Weltretten wollen, aber Avocados fressen! Eine Beichte

Heute ist Weltumwelttag. Also mal wieder Welt retten angesagt. Das Positive vorweg: es sickert allmählich in die Köpfe ein, dass wir nicht mehr so weitermachen können. Dass wir alle schauen müssen, dass nicht noch viel mehr Plastik in die Umwelt gelangt. Ich habe neulich ein grattliges, aus dem RTL2-Milieu-stammendes Mutter-Tochter-Gespann im Lidl am Ostbahnhof erlebt, wo die Mutter de Tochter aufgebracht erklärt hat, dass sie jetzt das Obst und Gemüse hier lose kauft und nicht, wie von der Tochter gefordert, praktisch abgepackt. Es liegt vielleicht an meiner Arroganz, dass ich das diesen Menschen nicht so zugetraut hätte, aber es freut mich sehr. Es bewegt sich was. Überall auf der Welt gibt es Projekte und Initiativen, die dem Plastik den Krieg erklärt haben – kleine Geschichten und ganz große Würfe. Die Leute sind auch immer mehr bereit, für fair und ökologisch hergestellte Mode Geld auszugeben, Kosmetika zu kaufen, die ohne Tierversuche hergestellt wird. Ich finde all die Versuche toll, möglichst viel Essen zu retten, sei es verkrüppeltes Gemüse und Obst oder Sachen, deren Haltbarkeit kurz vor dem Ablaufen ist. Es passiert viel.

Aber trotzdem: wem machen wir eigentlich was vor? Fakt ist: jeder Teilnehmer von Bauer sucht Frau hat einen besseren ökologischen Fußabdruck als ein noch so megabewußter Hippster in Berlin oder in München. Denn trotz – oder wegen – eines übergenauen Umweltbewußtseins muss es die Avocado am Morgen sein, dazu die Sojamilch mit Honig aus Neuseeland, das Haar Instagramready mit Haarspray hochgestylt. Wir machen Yoga auf Plastikmatten und in Outfits voller Chemie. Und natürlich geht der Urlaub ganz umweltverliebt: die Flugreise auf die noch total unentdeckte Insel mit sechs kleinen Cottages vor Tanzania, unzerstörte Natur genießen nach 8 Stunden Fernflug.

Wir wissen das auch, dass wir da einen großen Quatsch machen, wir ach so woken Städter. Sonst hätten nicht so viele Meschen ein schlechtes Gewissen, wenn das Thema auf Umweltsünden kommt. Wir schauen vorwurfsvoll Richtung Entwicklungsländer – „die sinds, die das ganze Plastik ins Meer schmeissen“ – und sehen nicht, dass sie den Dreck meist auch für uns produzieren. Der Planet ersäuft im Plastik. Klar gibt es immer wen, der noch eins schlimmer ist als man selbst. Aber das ist eine äußerst dünne Rechtfertigung. Wir sind bigott. Ich bin bigott.

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Foto: „plastic bag nightmare 001 “ von Zainub Razvi unter CC-BY-2.0

Denn ich nehme mich da nicht aus, null. Ökologisch leben ist wie abnehmen, hab ich irgendwo gelesen, jeder weiß theoretisch wie es geht, aber keiner macht es. Weil es mit Unanehmlichkeiten und Entbehrungen verbunden ist. Ja, ich fahre kein Auto, weil ich keinen Führerschein habe. Zum Teil der Natur wegen, zum Teil aber auch, weil ich meist wen finde, der mich von A nach B bringt. Ich bewundere Leute, die es schaffen, ihren Müll auf so gut wie Zero zu reduzieren. Ich schaffe das nicht. Ich versuche mich wirklich an meine Tipps zu halten, braue Getränke mit Kombucha, produziere meinen eigenen Joghurt in Gläschen, radle und fahre Zug, hab eine Gemüsekiste abonniert, die schräges Gemüse ohne EU-Norm-Krümmung rettet, versuche den Konsum klein zu kriegen, kaufe viel Fair Trade oder Kleidung Second Hand. Aber ich bin weit davon entfernt eine Heldin der Umwelt zu sein. Asche auf mein Haupt.

Verfasst von

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

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