Die Zielgruppensuche funktioniert nicht mehr via Alter

In der W&V vom 17. September schreibt Florian Kerkau „Es gibt Zielgruppen, die derzeit nicht gut von Video on Demand erreicht werden – Menschen über 50, und hier insbesondere Frauen“. Herr Kerkau ist Geschäftsführer im Bereich Research bei Goldmedia und hat laut W&V „umfangreiches Datenmaterial“. Dennoch bin ich sicher, der Mann irrt. Ich bin über 50 und eine Frau – genauso wie alle meine Freundinnen. Nun ist es sicherlich empirisch falsch, vom eigenen Bekanntenkreis auf die Allgemeinheit zu schliessen, aber wir alle sehen gerne Serien auf Amazon Prime oder Netflix, wir schauen kaum noch lineares TV und wenn, dann begleiten wir Hummeldumm-Sendungen wie Dschungelcamp oder Bachelor mit fiesen Kommentaren auf Twitter. Wir sind zwar nicht mehr jung, aber wir sind modern, urban, am Trend. Immer noch. Städte wie München, Berlin, Köln, Hamburg sind voll mit uns – aber auch kleinere Städte. Meine Schwägerin ist knapp unter 50, mit Familie und Kindern – und glühender Netflix Fan. Wir alle diskutieren „Unreal“, „Westworld“, lieben „Jessica Jones“ oder „Game of Thrones“ oder sind von „Disenchanted“ enttäuscht. Wieso glaubt Herr Kerkau, das Angebot würde uns nicht erreichen?

Schauen Frauen über 50 bevorzugt  RTL?

Auf der Sabo-Party sich Tattoos stechen lassen – mit TV-Stars und mit Ü50 – läuft 🙂

Er behauptet auch: „RTL hat diese Zielgruppe immer gut erreicht.“ Igitt! Ja, ich kann es mir vorstellen bei Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ oder „Let’s Dance“, aber dieses Scham-TV wie „Supertalent“ oder „DSDS“ – das würde keine von uns kucken. Ich bin deswegen dafür, dass sich die Meinungsforscher und Trendanalysten mal die Kluster neu vornehmen und den Faktor Alter geringer gewichten. Viele Frauen um die 50 sind noch genauso am Puls der Zeit und wollen ein ähnliches Entertainment wie Jüngere – oder Männer. Und es gibt eine Gruppe von Frauen die schauen eben lieber Fernsehgarten und Rosamunde Pilcher am Sonntag, auch da egal ob 30 oder 50. Die Trennlinien verlaufen anders. Vielleicht Urban versus ländlich, vielleicht eine Frage der Bildung, der Berufe. Das weiß ich nicht. Ich weiß nur: das Alter ist es nicht. 50 heute ist keine Omi mehr. Wir sind meilenweit von der Zeit, als ein Kant an seinem 50. Geburtstag mit „Ehrwürdiger Greis“ angeredet wurde. Ich will aber gar nicht dafür werben, wie jugendlich wir noch sind, das haben wir nicht nötig. Aber es ärgert mich, dass von der Werbewirtschaft immer so getan wird, als wären wir Hutzelweibchen, die sich für Stricken, Ehefrau suchende Landwirte und Plätzchenbacken interessieren. Wobei nichts daran schlecht ist. Die Frauen gibt es auch – nur eben in jeder Altergruppe. Und nicht mal mehr meine Tante mit 79 kuckt noch durchgehend linear: ihre Soap „Dahoam is dahoam“ schaut sich auch via Ipad in der Mediathek. Verkehrte Welt für alle Researcher.

Die werberelevante Zielgruppe bis 49  war nur erfunden

Wir werden überall unterschätzt – sei es bei TV-Konsum oder Social Media Nutzung. Auch wir sind auf Instagram, allerdings ist es dort für mich schwer, wirklich passenden Content zu finden, weil sich zu wenig Frauen in meinem Alter trauen, Mode-oder Styling von sich hochzuladen. Wir werden da auch nicht gerade ermutigt. Ich kenne tolle Frauen, wie Textarella oder auch die Sabine Emmerich, die es letztes Jahr beim Wiesnmadl der tz unter die letzten 12 schaffte – mit über 50! Der Ex-RTL -Chef Thoma hat zugegeben, dass mit der werberelevanten Zielgruppe bis 49 erfunden zu haben, weil das perfekt auf seine Zuschauer passte. Es wird Zeit, dass wirklich mal genau geforscht wird, wen man wo erreicht. Es könnte manchen überraschen – und für die Werbung könnte es sich lohnen.

Verfasst von

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

3 Kommentare zu „Die Zielgruppensuche funktioniert nicht mehr via Alter

  1. Das sehe ich ganz genauso. Und genau aus diesem Grund habe ich mit meinem Blog angefangen. Weil mir die Zielgruppe 50 (werde ich im Dezember) viel zu wenig vertreten ist. Gerade in Sachen Mode. Diese ganzen Influencer Mädels erreichen die Zielgruppe, die im Grunde gar nicht so viel ausgeben kann…blöd, blöd, blöd.
    Und besonders blöd ist, uns zu ‚unterstellen‘ wir schauten gerne RTL. Also erschreckend genug schaut meine Mutter mit 74 diesen ganzen Schmarrn gerne, sehr zu meinem Entsetzen. Allerdings hat sie auch kein Netflix…Im Real TV schaue ich nur noch meine absoluten Lieblinge, wie – ich bekenne – Shopping Queen ,-)

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    1. Ich möchte echt wissen, wo solche Ideen herkommen – aber es zeigt sich ja immer mehr, dass die Medien komplett weg sind von den Menschen. In der Politik wird derzeit völlig falsch prognostiziert. Und ich denke auch, dass passiert bei uns Konsumenten. Die wissen nichts von der Lebenswirklichkeit 50jähriger Menschen.

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