Nachhaltigkeit

Gedanken einer Freiberuflerin: Corona – zwischen Wut, Verzweiflung und Hoffnung

Hier kommt ein Gastbeitrag meiner lieben Freundin Michaela Burch. Ich wollte euch den Text nicht vorenthalten, ich hab ihn auf Facebook gelesen und gefragt, ob ich ihn auf dem Blog posten darf. Er gibt perfekt wieder, was derzeit in vielen Menschen vorgeht. Sehr anrührend und hoffnungsvoll zugleich. Danke dafür, dass er hier stehen darf! Michaela ist ein ganz besonderer Mensch, die mich mit Aufmunterung, wo es nötig war, und einem Tritt in den Allerwertesten, wo das nötig war, in vielen Krisen und vielen tollen Situationen begleitet hat. Derzeit geht es ihr wie vielen Freiberuflern, die versuchen, die Corona-Krise zu meistern. Michaela ist „die Hochzeiterin“, eine freie Traurednerin und als „Grabrednerin“ veredelt sie Beerdigungen. Derzeit können beide Feste nur im allerkleinsten Kreis oder gar nicht stattfinden – ein Desaster für alle Dienstleister. Was sie dabei fühlt und wie ihre Kunden reagieren, schildert sie in bewegenden Worten:

Meine Güte – ich, die ich immer extrem positiv denkend bin, die nichts auf Dauer umwirft, die sofort immer ihr Krönchen richtet, wenn sie hingefallen ist, die auch der Corona-Krise ganz viel Positives abgewinnen kann – ich kann irgendwie nicht mehr wirklich schlafen.

Gar nicht so sehr, weil ich Angst davor habe, selber irgendwann doch mit dem Virus angesteckt zu werden, sondern weil ich viel mehr Angst davor habe, in was wir uns gerade in der Masse hineinkatapultieren. Anstecken werden wir uns irgendwann alle mit dem Virus, so wie jeder von uns auch schon einmal eine Grippe gehabt hat. Brauchen wir das ja wahrscheinlich auch, damit unser Körper Antikörper bilden kann. Und wenn wir Glück haben, dann gibt es zum Zeitpunkt unserer eigenen Ansteckung vielleicht schon Medikamente oder Impfmittel dagegen. Das hoffe ich auf jeden Fall mal für mich und die mir am Herzen Liegenden.

Auf der einen Seite rufen wir alle nach Ausgangssperren oder Ausgangsbeschränkungen, damit eben das Virus eingebremst werden kann. Da bin ich auch dabei. Und dann überlege ich weiter – ja, ich sitze hier im ländlichen Weiler irgendwo in Niederbayern glücklicherweise nicht alleine im Haus, sondern habe einen Menschen an meiner Seite, mit dem ich reden kann, mit dem ich lachen kann, dem ich vorlesen kann, der meine Sorgen ernst nimmt, der mich versteht, mit dem ich mich in unseren schönen Garten setzen kann oder auch irgendwo in den Wald spazieren gehen kann, wo uns sonst keiner über den Weg läuft.

Aber was ist denn mit den ganzen Menschen, die niemanden haben? Die jetzt noch einsamer sind, wie vorher? Die vielleicht alt sind, behindert oder krank und damit zur Risikogruppe gehören, die auch nicht einfach mal raus können und das schöne Wetter genießen? Die einer sozialen Schicht angehören, wo sie sich sowieso schon von den andren Menschen zurückgezogen haben? Nicht jeder ist ein Social Media-Freak so wie ich. Nicht jeder will sich der ganzen „Welt“ mitteilen. Nicht jeder hat jemanden, der ihm zuhört und seine Sorgen versteht. Einen, der Mut macht, der einem Kraft schenkt. Der einem einfach auch mal in eine andere Richtung denken lässt. Wie gern würde ich diesen Menschen etwas von meiner Kraft abgeben. Diese Menschen werden sich wahrscheinlich noch viel mehr abkapseln, wie bisher. Diese Menschen vermisst irgendwie keiner. Wer von uns wird sie denn vermissen? Wie schrecklich ist das zu wissen und zu fühlen. Ich weiß nur eins, ich vermisse meine Eltern und ich hoffe, dass ich sie gesund wiedersehen darf.

Da gibt es Berge von Posts von Brautpaaren, die sich jetzt aufregen, weil ihre Hochzeit nicht stattfinden kann. Sicher ist es toll, mit Freunden und Familie zu feiern. Aber will ich wirklich alle einer Gefahr aussetzen? Will ich egoistisch sein? Nur wegen einem Fest? Es geht doch nur um eines – um die Liebe zu einem andren Menschen. Die kann ich auch ganz alleine mit ihm feiern. Und später, wenn irgendwann alles überstanden ist, mit all den Menschen teilen und feiern, die einem am Herzen liegen. Und bis dahin gehe ich vielleicht mit WhatApp-Video live und zeige so den Kuss und Ringtausch im Standesamt oder auf der Wiese irgendwo, wo ich einfach nur ein eigenes kleines Gelübde mache und damit dem Menschen an meiner Seite verspreche für immer genau an dieser auch zu stehen.

Denkt mal lieber darüber nach, ob eure ganzen Dienstleister und eure Location diese Krise wirtschaftlich überhaupt überstehen können. Vielleicht gibt es viele von uns in einer gewissen Zeit gar nicht mehr. Und da wollt ihr ernsthaft jetzt mit uns darüber diskutieren, ob die geleistete Anzahlung nicht zurückgezahlt werden muss?

Viel schlimmer als eine nicht stattfindende Hochzeitsfeier finde ich, dass ich mich von einem Menschen, der auf irgendeiner Weise zu mir gehörte oder zu einem Teil meines Lebens, nicht verabschieden darf, wenn er verstorben ist. Nicht, wenn ich nicht unmittelbar zur Familie gehöre. Aber auch hier wird es in der nahen Zukunft einfach eine andere Form der Beisetzung und der Trauerfeier geben. Vielleicht wird hier einfach nur gestreamt oder sonst irgendwie live gegangen. Oder vielleicht werden wir Trauerredner einfach nur eine Ansprache mit den Allerengsten halten und erst viel später – zum Beispiel zum Jahrestag oder Geburtstag – eine Rede halten, wenn all die Menschen dabei sind, die damals schon dabei sein wollten. Und damit den Verstorbenen noch ein weiteres Gedenken und Fest schenken. Ich wäre auf jeden Fall dabei.

Ich bin ehrlich, ich habe auch Angst vor den wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona. Ich gehöre auch zu den vielen Menschen, die selbständig sind, die ein kleines Ein-Mann-Unternehmen führen. Die nicht wirklich was auf der Seite haben und damit Rücklagen, um die schwierige Zeit zu überstehen. Ich bin auch überzeugt davon, dass meine Wohnung direkt am Starnberger See nicht mehr so viel wert sein wird, wie vor ein paar Monaten. Wer sagt mir denn eigentlich, dass meine Mieter die Miete noch zahlen können? Auch sie sind selbständig. Sehr viele von uns Selbständigen wird es komplett zerreißen und sie werden nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich ja genau in solchen Krisenzeiten zeigt, wer etwas kann oder schafft. Wurden denn die besten Erfindungen nicht meistens in Krisenzeiten erfunden? Und ja, wir müssen jetzt durch die Zeiten von Betriebsschließungen und Kurzarbeit und damit durch die Zeit von weniger Verdienst. Aber wenn wir aufhören würden, jeden Mist im Internet zu bestellen und einfach nur zu kaufen um des Kaufens Willen, dann würden wir auch nicht so viel Geld gerade ausgeben. Denn das ist einer der positiven Nebeneffekte für mich von den Ausgangssperren oder Ausgangsbeschränkungen. Da gibt es eben nicht mal schnell das Eis mit drei Kugeln für 6 Euro. Da ist es halt dann doch eher das von Gut und Günstig für 2 Euro pro Liter und damit für locker 20 Kugeln.

Corona zwingt uns gerade, uns ein wenig zurückzunehmen. Darüber nachzudenken, was wirklich wichtig im Leben ist. Braucht es wirklich noch die zwölfte Handtasche oder den Schal von Hermès oder noch eine Hose? Wollen wir nicht langsam mal mit dem zufrieden sein, was wir haben? Wollen wir der Natur nicht endlich einmal die Chance geben, nicht gegen die ständige Luftverschmutzung ankämpfen zu müssen? Oder gegen die Deppen, die einfach eine Zigarettenkippe irgendwo im trockenen Laub fallen lassen? Es ist so schön zu sehen, wie Delphine wieder nach Italien kommen oder wie der Himmel ohne die ganzen Flugzeuge aussieht. Endlich kann unsere Erde auch wieder einmal aufatmen. Wollen wir wirklich alle so unbekümmert weiterleben, wie wir es bisher getan haben? Ja und doch auch nein. Nein, vieles muss nicht sein, und ja, ich möchte trotzdem auch danach wieder unbekümmert leben dürfen.

Aber wer garantiert uns, dass wir das auch dürfen? Wer garantiert uns, dass all die Einschränkungen, die im Moment von den Regierungen getroffen werden und die ich in der momentanen Situation auch mehr wie als richtig erachte, wirklich nach Ostern aufhören? Dass es nicht verlängert wird bis Ende Mai? Und dann bis September? Und weil man sich schon dran gewöhnt hat, halt weiter bis zum Jahresende? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wer sagt uns denn, dass wir dadurch nicht für den Rest unseres Lebens von oben diktiert bekommen, was wir noch dürfen? Wer kann uns denn garantieren, dass es nicht irgendwann eine Art Ghetto gibt für all die aktuell Infizierten? Ich habe vor einem richtig, richtig Angst, obwohl ich es nie erleben musste, weil vor meiner Zeit – ich habe Angst davor, dass irgendwann eine Regierung an der Macht ist, die einfach den Deckel drauf stülpt und wir dann eben keine Freiheit mehr erleben können und dürfen. Hoffentlich bleibt uns das allen erspart!

Ich hoffe von Herzen, dass wir alle stark und gesund aus dieser Krise kommen. Und ich denke häufig dran, dass unsere Großeltern (na ja, also meine auf jeden Fall) Deutschland nach dem Krieg wieder zu dem gemacht haben, was es immer noch ist. Das werden wir doch hoffentlich nach solch einer Krise wie Corona auch schaffen! Lasst uns zusammenhalten und es miteinander angreifen. Bis dahin wünsche ich uns allen fähige Politiker, die die Lage einschätzen können, fähige Mediziner, die etwas gegen dieses Virus entwickeln und das Verständnis aller Menschen, dass das jetzt alles gerade jetzt halt mal eine Zeitlang so ist.

Bitte bleibt daheim, soweit es euch möglich ist, verzichtet auf das Verzichtbare und bleibt einfach gesund.

© 23.03.2020, Copyright bei Michaela Burch

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