Nachhaltigkeit

Was wird bleiben nach dem Lockdown?

Schlangen vor H&M Corona

Momentan blicken wir alle mit Sorge auf das, was so kommen mag. Wirtschaftsweise, Zukunftsforscher, Statistiker, Politiker schauen alle in ihre Glaskugeln und prophezeien wild drauflos. Dass unsere Welt eine ganz andere wird nach Corona…

Die einen sind ganz positiv gestimmt: durch Corona rücken wir näher zusammen, wir helfen uns gegenseitig. Viele haben jetzt weniger Geld, fahren weniger in den Urlaub. Dadurch werden sie zu bewussteren Konsumenten, die lieber wertige Ware aus nachhaltiger Produktion kaufen möchten. Nach dem Motto unserer Großmütter: Wer billig kauft, kauft zweimal. Viele Menschen werden achtsam, lieb, kochen mehr und sind einfach toll… So schön das wäre, ich glaube nicht daran. Diese Hoffnung platzt, wenn ich jetzt durch die Stadt spaziere. Wo stehen die langen Schlangen an? Bei den kleinen Läden mit wertiger, lokaler Ware aus nachhaltiger Produktion? Mitnichten. Die stehen alle wieder vor Zara, H&M etc. Dass H&M sich in der Krise als echte Ekel herausgestellt haben, Miete gestundet und ihre armen Arbeiter in Bangladesh haben hängen lassen – geschenkt. EGAL…

Kein Wandel zum Besseren nach Corona?

Ich war mir schon lange sicher,  dass die Pandemie nicht, wie von vielen erhofft, eine Wende zum Besseren einleiten wird, im Gegenteil.  Ich bin einfach pessimistisch, fürchte ich. Aber es gibt auch ganz logische Gründe: Zum einen müssen viele das Geld zusammenhalten, viele hatten Einbussen, sind in Kurzarbeit, haben sogar den Job verloren oder sehen sich vor einer langen, langen Durststrecke. Da hat man kaum Geld, will sich aber trotzdem was gönnen – und gibt eben doch nur wieder Geld beim Discounter aus… Es gibt viele Verlierer der Krise: Für Marken, die schon davor nicht so rosig dagestanden haben, wie etwa Esprit, die gerade Insolvenz anmelden mussten, war Corona der Brandbeschleuniger des Untergangs. Schon jetzt kleben in vielen Schaufenstern kleiner oder auch größerer Marken „Nachmieter gesucht“ Plakate, die mich sehr traurig machen.

Der Wandel war gerade erst im Kommen

Dann ist Einkaufen derzeit allgemein kein Spaß. Anstehen, Desinfizieren, Maske auf… Shoppingspass sieht anders aus. Zudem sollen und wollen wir ja auch Abstand halten, nicht so viel unter Leute. Das ist einfach nicht die beste Zeit für Einkaufen, Anprobieren.  Es gibt auch kaum Anlässe, zu denen wir was Neues brauchen. Zum anderen – eigentlich waren wir gerade in einem Wandelsprozess. Ganz, ganz langsam hatte sich bei vielen die Erkenntnis durchgesetzt, dass es vielleicht nicht ganz so geil ist, all seine Sachen bei den großen Ketten zu erwerben. Dass auch die heimische Wirtschaft gestützt werden muss oder dass man sogar faire Kleidung zu fairen Preisen erwerben kann. Aber diese Entwicklung steckte noch in den Anfangsphasen und die Erkenntnis sickerte gerade erst ins Bewusstsein der breiten Masse. Die war noch nicht so verankert, dass es jetzt in der Krise eine echte Option dargestellt hätte. Und viele diese kleinen Geschäfte, kleinen Labels, Fairtrade Agenturen, die stecken eben auch noch im Aufbau – das ist keine Massenware. Und die werden jetzt vermutlich die Durststrecke nicht überstehen, es fehlt einfach das finanzielle Polster. Das gilt auch für kleine Familienbetrieben bei Hotels oder Restaurants. Ich hoffe sehr, die Gäste werden ihnen die Treue halten – ich jedenfalls werde das tun.

Wer sind dann die Gewinber? Was bleiben wird, sind die großen Ketten, eben die Zaras und H&Ms dieser Welt, vielleicht etwas gerupft, aber stabil.  Genauso wie die etablierten Luxusmarken der Superreichen. Louis Vuitton oder Chanel geht immer. Mich interessiert, was vom gedrohten Adidas Boykott bleiben wird. Nix vermutlich. Der ganz, ganz große Gewinner ist wie immer Amazon, die es auch in Coronazeiten nicht für nötig halten, ihre deutschen Gewinne in Deutschland zu versteuern. Trotzdem (oder deswegen) Stegen die top da. Das ist frustrierend. Nein, die Welt wird nach Corona keine Bessere sein.

 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

8 Kommentare zu “Was wird bleiben nach dem Lockdown?

  1. Hallo,

    ich denke Pessimismus ist keine Lösung und macht einen insbesondere zum Mitläufer der Sachzwänge: Viele Opportunisten haben eigentlich heere Werte, glauben aber von schlechten Menschen umgeben zu sein und deswegen ebenfalls ein schlechter Mensch sein zu müssen – sich durchsetzen.

    Persönlich bin ich ein bisschen traurig, dass ich das SusicionHelper-Projekt (vgl. https://marius-a-schulz.de/2019/09/14/susscisionhelper-sustainable-decision-helper-optecobuy/ ) nicht rechtzeitig auf die Beine gestellt bekommen habe, sonst hätten wir jetzt einen nachhaltigkeitsorientierten Onlinehandel in der Krise gehabt.

    Jedenfalls kriegt man mit Pessimismus nichts gestaltet und ich finde man sollte sich die Mühe machen optimistische Pläne und Entwicklungen anzustreben und zu betreiben. Wer weiß, vielleicht haben wir irgendwann eine Nachhaltigkeitstransparenzregulierung ähnlich der Gemeinwohlbilanz verpflichtend am Point of Sale?

    Grüße,
    Marius.

    • Weisst Du, es ist mitunter kein Pessimismus und auch kein Glaube „Von schlechten Menschen umgeben zu sein“. Stattdessen ist’s einfach die jahrelange Erfahrungs-Ansammlung, dass gar viele Menschen sich selbst schon mitunter aergst fuer, hust hust, suuuuper-klug halten im Gegensatz zu ihren dadurch als S.A.U.-dumm abdegradierten Gegenuebers (= z.B. mich!), dass man sich wirklich nur wundern kann!
      Ehrlich gesagt, haette ich ‚Das Feld‘ auf welchem die Futterpflanze dafuer waechst auch gerne einmal gefunden und ein paar Kloppse davon verzehrt um vielleicht meine bisherige Meinung zu revidieren, welche da lautet: „Jeder Mensch ist in irgendeinem Fach gut bis besser als vielleicht andere, aber zusammen koennte man bessere ‚Stein-Suppe’* machen.“ D.h., wenn man nur nicht dabei auch noch ausgelacht und ausgenutzt wuerde .
      Wie ich aber aufgrund der derzeitigen COVID-Sit. sehe, ist sogar das Internet bzw. Einkauf damit noch in sehr infantilen Schuhen; sogar ‚Die Grossen‘.
      U.a. weil
      a) bei Supermaerkten das Internet-Angebot mit der Produkt-Palette des real life Ladens zu sehr voneinander abweicht
      b) da auch von einem funktionierendem Rundum abhaengig, was da derzeit eben auch nicht ausreichend funktionieren kann.
      Ich nenne fuer Letzteres nur als einfachsten Stolper-Stein: zwangsweise dann aber verstaerkt taetige Langstrecken-KFZ-(Liefer!)Fahrer, welche in manchen uebervorsichtigen (oder kopflosen?) Laendern unterwegs dann kein ‚Futter‘ und keine Toiletten (usw.) mehr fanden.

      * altes Maerchen bzgl. „gemeinsam sind wir besser/staerker“

  2. Koennt mich jetzt fuer eine ‚Schwarz-Sicht-Unke‘ halten oder nicht, aber ich waere schon mal ganz froh, wenn das Leben wenigstens wieder zum vorherigen mitunter auch „gut verbreitetem egoistischen Schlechtsein“ zurueckkehren wuerde. An nennenswerte Besserung kann ich eigentlich nicht glauben, das laeuft in kleinen Portionen von Bestform eigentlich immer nur so als Paralaxis/Nebenwelt eben auch neben viel Erstgenanntem (“…. Schlechtsein“) und mit etwas Glueck ebenso viel – huestel, huestel – „ausgleichendem einfach bequemen durchschnittlichem Mitschwimmen/Ueberleben“ wohl mit.
    Wellen-Gang von Hoehen und Tiefen hat diese von mir „Bestform“ genannte Traumwelt zwar schon immer wieder, aber es fehlt mM auch ihr meist wirklich an einem grossen und sehr wichtigem Baustein in seiner Bestform: bekehren durch lehren statt Diktatur. Auch dort gilt mir ausserdem viel zu oft die dann zur Diktatur werdende Regel von „One size fits all“, was da eigentlich auch nur sog. „Mono-Kultur“ ist, welche eigentlich in der Natur auch selten gut funktioniert hat, oder?

  3. Ich hatte vor dem Lockdown schon wenig Geld im Portemonnaie und nach dem Lockdown wird es vermutlich noch weniger sein. Zumindest merke ich, das einkaufen teurer wird. Bei den ganz normalen Dingen wie zum Beispiel Obst und Gemüse. Dass ich übrigens selten im Supermarkt, aber immer auf dem Wochenmarkt kaufe. Du fragst, was bleibt nach dem Lockdown. Ich denke, es wird sich nicht viel ändern. Ich bin ein Kind der 80er und Tschernobyl ist mir noch gut im Gedächtnis. Wir durften kein Gemüse aus dem Garten essen, Pilze im Wald sammeln und Wildfleisch war verboten. Die Kinder sollten nicht mehr im Sand spielen. Geändert hat sich danach nichts Sichtbares. Und das vermute ich auch jetzt. Irgendwann werden wir nicht mehr in Notgruppen arbeiten, sondern die volle Gruppenstärke erreichen und dann wird wieder alles wie immer sein.

    • katrin hilger

      Ja, das sehe ich wie du. Da hätte das Virus wesentlich heftiger wüten müssen, dass ein Umdenken stattfinden könnte – ich bin froh, dass es das nicht hat, nicht missverstehen

  4. Was ich nicht verstehe ist, mit welcher Hingabe die Medien jetzt jeder verzweifelte Meldung von Branchen, Betrieben und Einzelpersonen nachgehen und sie mit dramatischen Worten verstärken. Es war doch von Beginn an klar, welche Wirkungen mit dem Lockdown verbunden gewesen sind. Sogar die zeitliche Abstufung wurde hinlänglich beleuchtet.

    Jeder denkende Mensch konnte es sich zumindest ausmalen, was die Maßnahmen für unser aller Leben bedeuten würden. Alle waren angesichts des sich abzeichnenden Schreckens einverstanden. Es war ein bisschen so wie gleich nach Fukushima. Alle waren dafür, möglichst schnell aus der Atomenergie auszusteigen? Und heute? Sobald es konkret wird, drehen alle am Rad. Und die Medien spielen in diesem Theater eine ganz üble, verheerende Rolle. Die Krise hat das Potenzial, die Demokratien massiv zu verändern, wenn nicht gar zu zerstören. Und das ist in erster Linie dem Internet und der Dummheit seiner Benutzer geschuldet, die alles zu wissen glauben und dabei nicht mal ein Mindestniveau von Quellenkritik erreicht haben.

    • katrin hilger

      Das würde mich interessieren: inwiefern kann es die Demokratie beschädigen? Bei allem anderen geb ich dir recht, eine Überraschung ist das nun nicht wirklich

  5. Meinetwegen könnten wir gerne auch in Zukunft alle ein bisschen auf Abstand bleiben.

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