No Borders – wir sind das Volk: Von allzu großer Vereinfachung

Seit langem habe ich es vermieden, hier auf dem Blog hier politische Themen zu diskutieren. Ich hatte immer das Gefühl, egal was man schreibt, von einer Seite kommt der Shitstorm. Aber jetzt möchte ich doch mal wieder einen kleinen Beitrag schreiben. Was hier steht ist nichts Neues, und wurde von schlaueren Köpfen als mir schon lange beklagt. Dennoch halte ich es für notwendig, noch einmal darauf hinzuweisen. Wir haben derzeit in Deutschland, und überall auf der Welt, wenn man Trump oder den Brexit anschaut, ein echtes Kommunikationsproblem. Es wird alles vereinfacht bis zur Unkenntlichkeit. Da gewinnen immer die Populisten. Gestritten wird mit Parolen, gelesen werden nur noch Überschriften.

In Zeiten unendlich komplexer Probleme und Gemengelagen ist es fatal, grob zu vereinfachen. Aber gerade das Medium, in dem am heftigsten debattiert wird, das Internet mit Facebook und Twitter, zwingt zur Vereinfachung. So haut man sich, statt vorsichtig ausbalancierte Debatten zu führen, allzu simple Parolen um die Ohren. „No Borders“ „Ausländer raus“ „Wir sind das Volk“ „Kartoffeln“ – Das kann nicht funktionieren. Ich glaube, das ist auch das Problem von Parteien wie der SPD, die versuchen, mit differenzierten Beiträgen in der Debatte mitzumischen. Da hat man keine Chance heutzutage. Und das ist entsetzlich. Die Parolen machen es aber auch notwendig, sich auf eine Seite zu schlagen. Die Mitte geht dabei verloren. Ich geb mal der einen, mal der anderen Seite recht – ich halte nichts von „alle Grenzen auf, jeden rein“  aber genauso wenig halte ich von nationalistischer Isolation.

Für mich eins der besten Beispiele, wie alle – je nach Seite – etwas missverstehen wollen, war der Zeit-Beitrag „Sollen wir es lassen?“ Denn das Problem war nicht der vollkommen ausgewogene, nachdenkliche und sehr lesenswerte Artikel, sondern dessen arg vereinfachte und verzerrende Überschrift. „Sollen wir es lassen“ Das klang tatsächlich im Zusammenhang mit Seenotrettung nach einem Aufruf zur Unmenschlichkeit – doch der lange Artikel war das überhaupt nicht, nur hat den vermutlich kaum jemand der Hetzer von links nach rechts gelesen.

Und hier sind wir im Herzen des Problems. Deswegen habe ich auch nicht an der #ausgehetzt Demonstration teilgenommen, obwohl ich die Anforderungen zum großen Teil mittrage. Aber ich wollte mich nicht hinter Schilder stellen, die einen Großteil der Bevölkerung diffamieren. Momentan – und auch das ist wieder eine Simplifiziehung – wird viel zu schnell die ganz große Keule rausgeholt: Rassist! Nazi! Viele, die das rufen, denken, dass muss so sein, nur so könnte man das Böse besiegen, in dem man es klar benennt. Ich sage: Ja, wir haben ein Rassismus-Problem, wir haben vor allem aber dieses  Kommunikationsproblem. Ich will und kann nicht auf all die Problematiken and eingehen, dass wir zum Beispiel die Türken als Gastarbeiter konsequent ausgegrenzt haben und nun vor den Resultaten stehen, von den Folgen unserer Gier nach immer billigeren Waren auf die Wirtschaft in Afrika oder Asien. Aber ich will davon reden, dass wir offenbar nicht mehr miteinander reden können. (und wollen).

Damit wir gut sprechen können, brauchen wir Fakten – die immer schwerer zu kriegen sind, denn die Presse liefert auch lieber Parolen. Bei Meedia beklagt ein sehr guter Artikel den falsch verstandenen Aktivismus vieler Journalisten, die statt Fakten nur noch (ihre) Meinung und Haltung unters Volk bringen. Feel, Think, Act – da lassen viel zu viele das „Think“ heraus…

Deswegen war ich auch so genervt von einer neuen Initiative „wir sind nicht das Volk“. Eigentlich kann ich in deinem Großteil der Forderungen stehen. Eigentlich. Denn einige Dinge sind so formuliert, dass ich sie ablehnen muss. Viel zu vereinfacht, aber auch viel zu ausgrenzend, viel zu sehr in dem Bewusstsein: „wir sind die Guten“ Und wer unsere Ideen nicht teilt, ist böse. Sowas ist keine Einladung zur Debatte, sondern einfach wieder ein Statement, dass vor den Latz geknallt wird. Vielleicht muss man vereinfachen, um überhaupt durchzudringen mit seinen Thesen und Wünschen – siehe oben, siehe SPD. Ich möchte reden. Nicht mit den besorgten Bürgern am rechten Rand, auch nicht mit den Linksaktivisten. Diesen beiden Randgruppen überlasse ich gerne die Parolen und das Geschrei. Aber ich möchte mit allen in der Mitte der Gesellschaft zusammenfinden, bessere Lösungen finden – denn das die jetztigen Lösungen alle nicht das Gelbe vom Ei sind, da sind wir uns, glaube ich, einig. Wir müssen über Flucht und Fluchtursachen reden können, wir müssen Dinge auch mal kritisch beleuchten dürfen, ohne dass jemand „Nazi“ oder „linksversiffte Spinner“ plärrt, der sonst keine Argumente und schon gar keine Ideen hat, was besser laufen könnte.

Ich persönlich glaube, das Wichtigste wäre, wenn wir wieder anfangen würden, uns Zeit zu nehmen, wirklich Zeit, längere Texte zu lesen und zu differenzieren. Da würden wir dann alle feststellen, soweit auseinander sind wir gar nicht. Dann würden auch wirkliche Monstrositäten, wie übelster Antisemitismus, viel klarer hervortreten. Wenn aber auf alles, auch auf Banales, eigentlich Mittiges, mit der Nazikeule oder der „Linksversifft“-Fahne gehauen wird, werden Belanglosigkeiten genau so kritisiert wie wirkliche Bosheit. Das kann nicht sein.

Nachtrag: die tolle mrscgn hat auf meinem Blogpost geantwortet – das will ich euch nicht vorenthalten: wenn Meinungen das Nachdenken ersetzen. Danke für diesen Denkanstoß!

Verfasst von

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

3 Kommentare zu „No Borders – wir sind das Volk: Von allzu großer Vereinfachung

  1. Ja, die Vereinfachung…… ich gebe zu ich lese weitestgehend keine Zeitungsartikel, höre keine Nachrichten mehr weil ich die Vereinfachung, Emotionalisierung der „Nachrichten“ nicht mehr ertrage. Und ja – es wir immer schwerer Hintergrundinformationen zu erhalten, die mir ein Bild liefern, auf das ich aufbauen kann und mir meine Meinung bilde. Es ist ein Zusammenspiel aus Bücherlektüre, suche auf Blogs und Special interest Seiten und Dokus im TV geworden.
    So versuche ich in meinem Umfeld Fakten zu hitzigen Diskussionen beizutragen. Denn das ist es doch am Ende & Anfang, was jeder machen kann. Bei sich selbst anfangen und dies in sein Familien und Freundeskreis tragen.
    Ich denke auch, das wir diesen Clash wohl brauchen als Gesellschaft. Viel zu lange wurde wie in den großen Konzernen vieles unter den Teppich gekehrt und „alles ist gut“ propagiert – angefangen von der Regierung in den Parteien usw…deshalb schaue ich interessiert nach USA und der grassroot Bewegung in den USA und die „Macron Bewegung“…. denn anstatt sich die Parteien in ihrem eigenen Sumpf drehen und wenden wurde hier etwas unter Einbeziehung der Bevölkerung getan und getrieben; dies hat zwei tolle Effekte: die Parteien würden neue Energie und neue Sichtweisen bekommen und die Menschen fühlen sich wieder beteiligt und abgeholt, ohne das sie sich in Parteien hoch dienern müssen.
    Ach ja – und eine weitere Auswirkung – ich habe angefangen Emails zu Schreiben an Politiker… wahrscheinlich lesen Sie es nicht….. aber ich hoffe – wenn andere dies auch tun fällt bei dem einen oder anderen irgendwann der Groschen….

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  2. Was mich in der „Debatte“ (wenn man es so nennen kann) gewaltig nervt, ist die Beliebigkeit, mit der argumentiert wird (auch hier, wenn man es so nennen kann).

    Einerseits wird nach dem Rechtsstaat geschrien, aber wenn der Rechtsstaat etwas tut was nicht in die eigene Sicht passt, wird randaliert oder mindestens zum „zivilen Ungehorsam“ aufgerufen, z.B. werden Abschiebungen verhindert. Und ja, manche sind unsinnig oder scheinen so, aber man kann nicht einmal auf Gesetze pochen, und dann wieder nicht.

    Ebenso das Grundgesetz, das wird ja gerne angeführt, gerade wieder von Sascha Lobo. Im Grundgesetz steht halt auch, daß niemand wegen seiner politischen Einstellung diskriminiert werden darf. Das wird ja oft genug ausgehebelt, von „Kein Bier für Nazis“ bis zu tätlichen Angriffen.

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