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Liegen bei euch auch die Nerven blank?

Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als meine Stimmung kippte. Von geduldig, gelassen, vernünftig zu wütend und frustriert. Das war, als Herr Söder verkündete, dass in Bayern die Uhren anders gehen und unsere Geschäfte noch eine Woche geschlossen bleiben. Ich war jetzt nicht in besonderer Shoppinglaune, aber dieser Schritt erschien mir der erste, wichtige Schritt Richtung Normalität. Und der wurde verschoben, vielleicht eine Woche, vielleicht länger. Von geöffneten Gaststätten, Bars, Cafes ganz zu schweigen. Da wußte ich, die Hoffnung, dass es doch noch ein gutes Jahr werden könnte, ist dahin. Ich vermisse das Leben draußen, Freunde treffen, ratschen und andere Themen haben als die Krise. Ich weiß, dass es mir gut geht. Ein guter Arbeitgeber, der an uns Angestellte denkt. Eine große Wohnung, mein Freund und ich gehen uns nur im normalen Rahmen auf die Nerven… Mir tun die Menschen leid, die in betroffenen Branchen arbeiten oder die Inhaber von Firmen und Läden, die mit viel Fleiß gutgehende Geschäfte aufgebaut hatten – und nun durch ein paar Wochen Stillstand vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Ich hab versucht,  viel Optimismus zu verbreiten, mittlerweile ist mir mein Optimismus abhanden gekommen. Ich habe schlechte Laune und will, dass wir alle wieder weitermachen können. Aber so wie das aussieht, kann man das knicken – ein Normal wird es so bald nicht wieder geben. Millionen Arbeitslose, die Modebranche, die Kosmetikerinnen, die Gastronomie und die Kinos im Eimer, die Künstler und Musiker ohne Erwerbsmöglichkeit. Keine Thaimassage, kein Yogastudio, alles down, alles tot. Keine Feste, kein Oktoberfest, kein Tollwood, keine Festivals, Konzerte, kein Wacken und kein Kocherlball. Kein Urlaub, wie wir ihn gekannt haben. Womöglich auf Jahre nicht.  Viele scheint das nicht zu kümmern, die hocken offenbar gerne in ihren Wohnungen und fürchten sich.

Ich kann mich nicht mehr wegträumen

Ich kann mich nicht mehr in Gedanken in schönere Gefilde träumen, bei mir ist die Hoffnung am Ende. Ich hab gerade an nichts mehr Spaß. Am Kochen nicht, was der Diät, die ich mache, gut tut, an Serien und Filmen nicht. Ich mag nicht mehr im Blog schreiben, obwohl sich viele Geschichten türmen, ich mag nicht mehr telefonieren, keine Musik hören, Fernsehen und Internet will ich schon gar nicht mehr reinschauen. Denn was da abgeht, das bringt mich nur weiter runter. Auf der einen Seite die Kompletthysteriker, die Angst haben, dass der Boandlkramer (Bayerisch für Tod) in jeder S-Bahn wartet, und die sich nur noch wünschen Lockdown, Lockdown, Lockdown bis in alle Ewigkeit.  Auf der anderen Seite die völlig Schmerzbefreiten, die jetzt jeden Tag auf den Wiesen Party machen, in ihren Kellern und Scheunen geheime, illegale Clubs eröffnen…Gut, die meisten Menschen halten sich irgendwo im Mittel dazwischen auf. So wie ich. Aber auch wenn ich mich selbst weitgehend an die Bestimmungen halte, ich halte sie persönlich für maßlos übertrieben. Ich weiß, das haben Menschen beschlossen, die mehr Ahnung haben, es machen viele Länder mit. Dennoch wäre ich für den schwedischen Weg gewesen, nur inclusive besserem Schutz der Altenheime (ihr könnt mich jetzt teeren und federn). Ich finde es richtig und wichtig, dass wir darüber diskutieren dürfen, was Sinn macht. Und wenn man etwas in Frage stellt, bedeutet das nicht, dass man empathielos ist oder anderen Menschen den Tod wünscht. Ganz sicher nicht. Aber dennoch muss jede derartige Beschneidung unserer Grundrechte gut begründet sein, erklärt sein – und nicht mit einem „is halt so“ von der Politik abgetan. Es geht ja auch in anderer Hinsicht um Existenzen, es ist ja nicht die böse kapitalistische Wirtschaft, die da gerade abstürzt, es sind Menschen, die ihren Job verlieren, Freiberufler, Künstler. Die Menschen, die für unsere Unterhaltung und unser Wohlbefinden gesorgt haben. Es ist mehr als unfair, die jetzt im Regen stehen zu lassen.

Wie geht es euch in der Krise?

Ich merke an mir selbst und den Menschen in meiner Umgebung, was der Lockdown mit ihnen macht – nichts Gutes nämlich. Wir vereinsamen, weil Videocalls nun mal keine menschliche Nähe ersetzen. Wir werden traurig und antriebslos und unglücklich. Eltern sind maximal genervt vom Lockdown mit der Familie. Optimismusbomben kenne ich mittlerweile in meiner Umgebung nur noch wenige.  Wie geht es euch? Was macht die Situation mit euch? Was glaubt ihr, wird passieren?

 

 

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

14 Kommentare zu “Liegen bei euch auch die Nerven blank?

  1. Ich freue mich schon am Meisten auf – hoffentlich wieder – praktizierbare Hilfsbereitschaft* im tgl. Leben !
    … diejenige, wo man eben notfalls auch Hand anlegen muss in hierfuer dann aber leider auch ziemlicher Naehe einer fremden Person; z.B., schwere und/oder unhandliche Last abnehmen; Verlorenes aufheben und dem Verlierer nachtragen und sogar auch – so wie kuerzlich passiert: einem heldenhaft Einkaufskoerbchen-Trage-Verweigerer dann aber hilfreich eine Hand reichen, weil rutschige Glasflaeschchens ihm dann eben durch das, aehem, „mangelnde sichere Fassungs-Volumen“ seiner Arme und Haende gerutscht sind.
    Schoen war bei o.g. Vorfall eigentlich auch die „Fall-Studie“:
    a) Leute, welche automatisch hilfsbereit los schossen
    b) Leute, welche im a)-Vorfall dann ploetzlich abrupt stoppten wegen COVID Gefahr
    c) Leute, welche einfach zur Sorte unter * erklaert gehoeren und mitunter mit verschraenkten Armen anderen nicht nur bei der Arbeit zusehen koennen sondern sogar bei grossen Leiden

    * ohnehin eine sehr schwindende Gabe in einer modernen Welt in welcher es immer mehr Menschen zu geben scheint, welche „Fliessband-Arbeit ohne Fliessband“ bzw. „NUR Zustaendig f. dies/Gesagte/Beschlossene und ansonsten auch keinen Blick mehr haben fuer sinnvolle und mitunter auch leichtest machbare Notwendigkeiten, da nicht dafuer bezahlt.

    • katrin hilger

      Das ist ein Aspekt, der valide ist. Das stimmt, wir dürfen uns gar nicht mehr helfen. Das ist eine sehr empathische Sicht. Danke, dass du das mit uns geteilt hast

  2. Das kann ich total nachvollziehen. Ich bin auch gerade in Phase 3 der persönlichen Pandemie Bewältigung eingetreten und hab mit Mühe und Not (weil genau: antriebslos) drüber geschrieben….es ist eine Menge, was man über sich selbst herausfindet im Augenblick. Und jetzt, wo es draußen regnerisch und das Straßenbild in Maske gehüllt ist, wird es nochmal richtig hart. Ich stelle an mir große Trägheit, aber auch zunehmende Aggressivität fest. Langsam mutiere ich zum Eremit, der andere dafür hasst 30cm für 1,5m zu halten. Und wären sie nicht potential verseucht, würde ich ihnen am liebsten rechts und links eine batschen….aber das nur nebenbei….
    Da müssen wir durch Katrin. Die Phase, die Du beschreibst macht auch mir zu schaffen….bin schon heilfroh nicht alleine zu sein und mich trotz allem noch gut mit meinem Mann zu verstehen. Und immerhin schaffe ich es alle 3 Tage unter die Dusche….was will man mehr erwarten….

    • katrin hilger

      Danke dir für den Zuspruch! Das tut so gut zu lesen, dass es so vielen so geht. Ich dachte schon fast, ich bin die einzige. Dass alle anderen mittlerweile witzige TikTok Videos drehen und sich jeden Podcast reinziehen, Yoga machen und sich weiterbilden. Und nur ich hänge antriebslos auf der Couch..Da müssen wir zusammen durch!

  3. Benjamin Dobeck

    Wie geht es mir bei der Situation? Tja…

    Im Lebensmittelhandwerk hat sich aus meiner Sicht wenig geändert. Natürlich fehlen uns Kantinen und Gastronomie als Kunden, aber im Großen und Ganzen scheint sich das auszugleichen. Die Leute essen halt immer. Wenn es mit dem Restaurant nichts ist, dann gönnen Sie sich daheim was.
    Die übliche Ruhe in der Urlaubszeit, die uns von der Plackerei vorher verschnaufen lässt, wird es aber wohl auch nicht geben. Volleinsatz, 110%, jeden Tag, ist auch nicht einfach.

    Aber was beschwere ich mich? Andere arbeiten nicht, bekommen nur x% von dem, was eh gerade so reicht oder sind arbeitslos. Andere verlieren alles.
    Nun, wenn ich eins weiß, dann ist es, dass es immer weiter geht. Es sind harte Zeiten für viele, Träume zerbrechen. Ich kann alle nur bitten, nicht aufzugeben, sondern neue Träume zu suchen.

    Soziale Kontakte… Scherzhaft habe ich auch oft gesagt, dass der Unterschied zu vorher für mich kaum erkennbar ist. Aber mal ehrlich, je weniger enge Kontakte man hat, umso wichtiger sind die wenigen, die man hat. Es fehlt mir.

    Und ja, das Versagen von Medien, Politik und Erziehung.
    Politiker, die nicht wahrhaben wollten, dass wir Anfang des Jahrhunderts nur knapp an der Katastrophe vorbei geschrammt sind, ihre Hausaufgaben eher mangelhaft gemacht haben und dadurch zunächst zu behäbig, dann ziemlich extrem reagiert haben.
    Medien, die wissenschaftliche Prozesse, die der Großteil der Bevölkerung kaum bis gar nicht verstehen kann, viel zu detailliert und viel zu breit publiziert haben.
    Und die Menschen. Menschen, die sonst immer vernünftig waren, werden jetzt aus Angst von den Sauen durchs Dorf getrieben, die Medien, Populisten und Verschwörungstheoretiker am laufenden Band durchs Dorf treiben. Bei gar zu vielen versagt die eigentlich gute Kinderstube.
    Von allen Seiten Gebrüll. Wie kann man das mit sich machen lassen? Wie kann man da nur kritisch sein? Du hast mehr Bildung genossen, warum kannst du mir das nicht erklären? Das zwingt zu noch mehr sozialer Distanz.

    Ich halte mich mit Kritik an den Politikern momentan meist zurück. Sie ist wichtig, das weiß ich. Wir werden irgendwann diskutieren müssen, was gut war und was nicht. Es wird nicht die letzte medizinische Großlage sein, die auch uns betrifft.
    Allerdings hatte ich noch nie so viel Respekt vor den Entscheidungsträgern unserer Republik. Sie mögen hier und da Fehler machen, aber für uns als normale Leute ist es gar nicht vorstellbar, Entscheidungen derartiger Tragweite zu treffen. Sie treffen zu müssen. Mit unklarer Sachlage und diametralen Handlungsempfehlungen.

    Alles in allem schaue ich jeden Morgen auf Opas Foto, daneben ein Holzschnitt von ihm, darauf steht „Leben heißt kämpfen“ und ich denke daran, dass er, Jahrgang 1945, es schwerer hatte. Ich denke daran, dass es weiterging. Was für tolle, lebensfrohe Menschen aus seiner Generation hervorgegangen sind. Und dann gehe ich, unter meiner Maske lächelnd, zur Arbeit, um den Menschen ein wenig Lebensfreude zu geben. Ein Lächeln für jeden. Genuss am Essen für unsere Kunden.

  4. Huhu,

    also ich bin emotional noch tiefenentspannt, meine Kinder auch. Ich gehöre zu einer der Risikogruppen, aber bin auch genervt von dem Vorgehen. Meine Wut über die, die unsere Regierung für den „Erfolg“ feiern, wächst. Hätte man das Situation von Anfang an ernst genommen und anders gehandelt, wären sicherlich viele der Maßnahmen nicht notwendig gewesen. Für den schwedischen Weg bin ich nicht, aber eben auch nicht für den, den die Politiker in Deutschland gewählt haben. Mir kommt die Diskussion über das deutsche Versagen zu kurz. Keine Masken für dort, wo sie dringend benötigt werden. Keine Masken für die Bürger. Verspätete Maskenpflicht. Überhaupt eine Maskenpflicht. Freiwilligkeit und Zusammenhalt wäre doch toll gewesen. Dann die massenweisen Fehlinformationen und all die ganzen Widersprüche. Und ja, ich bin maßlos wütend, dass alles an die Wand gefahren wird.

    Bitte schreib weiter und teile der Welt deine Meinung mit.

    Liebe Grüße

    Steffi

    • katrin hilger

      Mach ich, versprochen! ❤️❤️❤️

    • katrin hilger

      Hallo Steffi, ja, um den Totalausfall der deutschen Politik am Anfang der Krise wird zu wenig geredet. Vor allem das Masken hü und hott und die völlige Ignoranz, als das Virus schon überall im Ausland getobt hat. Da sind alle noch fröhlich in den Skiurlaub, haben Fasching gefeiert. Inclusive mir. Wenn wir damals strikter gewesen wären, alle sofort Masken auf…wer weiß. Aber nun ist es, wie es ist.

  5. Ja, natürlich nervt es mich, dass es täglich Absagen oder Verschiebungen von Aufträgen gibt. Dass Brautpaare einfach nicht akzeptieren, dass auch wir überleben müssen und nicht auf einen Samstag im neuen Jahr verschieben können. Oder die unsere AGB überzogen finden. Und trotzdem: ich kann sie ja auch verstehen.

    Ich bin heillos froh, dass wir im Dezember nach Niederbayern gezogen sind. Hier ist irgendwie die „Welt noch in Ordnung“. Hier kann man rausgehen, spazieren gehen, im Garten arbeiten oder mit 2 m Abstand mit den Nachbarn ratschen. Aber ich merk im Laden beim Einkaufen, dass ich die Luft anhalte, wenn sich jemand an mir vorbeibatzt. Ja, ich war im Baumarkt, weil ich endlich mein Büro auf Vordermann bringen will und auch Blumen am Balkon haben wollte, aber ich bin ehrlich, das war echt ein Spießrutenlauf. So will ich das nicht. Das macht mich nervös und panisch. Ich gehöre sicher nicht zu denjenigen, die nicht mehr rausgehen.

    Ich würde unheimlich gern endlich wieder meine Freunde und Eltern sehen, mit ihnen ein Eis essen oder eine Pizza. Aber das wird alles nicht mehr so einfach sein wie früher. Und ich habe mich drauf eingestellt innerlich, dass uns das noch sehr lange Zeit begleiten wird.

    Ich merke allerdings an mir auch, dass ich vieles nicht mehr so leichtfertig akzeptiere. Speziell von denjenigen, die meinen einfach alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn diejenigen werden irgendwann „Schuld sein“, wenn es länger dauert als erhofft. Dafür habe ich kein Verständnis. Nicht mehr.

    Auch wenn ich überlege, wie es mir gehen würde, so als Single in München. Wahrscheinlich würde ich durchdrehen. Daher kann ich die Menschen schon verstehen. Aber doch bitte nicht zu Lasten anderer. Ich habe schlichtweg Angst vor der Dummheit anderer.

    Aber ich bin trotzdem noch positiv. Auch wenn ich derzeit 0,00 Euro verdiene. Immerhin habe ich morgen nach vier Wochen endlich mal wieder eine Beisetzung und damit 450,00 brutto verdient. Wow… Davon kann ich sicher ne knappe halbe Woche leben, wenn man es umrechnet auf einen Monat und die Fixkosten abzieht. Manchmal danke ich in den letzten Wochen echt dafür, dass ich mich schon immer mit mir alleine beschäftigen konnte und dazu nichts brauchte.

    Ich sehe in dieser Zeit immer noch viel Positives. Speziell ich habe ganz viel gelernt von mir, an mir, durch das jetzt. Aber ich weiß, vielen geht es nicht so.

  6. In meinem Leben ist seit mehr als 5 Jahren wenig los. Erstens, weil meine Frau und ich in dieser Zeit Rentner geworden sind und zweitens, weil wir uns seit 2015 um meine Schwiegermutter (95) kümmern. Das allein bindet uns immer stärker ans Haus, weil der Pflegeanspruch immer schneller ansteigt. Allein lassen kann man Mutter immer weniger. Selbst eine halbe Stunde birgt, wie wir letzte Woche sehen mussten, ein Risiko, das wir nicht eingehen können. 5 Jahre kein Urlaub, kein Kino, kein auswärtiges Essen, ganz selten Freunde treffen. Und wenn, dann nur allein – ohne Partner. Und dieses Eremitendasein trifft nun auf Corona. Man sollte meinen, dass das für uns kaum auswirkt. Vor allem um meine Frau mach ich mir Sorgen, ob sie das nervlich verkraftet. Den Gedanken, wenigstens mal eine Woche rauszukommen und Mutter in eine Kurzpflege zu geben (wozu wir ohnehin eine negative Einstellung haben) haben wir aufgrund der Risiken verworfen. Und in Corona-Zeiten geht das ohnehin gar nicht.

    Vor 3 Wochen ist die Frau eines Bekannten (62) an einem schweren Schlaganfall verstorben. Sie lag über Monate im Koma. Die Familie durfte sie im Krankenhaus nicht besuchen, nur ihr Mann mal ausnahmsweise. Die Patientin sollte wenige Tage später nach Hause geholt werden. Die Pflege war organisiert. Dann ist sie verstorben. Eines ihrer beiden schon erwachsenen Kinder ist schwerbehindert. Er lebt in einem Heim und kommt normalerweise am Wochenende nach Hause. Jetzt geht das wg. Corona nicht. Er weiß noch gar nicht, dass seine Mutter verstorben ist. Der Vater ist etwas jünger aber leider auch schwer krank (Leukämie).

    Gestern wurde mein (letzter) Onkel, der 86jährige Bruder meiner Mutter, im engsten Familienkreis (10 Personen) beerdigt worden. Es gab keine Messe und nur eine kurze Zeremonie auf dem Friedhof. Mein Onkel hatte viele Freunde, auch Arbeitskollegen mit denen er nach seiner Pensionierung hinaus, immer noch gute Kontakte pflegte. Die alle fehlten. Normalerweise herrscht Maskenpflicht auf unseren Friedhöfen. Unsere Personalien wurden vom Bestatter aufgenommen mit genauer Adresse und mit Telefonnummer. Er sagte, wenn der Abstand eingehalten werde, könnten wir auf die Masken verzichten. Ich habe das dankbar angenommen. Später gaben wir uns noch zu einem Kaffee in den Garten gesetzt. Mit entsprechenden Abständen. Beerdigungen sind immer schrecklich. Mir fiel es so schwer, meine Tante nicht in den Arm nehmen zu können.

    Wenn solche Dinge passieren, fühlte man sich nicht nur ausgeliefert (und das geht nicht an die Adresse der Politik), man spürt, wie weitgehend diese notwendigen Vorsichtsmaßnahmen in unser Leben eingreifen. Aber ich halte es dennoch mit einem der größten Warner vor dem grassierenden Leichtsinn der immer alles Besserwisser.

    Das schrieb er gestern bei Twitter:

    ❝Juli Zeh liegt meistens richtig mit Gesellschaftskritik, hier irrt sie. Covid-19 lässt keine Herdenimmunität zu, es würden hunderttausende sterben und vielfach mehr leiden. Die Krankheit ist für ältere Menschen eine lange Qual, und das ist keine Angstmache❞

    Aber wir argumentieren ja inzwischen immer häufiger im Stil von Sozialdarwinisten über eine ganz neue ethische Grundverortung unserer Gesellschaft, die den Tod völlig idiotischerweise zum Tabu erklärt hat. Leute wie Schäuble, Palmer, Restle Köppel (ach, es werden immer mehr) geben die Schlagzahl des Umdenkens vor. Jedenfalls versuchen sie es. Dass, worüber Harald Welzer noch ganz am Anfang der Pandemie mit etwas Stolz sprach, dass wir nämlich weltweit zum ersten Mal in unserer Zivilisationsgeschichte sehen, dass die Mehrheit sich zugunsten einer kleinen Minderheit (Alte, Schwache und Kranke) durch umfassende Maßnahmen schützen, scheint jetzt obsolet zu werden. Nun scheint die Richtung von der anderen Seite bestimmt zu werden.

  7. Mir geht es ähnlich. Ich blogge nicht mehr, lese so gut wie gar nicht mehr, selbst Serien schauen wird langweilig. Wenn ich arbeiten gehe, dann ist das in Ordnung. Ich arbeite in der Notgruppenbetreuung. Ich koche, weil das Kind was vernünftiges braucht, versuche aus der eigenen Antriebslosigkeit das Kind zum Lernen zu motivieren. Einkaufen, einmal in der Woche, dauert nicht länger als rein-in-den-Laden, raus-aus-dem-Laden. Wenn es etwas nicht gibt, was auf dem Einkaufszettel steht, muss es ohne gehen. Einen zweiten Laden suche ich nicht auf. – Ich warte. Auf was auch immer. Aber ich fühle mich in einer Warteschleife gefangen.

    Liebe Grüße
    die Sammlerin

  8. Als das anfing mit den „Maßnahmen“ hab ich gebloggt: „Bald leben alle wie ich“

    https://www.claudia-klinger.de/digidiary/2020/03/10/bald-leben-alle-wie-ich/

    und dachte mir also: MICH tangiert das ja so gut wie gar nicht! Die Details in Berlin waren auch die gesamte Zeit nicht so streng wie anderswo: einkaufen, arbeiten, Garten bewirtschaften, Baumärkte/Gartencenter besuchen, spazierengehen, sporteln – sogar mit einer 2.Person, die „nicht zum Hausstand gehört“. Als anfangs noch das Sitzen auf Bänken und Wiesen verboten war, machte der Senat (rot-rot-grün) nach Protesten sehr schnell einen Rückzieher und erlaubte das – mit Abstand natürlich.

    Alles halb so wild also, denn persönlich mache ich meist nichts anderes als das, was eh erlaubt ist. Mit der Zeit merkte ich aber, dass es mich psychisch schon mitnimmt: das ganze Desaster für so viele, die ihre Einkommen, ihre Arbeit verlieren, die vielen Eltern, die Kinder und Job zuhause auf die Reihe kriegen sollen – und die Aussichten: schlecht!
    Auch die zunehmend üble Streitkultur geht mir auf die Nerven, du hast das sehr gut beschrieben!

    Seitdem hab ich 16 Blogposts veröffentlicht, großteils Auseinandersetzung mit Corona und Folgen, aber auch solche, die versuchen, eine „Leben neben Corona“ zu thematisieren – mit wenig Erfolg. Auch in meinen Kommentarstrecken, die teils intensiv genutzt wurden, ergaben sich erhebliche Dissense. Bald hatte ich keine Lust mehr, das weiter so laufen zu lassen, mich sinnlos in die miese, aggressive Stimmung der Corona-Maßnahmen-Gegner/innen zu vertiefen und gegen dies und das anzuargumentieren, ohne dass das etwas bewirkt.

    Währenddessen stieg meine eigene Unduldsamkeit und ich wurde immer ambivalenter, was die Einschränkungen angeht. In einem „befreundeten“ Blog schrieb ich vom Aspekt der Selbstverantwortung, die mir bei der Diskussion speziell über Ältere fehlt – und gleich wurde ich gefühlt „abgewatscht“, wenn auch nicht so übel, wie sowas auf Twitter passiert.

    Persönlich nervt mich tatsächlich, dass der „Raum der Möglichkeiten“ (dazu hab ich auch gebloggt) so sehr geschrumpft ist. Möglichkeiten, die ich normalerweise nur selten wahrnehme – aber jetzt sind sie einfach weg! Ein ganz neues Empfinden…

    Dabei bin ich quasi „privilegiert“, denn ich habe einen Garten in einer Kleingartenanlage. Da steht jetzt die Pflanzzeit vor der Tür und ich kann mich gut ablenken. Auch meine Aufträge blieben gleich, da ich zum Glück für Branchen schreibe, die eher profitieren als still liegen (Haus & Garten).

    Habe mir vorgenommen, in Zukunft mehr „Ungewohntes“ zu unternehmen, sobald es wieder möglich ist. Darauf freue ich mich!

    (meine richtige Mail gebe ich nicht an, weil es damit oft Probleme gibt – steht aber im Diary)

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