Spiegel-Fail: Weil nur noch Fakes so richtig gut funktionieren

Ich habe die Geschichte von Claas Relotius gelesen, die jetzt ein Fall ist. Ein Betrugsfall und ein tiefer Fall dazu. Ich kannte den Namen leider nicht, trotz all der Journalistenpreise. Aber er war ein Großer: so viel Ruhm, gefeierter Star-Redakteur in einem der angesehensten Medien dieser Republik, dem Spiegel. Jetzt ist rausgekommen: er hat seine Reportagen gefälscht, aufgehübscht, mit bunten Erfindungen angereichert, um sie so spannender zu machen, lesenwerter, relevanter. Größer. Knalliger.

Es macht mich sauer und wütend. Denn diese Geschichte ist auch ein Schlag ins Gesicht der Qualitätsmedien, die dann doch nicht mehr so hochwertig sind, wenn jemand am Lack kratzt. Es ruiniert den Ruf einer Branche, die seit Jahren um ihre Reputation kämpft.  Es macht mich wütend, aber es wundert mich nicht. In Zeiten von Clickbaits, kreischlauten Medien des Boulevard, da muss auch eine Reportage lauter, greller und rasanter werden, um aufzufallen. Mit der Wahrheit hätte Herr Relotius vermutlich keinen Blumentopf gewonnen. Er hat auch passgenau die Themen ausgesucht, die gefragt waren, rechte Milizen in Arizona, Kinder im syrischen Bürgerkrieg – und die Fakes laufen auch immer am „richtigen“ Narrativ entlang. Da sind die richtigen Menschen die Bösen und die anderen die Guten – auch das ist immer Teil der Maschinerie, dass jeder gerne das glaubt, was ihm oder ihr gut in den Kram passt. Eine Story, die gegen die Klischees besetzt worden wäre, hätten die anderen Redakteure vermutlich viel eher in Zweifel gezogen. Auch Chefredakteure sind Menschen, die nach Wirtschaftlichkeit schauen müssen, eine Zeitschrift verkauft sich mit getürkten Reportagen besser als mit etwas öderen Echten, oder? Vermutlich hätte der Spiegel auch eine langweiligere Wahrheit nicht drucken wollen? Ich behaupte, dass für eine gute Story überall Fünfe grade gelassen werden, dass niemand mehr so genau nachrecherchiert und wissen will, wie das Meisterwerk zusammengekommen ist. Ging ja auch lange gut, 8,5 Jahre vertraute der Spiegel und viele andere Medien dem „tollen“ Journalisten. Ich rechne dem Spiegel hoch an, dass er die Geschichte nicht unter den Teppich kehrt, sondern selbst thematisiert.

Das zieht sich durch alle Bereiche – Instagrammer, die sich bis zur Unkenntlichkeit retouchieren für ihre Likes, gefakte Landschaften, Blogger, die sich in Fotos faken wie neulich eine Schwedin, die ihre ganze Parisreise gefakt hatte. Man kopiert sich in Luxushotels, in spannende Umgebungen, kassiert dafür Likes, Promotionverträge und mediale Aufmerksamkeit. In TV-Sendungen wird gefakt, dass sich die Balken biegen: falsche Kandidaten, geskriptete Liebesgeschichten, Siegerinnen, die längst feststehen…Und nur wenn der Fake allzu dreist wird, knallig genug, selbst eine Story zu sein, dann wird darüber berichtet. Mit tiefer Entrüstung, als ob es der einzige Fall wäre. Das ist so nicht, weder im seriösen Journalismus, noch bei uns viel gescholtenen Bloggern…Die Leute wollen es nicht anders. Sie wollen betrogen werden, wollen möglichst viel Fakefassade, denn Teile der Realität könnten einen ja verunsichern.

Und noch ein Punkt – ich bin sicher, dass Claas Relotius extrem jung war und so gut aussieht, hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass er mit Preisen überhäuft worden ist und man ihm gerne seine Geschichten abgenommen hat. Noch so ein Thema, über das wir dringend mal reden müßten…

 

Verfasst von

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

3 Kommentare zu „Spiegel-Fail: Weil nur noch Fakes so richtig gut funktionieren

  1. Klasse auf den Punkt gebracht! Danke Katrin!
    Aber am meisten geht mir aufn Keks, dass wegen so was dann immer gleich alle über einen Kamm geschert werden. Blogger sind alle scheisse, alle Influenzaaa sowieso. Schade. Bleiben wir uns treu!

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    1. Ja, es wird immer so getan als ob Journalisten alle edle nur der Wahrheit verpflichtete Helden sind und wir käuflicher Abschaum…tja, schwarze Schafe gibt es überall.

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