Gesellschaft

Viel Streit um Twitter oder – wo bleibt die Vernunft?

Ich weiß nicht, ob ihr euch an den alten Band von Asterix erinnert: Streit um Asterix. Da hatten die Römer den Plan, die Einigkeit des gallischen Dorf zu zerstören und haben dort ihre Wunderwaffe eingeschleust. Tullius Destructivus, ein kleiner Störenfried, der es schaffte, dass durch seine bloße Anwesenheit oder gezielt eingestreute Boshaftigkeiten in kürzester Zeit alle miteinander stritten – und er stand achselzuckend dabei. (Im Zirkus Maximus haben sich die Löwen, die ihn fressen sollten, gegenseitig zerfleischt) und was derzeit auf Twitter abgeht, das hört sich so an, als ob Tullius Destructivus mittwittern würde. Irgendwie streitet jeder mit jedem. Tullius Destructivus heißt jetzt Sibel, Don A., Sixtus, Jan B., Roland T., Dunja und Erika. Und viele mehr. Alle haben ein Talent, mit einem kurzen Tweet richtig Stimmung in die Bude zu bringen…ok Boomer! Alle wissen mittlerweile genau, welche Knöpfe gedrückt werden müssen, mit was man die Leute der Gegenseite zur Weißglut treibt. Und das Verrückte: jedes Mal funktioniert das Spiel. Einer oder eine schreibt was und alle springen wieder drauf und streiten mit. Was ich nicht verstehe. Denn alle Argumente sind gewechselt, niemand will mehr irgendwen überzeugen, denn dass das unmöglich ist, wissen alle. Stattdessen möchte man zwei Dinge: Jubel und Schulterklopfen und Flauschliebe von der Peergroup und möglichst viel Stunk auf der anderen Seite machen. Und sich gegenseitig Drohbriefe schicken und beim Arbeitgeber anschwärzen – da geben sich links und rechts gar nichts. Sorry, Folks, ihr seid beide miese Denunzianten.

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der wütende Moraladler Photo by Pixabay on Pexels.com

Massenblocks fürs Wellnesstwitter

Mittlerweile gehen auch Massenblockaden, wo dann via Blockchain (wie passend) alle geblockt werden, die wem folgen, der wem folgt. Dass da auch viel „Beifang“ dabei ist, wie Journalisten oder Blogger, die gerne wissen, was auf allen Seiten so in den Blasen los ist, egal. Dann twittert eben die Blase unter sich, für sich, ohne Information nach außen. Schlau. Nicht. Ich kann durchaus verstehen, dass man sich vor rechten und linken Shitstorms schützen möchte, es ist belastend, wenn – wie bei mir – ich etwas Kritisches gegen zwei Ober-Tulliusse getwittert habe und deren Fanblase runterstiess wie wütende Krähen. Aber wenn ich nur von Kreuzberg für Kreuzberg oder von Tegernsee für Tegernsee schreibe, kann ich es eigentlich auch ganz lassen. Da geraten dann schwule Exmuslime, die nicht so gut auf ihre ehemalige Religion zu sprechen sind, weil die sie töten möchte, ins rechte Lager, vegan und Klima ist automatisch links, wobei es auch viele völkische Blut-und Boden-Veganer gibt. Alles nicht so einfach – die Welt kann man sich nicht schön zurechtblocken.

Journalisten wollen Haltung zeigen statt Informieren

Blasenbildung, Dauerstreit, auch Politiker, die mit vereinfachenden Tweets weiter Öl ins Feuer giessen…Dass sowas nicht hilfreich ist, kann sich jede und jeder vernünftige Mensch denken. Und es hält die Mitte der Gesellschaft ab, da mitzulesen oder gar mit zu twittern. Die ebenso auf Krawall und Clickbait getrimmten Medien nehmen jeden Streit gerne auf und zelebrieren ihn oder heizen sogar weiter an. Vielleicht in der irrigen Meinung, dass man unbedingt Haltung zeigen muss, Meinung machen statt berichten, einordnen, neutral bewerten. Oder weil sie sich davon eine weitere Relevanz versprechen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer fröhlich mitpöbelt, verliert den Respekt. Wo bleibt saubere Berichterstattung? Aber das ist halt weniger spaßig und verspricht weniger Klicks. Ich möchte eigentlich möglichst faire, neutrale, kritische Journalisten, keine Blasenjubler. Wenn ich das will, kann ich auf entsprechende Blogs und mir meine eigene Meinung bestätigen lassen.

Das muss ein Ende haben. Die Mitte schaut entsetzt hin, wie sich die Ränder prügeln – und ordnet sich wohl unbewußt ein. Zwangsweise. Denn die Leute fühlen sich hilflos, uninformiert, trotz der Überfülle an Informationen. Die Menschen wollen gute, zuverlässige Berichterstattung der Medien, nach der man sich dann seine eigene Meinung bilden kann, keine vorgekaute Meinung, der dann bitteschön zu folgen ist, weil ansonsten bist du entweder Nazi oder Linksterrorist…oder beides, wenn man versucht, relativ neutral zu sein. crazy, ich weiß. Neutralität muss sein, sonst fallen bei der nächsten Bundestagswahl wieder alle aus allen Wolken, was die Leute so wählen. Nämlich die lauten Ränder.

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

2 Kommentare zu “Viel Streit um Twitter oder – wo bleibt die Vernunft?

  1. Henning und seiner Theorie vom verseuchten Grundwasser, das man für Vieles (odrr alles?) verantwortlich macht, würde ich zu gern folgen. Wenn da nicht die Briten oder die Amis wären. Es muss also nicht am Wasser liegen. Ich persönlich hänge meiner eigenen Verschwörungstheorie an. Für mich ist es das Internet. Seit es genutzt wird flippen die Leute x mal so häufig aus wie früher ™. Facebook, Twitter und all diesen so genannten Social Media Kanälen weiche ich inzwischen aus. Ich bin von der Nutzung zurückgetreten.

  2. Applaus! Applaus! Was für eine großartige Pöbelei gegen die Pöbler! Ich kann dir bei jedem Wort nur zustimmen. Mir geht es ja ähnlich. Eigentlich wollte ich aus allen Ecken Informationen haben, um daraus Blogartikel zu machen. Macht man das dann aber, ist man schnell ein „Nazischwein“ oder ein „Linksextremer“. Kommt immer darauf an, wer es zuerst mitbekommt. Deshalb habe ich es mir verkniffen, noch recht häufig politisch zu bloggen.

    Aber eigentlich darf man es doch gar nicht zulassen, sich von den Allmächtigen das Wort verbieten zu lassen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir uns danach richten, ob deren allwissendes Selbstverständnis gerade mal wieder Amok läuft? Insofern können sich die Sixtusse und all diese Plappermäuler einfach mal zurücknehmen.

    Grüße
    Henning

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