Bayern – Brauchtum mit Augenzwinkern

Ich habe mich bewußt entschieden, das Thema „Bayernliebe“ nach dem Oktoberfest zu schreiben – und vor der Wahl. Denn als Bayerin sehe ich vieles, zu was sich die Wiesn entwickelt, als das genaue Gegenteil von dem, was Bayern ausmacht. Bayern sind weder hysterische, eingeflogene Prominente in Faschingsdirndln, Bayern ist nicht „Sepplhut“, Bayern ist nicht „Hey Baby“ und DJ Ötzi und Gabalier sind Österreicher. Bayern ist nicht Mass und Brezn. Das heißt, das kann es auch sein, manchmal. Aber nicht nur. Auch – das sehen wir jetzt – die CSU ist nicht mehr Bayern. Wir haben uns von dieser Partei sozusagen emanzipiert. Auch auf dem Land ist angekommen, dass Umweltschutz, soziale Themen und eine Asylpolitik, die diesen Namen verdient, nicht mehr so gut aufgehoben sind bei Glyphosat-Unterstützern und hemmungslosen Wirtschaftslobbyisten. Da hat die CSU sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht und viele Themen verschlafen. Denn wir Bayern lieben unsere schöne Heimat, wir wollen Umweltschutz, lebendige Bienen und gerechte Verteilung, bezahlbare Wohnungen, nicht alles zubetoniert und verschandelt – und das steht alles auf der Kippe. Das zeigen auch Demos wie die „Mir hams satt“ – 18.000 Menschen auf Münchens Straßen gemeinsam mit einem Bündnis aus über 80 Organisationen für eine ökologische,
tiergerechte, bäuerliche Landwirtschaft und gesundes Essen, für nachhaltige Mobilität, für saubere Luft und Klimaschutz, lebenswerte Städte und den Erhalt unserer vielfältigen Kultur- und Naturlandschaft.

(ich habe übrigens keine Ahnung, welche Partei das effektiv gewährleisten will, also keine Wahlempfehlung von mir)

Bayern ist Schwammerlsuchen und Kloß mit Soß, Franken und Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz – ja, und sogar Augsburg und Schwaben 😉 – wobei Oberbayern immer archetypisch für alle Bayerische herhalten muss – es stimmt nicht.

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Das bayerische Paradies sieht aus wie eine Barockkirche mit vielen nackten Engerln – Schlussapplaus vom Brandner Kasper im Münchner Volkstheater

Bayern, das ist Tradition und Gemütlichkeit, mehr Denken als Reden, unsere Geschichte, König Ludwig und Wildererromantik, die Wittelsbacher und die Berge, unser Brauchtum. Nirgends kommt das besser zusammen als im Theaterstück „der Brandner Kasper und das ewig‘ Leben“, das seit Jahrzehnten im Münchner Volkstheater aufgeführt wird und in seiner jetzigen Form schon 318 immer ausverkaufte Aufführungen erlebt hat – ein Ende ist nicht in Sicht. Gott sei Dank! Ich war gestern dort und mir ist klar geworden: bayrischer wird es nicht. Wer uns begreifen will, der muss das Stück sehen. Wir sind Leute, die selbst noch den Tod überlisten und dann doch freiwillig mitkommen – zwingen läßt sich ein Bayer eben nicht…und der Himmel ist überaus irdisch, mit sexy Engeln und humorvollem Personal ganz oben. Das Volkstheater mit einem Intendanten aus Oberammergau, Christian Stückl, ist so modern und jung, dass das sehr gut besuchte Haus eine neue Spielstätte gebaut bekommt – ein Unikum in einer Zeit, wo Theater sonst eher schliessen müssen. Im Volkstheater treffen junge Stars wie Maximilian Brückner auf bayerisches Urgestein wie Alexander Duda, Klassiker auf modernes Theater, das Festival heißt“radikal jung“ – und alle lieben es. Bayerischer wird es nicht als bei der Wiesnaufführung, wenn das Publikum hinterher mit „Brandner“- Ensemble und Technikern des Theaters im Winzererfähndl zum Feiern geht. Bayern, das sind Kabarettisten wie Gerhard Polt, Bruno Jonas, Harry G., Klaus von Wagner aus der Anstalt. Und Urban Priol aus Aschaffenburg, fast schon Hessen – aber eben nur fast. Bayern isat modern, cool – voller Startups, Ginbrennereien, Craftbeer-Manufakturen, voller traditioneller, schöner Geschäfte: Gmundner Papier wird für die Oscar-Einladungen verwendet, Nymphenburg Porzellan ist nur eine Hauch hinter Meissen – und kooperiert immer wieder mit coolen, modernen Designern wie Patrick Muff. Bayern ist alles, Tradition und Multikulti, Weltstadt, Kleinstadt, Dorf.

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Das Grantlerin Sweatshirt von Datschi-Trachten ist ein echtes Lieblingsteil von mir.

Natürlich gehören Trachten zu Bayern, allerdings weniger die Teile, die man so an Prominenten auf der Wiesn als Bayerische Folklore serviert bekommt. Wer in Bayern was auf sich hält, läßt sich nie mit so einem Kitschfetzen erwischen. Aber es ist okay, wenn andere das tragen – „leben und leben lassen“ – auch dieses Motto ist maximal Bayerisch.

„So grantig san Sie doch gar net“

img_0533Eine andere Art „Tracht“ sind die mit bayerischen Sprüchen oder Motiven bedruckten Shirts, die es ja auch für heimatbewußte Hamburger oder Frankfurter gibt. (Dort mit Hafen, Anker und Möven oder mit Grie Soß und Äppelwoi) Allerdings halte ich davon auf der Wiesn nix – auch das ein Grund, den Artikel erst jetzt zu veröffentlichen. Sweatshirts passen eh viel besser in den Herbst. In München werden auch von sehr coolen Leuten im Szeneviertel getragen. Da kennen mir nix. Die Firmen heißen Datschi-Trachten, Bavarian Couture, Hund sans scho oder VRONIKAA….um nur einige zu nennen. Mir persönlich hat das „Grantlerin“ – Sweatshirt von Datschi-Trachten besonders gut gefallen. Es ist zudem bio-zertifiziert und nachhaltig in Bayern hergestellt. Passt. Ich trage es eigentlich dauernd und bekomme belustigte Blicke in der U-Bahn. „So grantig schaun Sie gar nicht aus“, meine eine ältere Dame. Ich finde sowas lustig. Bei der Kollektion von VRONIKAA stehen die Shirts mit alpenländischen Motiven, eigens von ausgewählten Fotografen für das Label geshootet, im Mittelpunkt. Da tragen wir die „Allgäuer Kuh“ mit Stolz auf der Brust.

Wir Bayern sind eigen. Ob das Fluch ist oder Segen – wer mag das entscheiden? Ich hasse es, wenn der Rest der Republik uns als Bierdimpfl und Seppl-Deppen abstempeln will. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Wer sich hier wohlfühlt, kann gerne dabei sein und sich als Bayer bezeichnen – wer uns ändern will, Berlin sowieso viel cooler findet – bitte, wir sind ja tolerant.

Verfasst von

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

3 Kommentare zu „Bayern – Brauchtum mit Augenzwinkern

  1. Ein absolut großartiger Artikel. Luja sog i. Bin mit einem Gartler verheiratet und werde mir sofort mal die Seiten ansehen, die Du netterweise gepostet hast. Ich persönlich vermisse maximal noch GottseiDank, die auch für Saupreußen wia mia traditionelle Dirndl machen. Ich liebe Bayern. Die Art der Menschen, die Natur, die (traditionellen) Trachten und natürlich das Essen sowie das einzig gscheite Bier. Die Wiesn liebe ich allerdings auch. Fern ab von Promis und Billigtrachten, z.B. in der Fischer Vroni 😉 Und genau deshalb komme ich jedes Jahr wieder nach München und in die Umgebung (z.B. Garmisch).
    https://nikileaks.de/2018/09/08/bavarian-gemuetlichkeit-wiesn-unschlagbar/

    Gefällt 1 Person

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