sind alle Rassisten. Immer wieder. Auch wenn „ich schwarze Freunde habe“ oder „Hautfarben nicht sehe“ oder wir alle #Blacklifesmatter als Hashtag auf Instagram nutzen. Ich habe schon oft Leute anderer Ethnie kritischer beäugt als ich es bei Weißen tun würde, oft gedacht „typisch“, wenn von Clanverbrechen oder Krawall im nahen Osten etc die Rede war. Da will ich mich nicht ausnehmen. Aber was wir tun können, wenn solche Gedanken kommen, ist, sie zu hinterfragen. „Warum denke ich das jetzt? Das ist doch eigentlich Käse“ . Indem wir unseren Rassismus akzeptieren, statt ihn wütend von uns zu weisen, haben wir die Chance, ihn zu überwinden. Es gibt überall dumme und schlaue, faule und fleissige Menschen, nette Leute und Unsympathen. Ich würde nie sagen „Jede und jeder PoC ist automatisch toll. Aber eben automatisch auch nix anderes.

6 Kommentare zu “Was wir als Weiße tun können, um Rassismus auszugleichen

  1. Für Rassismus braucht man keine Schwarzen, Weißen oder Menschen mit irgendwelchen anderen Hautfarben. Für Rassismus braucht man einen Rassisten, mehr nicht.
    Und nicht nur #Blacklifesmatter , sondern auch #Everylifesmatter ist wichtig.
    LG
    Sabiene

  2. Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft schon einmal weiter war, dass Rassismus einen Tabubereich darstellte. Das heißt nicht, dass der Rassismus weniger geworden wäre. Aber man riss sich zusammen.

    Wenn ich dich richtig verstehe, bist du auch der Ansicht, dass man sich ständig prüfen sollte und sich selbst hinterfragen. Bestimmt sind rassistische Gedanken weiter verbreitet, als wir es gern zugeben würden. Daran liegt es auch, dass so viele fast allergisch reagieren, wenn der Vorwurf formuliert wird, dass es Rassismus eben auch in Deutschland gibt. Und zwar nicht zu knapp.

    Die Auswirkungen sind hier vielleicht weniger extrem (Polizeigewalt) aber der Alltagsrassismus kann eben auch Menschen zerstören. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Kampf immer wieder aufzunehmen, eben auch mit uns selbst. Ich habe gestern übrigens in meinem Blog auch einen Beitrag zu diesem Thema geschrieben: https://bit.ly/2Y4Vx3f

  3. Hallo Katrin, schon bei „PoC“ habe ich gestutzt, weil ich erst gar nicht wußte, was das ist. Beginnt so nicht schon sehr subtil die Hegemonie, also die Vorherrschaft derer, die glauben, andere etikettieren zu können, und die sich genau damit ebenso subtil selbst in eine Machtposition hieven? Denn nur das „Andere“ braucht Definition, sonst wären wir ja alle selbstverständlich. Grüße von Susanne

    • katrin hilger

      Hallo Susanne, alles, was eine Weiße zu so einem Thema schreiben kann, ist problematisch. POC ist deswegen der Begriff, den sich die Betroffenen selbst geben und damit zumindest dieser Name unproblematisch – das Etikett stammt nicht von mir. Aber danke für diesen Denkanstoß

  4. Hallo Frau Hilger,
    vielleicht hift Ihnen dies weiter bei Ihren Gedanken:
    https://huaxinghui.wordpress.com/2014/12/20/rassismus-kulturelles-erbe/
    Man sollte vorsichtig sein mit Begriffen, die in sich selbst Abgrenzung und Verurteilung enthalten.
    Profiling funktioniert durch statistische Mechganismen – diese reflektieren Tatsachen UND sind gleichzeitig diskriminierend. C’est la vie!
    Bleiben Sie gesund.

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