Nachhaltigkeit

Ein falsches Bild von Freiberuflern – warum wir mehr Realismus brauchen

Viele Freunde von mir sind FreiberuflerInnen. Sie arbeiten als Künstlerinnen, Yogalehrerinnen, Eventmanger, als Autorinnen von Büchern und freie Redakteurinnen, als Traurednerinnen, führen kleine PR-Agenturen, Restaurants, Modeshops oder nachhaltige Modelabel. Jetzt, in der Covid-19-Krise mit Ausgangssprerre und Lockdown können die meisten davon ihren Job nur wenig oder gar nicht ausüben. Magazine haben freie Mitarbeiter entlassen, die Geschäfte sind zu, heiraten will auch keiner so. Events finden nicht statt. Eine fürchterliche Situation für alle, denn es ist kaum möglich, in diesen Berufen riesige Ersparnisse aufzubauen. Das weiß ich, das weiß jeder und jede, die in diesen Bereichen auch beschäftigt ist. Tollerweise gibt unser Staat meinen Freunden eine Soforthilfe, was ich wirklich super finde. Andere weniger. Ich bin entsetzt, wie wenig Mitleid den Freiberuflern entgegengebracht wird, stattdessen Häme, Neid und Missgunst. „Erst Geld scheffeln und jetzt sofort nach dem Staat plärren“ „Wieso werden Millionäre wie ihr unterstützt?“ „Ich hätte jetzt auch gern frei, stattdessen sitze ich mit Mann und den Kindern im Homeoffice und hab mehrfache Belastung“ oder gleich „hättest halt was Gescheites gelernt“ …unschön und gemein. Vor allem Festangestellte bei großen Konzernen sind da mit dem Verurteilen besonders schnell bei der Sache. Gerade die, die mit Festgehalt nahezu unkündbar sind, mosern und neideln über diese „verdammte Ungerechtigkeit für Steuerzahler“…

Wo kommt all der Neid und der Hass her?

Ich hab drüber nachgedacht, woher dieser Hass kommt – und stelle fest, die meisten haben ein falsches Bild von diesen Berufen. Völlig falsch. Aber wer hat es gezeichnet? Eigentlich simpel. Das Bild wird von den Medien entworfen, von romantischen Komödien, von Serien und natürlich dem Internet. Und von den Beteiligten selbst. Ich möchte betonen, nicht „selbst schuld“, aber das bringt einfach die Sache mit sich…denn künstlerische Berufe sind spannend, das sieht von außen betrachtet unendlich glamourös aus. Wäre Sex and the City so toll und bunt zu erzählen gewesen, wenn das nicht eine PR-Magnatin, eine Star-Journalistin, eine Topanwältin und eine reiche Galeristin gewesen wären? Vermutlich nicht. Geld schien bei keiner von denen je ein Issue, auch nicht der Verlust von Kunden, nicht bezahlte Rechnungen. Dass deren Lifestyle auch für maximal erfolgreiche Menschen in diesen Berufen kaum erschwinglich wäre – geschenkt. Filme wie „Notting Hill“ thematisieren zwar am Rand finanzielle Zwänge, Pleiten und Geldsorgen, kommen aber dennoch unsagbar romantisch daher. Pleite aber sexy. Die Promis, die im Fernsehen einen auf dicke Hose machen, die Yottas, die Wendlers, die Patricia Blancos, Sennas, all die Promi-Shopping-Queens und Promis unter Palmen leihen sich Wohnungen für die Sendungen, leihen sich Schmuck und Klamotten und lassen uns glauben, sie wären millionenschwer – und hätten es nicht nötig, sich in den TV-Shows zum Horst zu machen. Dabei müssen die Honorare für ein Jahr reichen, btw, bis sie wieder ein Engagement im Trash-Karussell erhaschen.

Kay One, der Rapper ist, wie das Bild zeigt, auf der Suche nach wahrer Liebe Foto:RTL2

Wenn Zeitschriften wie Vogue Designer oder Innenarchitektinnen  etc vorstellen, sind das logischerweise meist die wenigen, die es geschafft haben, oder die von zuhause oder vom Ehegespons schon ein gutes Vermögen und Berühmtheit im Hintergrund haben. Als Mitzi von und zu Blümelhausen-Habsburg-Guttenberg ist es leicht, eine Manufaktur für nachhaltige Vicunia-Schals zu eröffnen. Als Frau eines Fußballers wird das Schmuckdesign nicht Haupteinnahmequelle des Haushalts. Das ist okay, nur wird dieses kleine, aber wichtige Detail meist unter den Tisch gekehrt. Denn natürlich wird das Thema Geld nicht gern thematisiert. Nicht, wenn viel da ist und nicht, wenn keins da ist. Es sollen die Kunden ja nicht mitbekommen, dass der Auftrag wirklich wichtig ist. Denn dann würden die vermutlich zu feilschen beginnen. Außerdem: wer will Dienstleister, die nicht top dastehen? Es könnte sein, die sind nicht reich, weil sie nicht gut sind. Diesen Anschein will niemand erwecken.

In allen Serien und Büchern und Magazinen sind diese Menschen bunt und lustig und scheinen das schönste Leben zu haben. Es gibt Aspekte, die sind fantastisch und in Zeiten wie den 90ern war es wirklich ein Traum, freiberuflich zu sein, denn da wurde noch gutes Geld gezahlt. In Zeiten vor digitaler Bildbearbeitung mussten Fotografen noch richtig was können – das wurde honoriert. Das hat sich geändert. Die Leute, die die Berufe ergriffen haben, kommen damit klar – mal besser, mal schlechter. Derzeit eher schlechter.

Wir Blogger gaukeln etwas vor, das nicht existiert

Das ist auch bei Bloggern nicht anders. Wenn wir das Leben der anderen auf Instagram oder Facebook betrachten, kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Perfekte Menschen,  perfekte Wohnungen, perfekte Beziehungen, perfekte Reisen. Offenbar haben alle unendlich viel Geld, damit kaufen sie sich jede Woche die neuesten Trends der teuersten Designer. Ist natürlich Käse. Es gibt einige, die traumhaft gut verdienen, doch es ist nicht das Gros. Da wird dann  eben getrickst, fake it, till you make it. Taschen kann man leihen, Klamotten zurücksenden, Reisen werden gesponsert oder man bastelt sich eben in ein Maledivenbild hinein. Sowas kann einem dann in den Krisenzeiten unangenehm auf die Füße fallen.

Ich wünsche mir mehr Realismus und Ehrlichkeit

Deswegen: wenn diese Krise vorbei ist, wäre ich sehr dafür, das wir uns neu besinnen. Überlegen, was wirklich zählt. Auch mal realistisch aus unserem Alltag berichten, der halt nicht immer nur Chanel und rosa Zuckerwatte bedeutet. Nicht so tun, als ob wir finanziell Bill Gates die Hand reichen können. Weniger Schein, mehr sein. Das tut uns nicht gut, weil es unter Stress setzt, ein Bild aufrecht zu erhalten, das einfach nicht stimmt, das tut anderen nicht gut, weil es die unter Stress setzt, weil sie glauben, dass alle anderen das Glück gepachtet haben und ihnen die Sonne aus dem Arsch scheint. Dem ist nicht so. Und vielleicht würde mehr Ehrlichkeit auch dazu führen, dass die Honorare wieder besser werden – denn wer meint, dass Millionäre auf sein Honorar angewiesen sind? Aber auch auf der anderen Seite mehr Verständnis, mehr Interesse an der Realität, viele wollen ja dieses Zauber-Reich präsentiert bekommen, wollen nicht die Realität dahinter sehen. Das muss alles mal neu geklärt werden. Einfach alles wieder auf Anfang, down to earth. Wenn das etwas wäre, was positiv nach dieser fürchterlichen Situation wäre – ich würde mich freuen.

13 Kommentare zu “Ein falsches Bild von Freiberuflern – warum wir mehr Realismus brauchen

  1. Der generelle Mangel* an Wahrheit – speziell wohl auf Internet – und damit Unwissen, Unverstaendnis bis hin zu schlichtweg absichtlicher Neid-Kreation scheint einfach nicht mehr aus der Menschheit weg zu bekommen sein? Dies wohl evtl. auch darauf basierend, dass im Laufe der Zeit in generell einfach das „je besser taktieren (= auch Luege!) um so bessere Vorteile“ sich fuer den Einzelnen bzw. sogar ganze Laender auch als Vorteil erwiesen hat (?!)“ ?
    Nur in sog. schlechten Zeiten …. dann faellt es allerdings leider auch schwer an die „ploetzliche, neue, angebliche Wahrheit“ zu glauben **?
    Ich kenne auch Familien-Feiern, wo bei Zusammenkuenften aus sogar weiter entfernten Regionen konstant irgendwann sog. „Neid-Hammelei“ bzgl. „WEM es (vermeintlich) besser geht (gehen MUESSTE ?) wegen Unwissenheit/Desinteresse auch an den sog. negativen Seiten des vermeintlich besser Da-Stehenden.
    … und wo evtl. „finanzieller Vorteil“ mitunter wirklich herkommt, interessiert meist auch kaum Jemanden und wird mM sehr haeufig als „automatisches Manna aus dem blauen Himmel“ angenommen \../

    Bzgl. Internet – speziell Social Network – muesste doch aber (mM) schon fast Jeder aufgewacht sein, der schon oefter ca. folgende Szene(N!) erlebt hat: Foto-Shooting irgendwo Sehenswert fuer’s Net; fremder Co.-Tourist weicht freundlich diesem aus und kann dann in den wirklich meisten Faellen hinterher beobachten, wie eigentlich UNfreundlich, NICHT-mehr-lieb zueinander die gerade vorher fuer’s Netz-Bild noch best friends/Ober-Gutgelaunten usw., sichtlich sehr negativ gelaunt auseinander stieben, oder ?

    * oder gar Interesse ^^?
    Ich kenne Menschen, welchen man per Schwarz auf Weiss und mit zig Zeugen ihren ‚falschen Glauben/Traum‘ widerlegen kann mit trotzdem negativem Erfolg einer Aenderung zur Richtigkeit /..\ \../

    ** Dieser Satz wuerde evtl. auch zu Deinem derzeit letzten Blog-Artikel (17.4.2020?), bzgl. Blog-Wertung/-Behandlung (?) passen ?

  2. Sehr treffend geschrieben. Ich gehöre auch zu den minimal verdienenden Freiberuflern ohne Polster und mich trifft es gerade hart. Es gibt in meinem Umfeld ungefähr zwei Leute, mit denen ich darüber reden kann. Andere sind auch so drauf, dass man das Unverständnis deutlich spürt. Sie denken, ja, da hätte ich mal was richtiges gearbeitet. Dann erhält man Tipps wie, es würden doch Spargelstecher gesucht. Da mein Business nach einigen Schicksalsschlägen mehr schlecht als recht läuft (trotz zumeist 12 Stunden Tagen ohne Wochenenden), habe ich mir sogar eine Stelle gesucht, was Ü 50 nicht leicht ist. Zum 1.4. hätte ich als Texter und SEOler in einer Agentur anfangen sollen, war bereits zum Probearbeiten dort. Einen Tag vor der Vertragsunterzeichnung wurde alles in unserem Land auf 0 gesetzt. Menschen, die meinen, ein Freiberufler hat es doch so gut, kann doch kündigen und frei arbeiten, das steht doch jedem buchstäblich „frei“.
    Viele liebe Grüße Chris
    Freier Texter & Blogger

    • katrin hilger

      Hallo Chris, danke für deine offenen Worte. Ich fühle mit dir! Das mit der Stelle ist bitter – aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich wünsche dir von Herzen, dass die Stelle nach der Krise noch verfügbar ist. Als wir ü50 Unsere Jobs ergriffen haben, war keine diese Entwicklungen vorauszusehen. Weder die Computer, noch das Internet, dass unsere Jobs als Redakteure oder Texter ziemlich überflüssig macht. Insofern finde ich es toll, dass du auch mit deinem Alter den Mut nicht verlierst und neues anpackst. Wenn du mal reden willst, meine Kontaktdaten findest du auf dem Blog. Danke dir fürs Lesen, liebe Grüße

  3. Trifft vieles auf den Punkt. Natürlich ist das ganze aus deiner Perspektive geschrieben – also auch nicht ganz wertungsfrei. Dennoch passend wie ich finde, zumindest aus der Sicht eines nicht betroffenen der bis dato die ganze Krise ganz normal im Büro arbeiten war.

  4. Anonymous

    Ja, sehr zutreffend beschrieben. Ich hab überhaupt keine eigenen Erfahrungen mit der Selbständigkeit. Mein ganzes Berufsleben habe ich als „abhängig Beschäftigter“ verbracht, – und ich war zufrieden. Ich denke, es braucht viel Mut und Selbstvertrauen seine Existenz als Selbständiger zu bestreiten. Es gibt da draußen so viele Leute, die im Internet locker drauflos plaudern und Menschen grundlos in Schubladen einordnen. Dabei sparen sie auch nicht mit dem Verbreiten ihrer Vorurteile, die manchmal nach purem Hass klingen.

    Keine Ahnung, ob sich das im Moment ein bisschen verändert. Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe und dann wieder… Vielleicht sollten wir diejenigen, die uns mit so krassen Vorwürfen und ihren gepflegten Vorurteilen begegnen, möglichst ignorieren? Aber das ist auch leicht gesagt. Ich interessiere mich hauptsächlich für das politische Geschehen im Land. Wenn ich bestimmte Blogs oder Websites lese, überkommt mich die pure Wut und stelle immer wieder mit Erschrecken fest, wie leicht die Grenze zum Hass zu überschreiten ist. Dann sag ich mir: Ignoriere sie einfach und zieh dich zurück ohne irgendeine Bemerkung dazulassen. Das gelingt nicht immer. Seit Juli letzten Jahres habe ich alle Accounts, die ich bei sozialen Netzwerken hatte, gelöscht. Facebook, Twitter, Instagram – alles Shit (sorry). Informieren kann ich mich auch, in dem ich viele Blogs und Nachrichtenseiten lese, dafür muss ich keine sozialen Medien benutzen.

    Ich teile die Hoffnung, dass sich durch die Coronakrise in unserer Gesellschaft einiges zum Besseren ändern wird. Andererseits halte ich es diesbezüglich schon auch mit Harald Welzer, der mal dazu den Satz sagte: „Die Gesellschaft ist die Gesellschaft und die Leut‘ sind die Leut‘.

  5. Das ist Dir gelungen! Wahrhaft ein gutes Thema und sehr anschaulich und ehrlich beschrieben. Danke!

  6. Sehr gut geschriebener Artikel, der die Realität perfekt widerspiegelt …

  7. Sabine von Alpini Bayern

    Super geschrieben Katri !

  8. Da bin ich bei Dir! Danke für die Gedanken…

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