Erfolgreicher Blog? Mach dich nackig!

Striptease oder Seelenstriptease? Welche Variante darf es sein? Das voyeuristische Publikum wartet! Wie seht ihr das? Wie viel muss eine Bloggerin von sich preisgeben, wie viel Seelenpein öffentlich machen, damit das ankommt? Jetzt ist gerade wieder eine Bloggerin, Marie Sophie Hingst,  aufgeflogen, die ihr Publikum mit schier unglaublichen Geschichten gefesselt hat – und jetzt als Hochstaplerin reinsten Wassers enttarnt worden ist. Die Fallhöhe ist gigantisch: Was für ein Leben! Was für ein Mut! Und dabei so lieb und bescheiden! Eine Klinik im Slum von Delhi eröffnet mit 19, ihre Familie ausgelöscht vom Holocaust, ehrenamtlich Sexualkunde für syrische Flüchtlinge (die deutschen Medien haben sich nicht eingekriegt vor Begeisterung), neun Sprachen spricht sie auch und hat ihren geliebten Lebensgefährten an eine Sucht verloren – wow.

Hochgestapelt – tief gefallen

Das Publikum liebte sie, fieberte mit, litt mit und bewunderte sie – sie war eine Heldin für viele, denen jetzt das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht. Auch die Presse und die Bloggerszene lagen ihr zu Füßen. Denn unter Weltrettung darf man es nicht machen, wenn man Bloggerin des Jahres werden will. Wurde sie auch, 2017. Jetzt kommt raus: alles, aber auch alles erlogen. Wunderschön geschrieben, aber Lüge. Ist eine Lüge besser, wenn sie wunderschön geschrieben ist? Ich finde nein, vor allem Lügen solchen Kalibers – immer vor sich hergetragen wie ein Banner des Edelmenschentums. Ich hab sie gern gelesen, jetzt möchte ich brechen.

Aber ich muss auch kritisch mit mir selbst sein. Ich hab die leidvollen Ergüsse verfolgt – auch ich bin reingefallen. Ich war Voyeurin. Wenn ich das jetzt verkürzt lese: wie kann es sein, dass ich das geglaubt habe? Im Gegenteil sogar: Ich war immer ein wenig beschämt und sogar neidisch: ich bin doch Nachhaltigkeits-Bloggerin, warum gehe ich nicht nach Bangladesch, Sweatshops eliminieren? Wo sind meine Geschichten? Aber ich habe das „Pech“, ein recht glückliches Leben zu führen derzeit – keine Dramen, die ich teilen könnte. Da ging es mir wie den Journalisten, die auch dachten: wow, was hat der Relotius für tolle Geschichten und warum haben wir die nicht?

Lügen für die Aufmerksamskeitsökonomie

Vielleicht muss man so übermenschliche heroische Töne anschlagen, um überhaupt wahrgenommen zu werden in der Aufmerksamkeitsökonomie? 250.000 Leser hatte sie monatlich, ich komme gerade auf ein Zehntel (25.000) und bin der eigentlich schon stolz darauf, dass sich so viele Leute für „Waldbaden im Salzburger Land“ oder „Fairtrade Mode“ interessieren. Trotzdem mache ich mir schon Gedanken: Wie emotional nackig muss ich mich machen, um Leser zu generieren? Denn auch als ich eigentlich wirklich was zu erzählen hatte, habe ich mich vor dem Seelen-Striptease auf meinem Blog gescheut. Ich wollte weder meine Familiengeschichte (mit 3.Reich Content), noch meine Depressionen, noch meine Anwesenheit beim Olympiaeinkaufscenter Massaker, noch sonst irgendwelche Dinge breittreten, ich wollte nicht so bloß und verletzlich dastehen. Vermutlich würde mein Blog dann ganz anders glänzen, wenn ich mehr Nähe zulassen würde. Ich habe immer Angst davor, dass ich dann mit meinem Innersten angefeindet würde, Leute mich beleidigen und die verletzliche Seite nutzen, um mir weh zu tun. Vielleicht ist das leichter, wenn man die Geschichten über sich einfach erfindet?

Aufmerksamkeit ist unsere Währung im Netz. Du da muss jede und jeder liefern, der dieses wertvolle Gut zurückhaben will. Die Kardashians haben ihr komplettes Leben und jeden Zentimeter Haut ausgestellt – das hat funktioniert…Denn die andere Möglichkeit ist die pure, nackte Oberfläche, viel nackte Haut statt Seelenpein, das wird auf Instagram gern genutzt – im Bikini hat man schnell Follower. Aber aus dem Alter bin ich raus – das will echt niemand sehen.