Blogging Konsum

Kauf du Sau – oder: haben wir Blogger uns selbst verkauft?

Neulich habe ich in der Welt einen Artikel gelesen, der mir wieder klar gemacht hat, was mich eigentlich so sauer macht in der Debatte um Blogger und Influencer. „Wir messen Influencer nicht mehr daran, wie viele Follower sie haben, sondern, welchen Umsatz sie generieren„, hieß es sinngemäß. Und ich dachte nur: das war es also? Dafür nutzen wir die großartige Erfindung des Netzes? Dafür missbrauchen wir das Vertrauen, das uns Tausende Leser und Follower entgegen bringen, im guten Glauben, wir würden sie mögen – und nicht in Wirklichkeit nur drauf schielen, was wir ihnen aus dem Geldbeutel leiern können wie eine Hartgeldnutte auf Freierfang? Wir halten uns gegenseitig Sachen unter die Nase, die andere kaufen sollen wie Aalfiete auf dem Fischmarkt? Industriebüttel für Puddingpulverkonzerne oder milliardenschwere Versandhäuser? Je besser das Verkaufen, je blöder und plumper, desto besser. Irgendwie war das mal anders geplant…

Ja, ich gebe auch Tipps, zeige Labels und Firmen, die ich gut finde. Ab und an tut das jeder. Aber ich schwöre hoch und heilig, dass ich nicht zu denen gehören will, die nach der Masse der verkauften Teile beurteilt werden. Ich will kein Vertriebler sein. Ich will auch nicht jemand sein, deren gesamte Botschaft an die Menschheit ist „Guck mal, was ich da anhabe! Süß, oder? Das kostet 200 Euro, gefunden bei Axel.de“ Ich promote kleine nachhaltige Label und Manufakturen, die keine großen Budgets haben und bekomme ab und an ein Kissen von denen, eine Bluse oder ein Pfund Kaffee. Das war’s. Eine Heilige bin ich auch nicht. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu dumm zum Verkauf? Ich respektiere Blogger und Influencer, die ihre ganze Zeit darauf verwenden, tolle Fotos, Videos und Texte zu produzieren, die Firmen beraten, Messevideos drehen, Kochbücher verkaufen, informative Reisekanäle führen. Ich gönne Ihnen den Erfolg. Er ist hart erarbeitet. Mich stört mehr die andere Seite der Medaille…

Geld fürs Bloggen – Die Versuchung ist groß

Ich will nicht leugnen, dass das Modell attraktiv klingt: mit dem Blog oder Instagram Geld verdienen. Einfach nur Bilder posten, die zeigen, dass das Leben erst dann schön ist, wenn dieser oder jener Mixer daheim steht oder der Lippenstift im Bad. Denn jetzt kommt der Pferdefuß: so einfach ist es nicht. Es bedeutet nicht einfach nur Bilder posten, es bedeutet auch mit jedem anderen Post den perfekten Rahmen dafür schaffen, dass eine gute Verkaufe weiterhin möglich ist. Sich immer zurückhalten mit Meinungen, die Werbetreibende verunsichern könnten, immer perfekt aussehen, damit auch alle anderen so aussehen wollen, nie politisch werden, nie negativ, dafür die Wohnung und das ganze Leben in harmlose Pastellfarben hüllen…Denn wer in drei Posts der Industrie-Gesellschaft am liebsten die Hütte anzünden würde, wird nicht im vierten Post glaubwürdig Puddingpulver verkaufen. Da spielt die Industrie nicht mit. Insofern sind viele erfolgreiche Kanäle so klinisch rein wie ein 50er Jahre Heimatfilm. Ein ermunterndes Sprücherl hier, eine motivierende Tschakkarede da und dann wird wieder verkauft.

Das macht auch die Blogger-Urteile gegen versteckte Werbung so problematisch, denn natürlich geht es darum, auch mit kostenlos getaggten Firmen anderen Marken zu signalisieren, hey, zahlt mich, dann trage ich auch eure Mode. 100000 Followern gefällt das. Mit Instagram als Direktvertriebskanal hat das natürlich nochmal Fahrt aufgenommen. Auch wenn ich das Abmahnwesen hasse, die Kritik an all dem hat durchaus Berechtigung.

Das ist nur ein Teil der Blogger

Natürlich verkaufen sich nicht alle Blogger oder Influencer. Im Gegenteil. Viele leben, lieben und pflegen unkommerzielle Accounts – aus Spaß und Menschenfreude. Aber die werbegetriebenen Manmonkanäle sind das, was als erfolgreich gilt und als erstrebenswert. Am tollsten sind Blogs und Instagramaccounts, die ganz viel verkaufen. Wer bezahlt wird, hat recht. Das sind dann die Vorbilder für Tausende. Und da hätte ich gerne mehr nüchternen Abstand. Da Geld bestimmt, wo es langgeht, ist es keine Entwicklung, die sich aufhalten lässt. Und der Journalismus entwickelt sich mer stärker zum Beiwerk für Kommerz. Es ist, wie es ist. Ich will nur, dass wir uns dessen bewusst werden, wenn der nächste Jubelartikel in der Welt oder Bild oder sonstewo über erfolgreiche Influencer steht…

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

10 Kommentare zu “Kauf du Sau – oder: haben wir Blogger uns selbst verkauft?

  1. Als Corporate Bloggerin muss ich ergänzen: Daher ärgert es mich, wenn Corporate Blogs – gerade von anderen Bloggern – oft als kommerziell abgestempelt werden, denn der Unterschied ist nicht groß. Im Gegenteil: Bei privaten Blogs ist das kommerzielle Interesse häufig versteckt und nicht jeder sagt deutlich, wo und wie was gesponsert wurde. Bei Corporate Blogs ist das Unternehmen dahinter klar, was aber ja nicht automatisch bedeutet, dass die Artikel unglaubwürdig sind. Wichtig ist, dass wir Bloggerinnen und Blogger dagegen einstehen, dass kommerzielle Interessen die Qualität und Inhalte von Blogs bestimmen. Genau wie die Kollegen aus den Medienhäusern (die ja auch kommerzielle Interessen haben), müssen Blogs Werbung und Inhalt sauber trennen.

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    • katrin hilger

      Das stimmt. Mir ging es gar nicht so sehr um das Thema Bezahlung, sondern darum, dass es als ideal gehypet wird, möglichst viele Tüten Puddingpulver im Direktvertrieb über Instagram oder der Blog loszuschlagen. Ich denke, wir sind besser als das.

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  2. Hallo,

    ich kann dir da nue zustimmen. Bloggen bedeutet natürlich Arbeit, doch wenn man bei so manchen Bloggern auf Instagram und ihren Blogposts in fast jedem zweiten Post eine Werbeanzeige für dieses oder jenes Unternehmen liest (selbst wenn es nachhaltige Unternehmen sind ) dann vergeht mir als Leser die Freude. Denn im Grunde soll man damit zum Kauf animlert werden.
    Hier und da mal eine Kooperation für Firmen, die ich auch vertreten kann, finde ich nicht schlimm. Ich erhalte dafür auch kein Geld, sondern mal einen Gegenstand oder dergleichen.
    Mit dem Bloggen Geld verdienen möchte ich auch nicht, denn ich möchte unabhängig sein und vorrangig Menschen inspirieren.

    Auf jeden Fall ein toller Beitrag 😊

    Lg

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  3. Hallo Katrin,
    du hast aufgeschrieben was ich mir schon lange denke. Da postet jemand über Nachhaltigkeit (weils dazu gehört) und im nächsten Post Werbung für den größten Lebensmittelkonzern. Ein Grund für mich zu entfolgen. Und ich hoffe, dass die Blogs, welche wirklich aus Überzeugung und mit Fachwissen am Ende punkten.
    alles liebe angelique

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  4. Hallo Katrin,
    danke für diesen Post. Leider gibt es auch in meiner Sparte solche „Bloggerhuren“ wie ich sie in einem Post bei mir im Blog mal genannt habe.
    Ich habe allerdings das Gefühl, dass die Leser mittlerweile recht gut zwischen den Bloggern die zwanghaft verkaufen (und Leser verarschen) und dem Rest unterscheiden können.
    Ich gehe bei mir im Blog da sehr transparent mit dem Thema um, ich teste viel Material und schreibe dazu. Mir ist es wichtig, dass meine Leser wissen wann ich Material gestellt bekomme und wann nicht. Generell teste ich allerdings auch nur Dinge die ich mir auch selbst gekauft hätte.

    Ich bin gespannt wie lange des stumpfe Influenzertum noch so funktioniert.

    Gruß
    Sascha

    Gefällt 2 Personen

  5. Pingback: Verkauft euch nicht unter Wert liebe Bloggerkollegen! | TrailRunnersDog.de

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