Eigene Kultur gegen Weltkultur

Am Wochenende gab es (mal wieder) einen Aufreger auf Twitter: eine amerikanische High School Schönheit hatte eine Art chinesisches Kleid zu ihrem Prom getragen. Sie sah darin sehr hübsch aus – doch ein Amerikaner chinesischer Abstammung nahm daran Anstoß. Sie würde seine Kultur beleidigen, sie würde kulturelle Aneignung betreiben. Wie immer ergoß sich daran ein Rattenschwanz wüster Beschimpfungen über das arme Mädchen. Das hatte sich vermutlich nichts dabei gedacht, fand das Kleid einfach schön – doch sowas geht heutzutage nicht mehr. Einfach etwas schön finden ist gefährlich. Ich bin da hin und hergerissen und möchte zwei Seiten der Medaille beleuchten. Um es vorwegszunehmen: in dem Fall finde ich die Beschwerde des Chinesen namens Jeremy eher lächerlich. (weswegen, erläutere ich später) Aber es gibt Fälle, da sollte man tatsächlich mit großem Fingerspitzengefühl rangehen.

Nein zu kulturellen Geschmacklosigkeiten

Wenn ich aus der Sicht eines amerikanischen Ureinwohners weiße Teeniegirls sehe, die zu einem Festival einen traditionellen Federschmuck tragen, würde ich auch sauer werden. Die Ureinwohner wurden von den Siedlern fast ausgerottet, in Reservate gesperrt, ihrer Lebensgrundlage und zum Großteil auch ihrer Kultur beraubt. Da ist es Verhöhnung, ihre Trachten – oder Teile davon – zu tragen. Das geht einfach nicht. Das ist ein Rosinenpicken. Euer Federschmuck ist cool, aber ihr seid es nicht. Ähnlich sehe ich es bei Schwarzen, die versklavt worden sind. Wenn nun Weiße – oft auch aus falsch verstandener Solidarität – versuchen, deren Lebensstil zu imitieren, kann das bei den so „Geehrten“ verständlicherweise eher schlecht ankommen. Noch vor ein paar Jahrzehnten mussten Schwarze auf mieseren Plätzen im bus sitzen oder durften nicht in die Unis. Dass da nicht alle Wogen geglättet sind, ist allzu verständlich. Dass man nicht will, dass die eigene Kultur zum Ausverkauf preisgegeben wird, auch. Dass Blackfacing und andere Verhöhnungen unter aller Sau sind, muss ich nicht extra erwähnen, oder?

Ja zu einer Weltkultur

Auf der anderen Seite freue ich mich, wenn Menschen sich für andere Kulturen interessieren, andere Gerichte kochen, auch andere Trachten in ihre Mode einfliessen lassen. Ich bin überzeugt, das bringt den kleinen Erdenball näher zusammen und sorgt für mehr Aufgeschlossenheit anderen Kulturen gegenüber. Am besten ist es, man kauft die Sachen bei ihren Erzeugern, dann verdienen die auch was dran. Und jeder Weiße sollte sich mit der Geschichte der Moden auseinandersetzen, die er da trägt. Ich glaube, dann hat niemand etwas dagegen, wenn sich die Stile mischen. Marokkanische Taschen, wie sie zB. Abury verkauft, werden von Berberinnen genäht und bestickt, sie werden gut entlohnt und können sich so ihren Lebensunterhalt verdienen. Über andere Projekte, etwa Kokoworld oder Dots habe ich ja schon öfter geschrieben. Mein Kleiderschrank ist ein Mix vieler Kulturen: ungarische Trachten, afghanische Ledermäntel, Kaftane aus Marokko, ägyptische Baumwollkleider, eine chinesische Seidenjacke, afrikanische Körbe, indische Saris – ein bunter Hippiemix. Das war seit den 70er Jahren kein Problem und ich habe nie eins daraus gemacht. Im Gegenteil. Ich hab allen Besuchern bei mir zu Hause von der Kultur wunderschön gemalter afrikanischer Friseurschilder erzählt (ich hab zwei aus Ghana) und erfreue mich an deren Kunst. Fast alle Teile stammen aus ihrem Land und alle Teile trage ich gerne. Ist das kulturelle Aneignung? Ein böser Rückblick auf die Kolonialzeit, wo sich Weiße überall als Herrenrasse aufspielten? Ich finde nicht. Aber ich würde mir eine Diskussion wünschen, wie seht ihr das?

Berbertasche von Abury - nachhaltige, Ethnomode
Berbertasche von Abury

Und ich finde auch, dass ein chinesisches Kleid zum Abschlussball sein darf. Es war ja nicht als Beleidigung gedacht, es war schlimmstenfalls gedankenlos. Dann sollte man aber keinen häßlichen Shitstorm lostreten, sondern eine zivilisierte Debatte darüber führen. Ansonsten bringt man die Fronten nur weiter auseinander, oder?  Ich möchte, dass Leute offen bleiben für die Kultur anderer Menschen, und wenn jemand ihnen die Tür vor der Nase zuhaut, dann fördert das keinen Dialog, sondern macht alles nur schlimmer. Und das können wir uns in Zeiten wachsender Entfremdung einfach nicht mehr leisten.

Verfasst von

Über 40. Redakteurin, PR-Beraterin, Twitterfan, Bloggerin, Hüpf-Gamerin, manchmal auch alles in Kombination. Dies ist mein Blog zu allem was mich interessiert und zu vielem im Netz.

4 Kommentare zu „Eigene Kultur gegen Weltkultur

  1. Wenn ich Leute jenseits der Weißwurstgrenze sehe, die in Dirndl und Lederhosn daherkommen, nur weil sie in Wanne-Eickel das örtliche „Oktoberfest“ frequentieren, könnte ich aber auch zum Elch werden! 😉
    Im Ernst: Es gibt halt Leute, die regen sich gerne mal auf.
    LG
    Sabienes

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    1. Ich fand es interessant, wie hoch da die Wellen geschlagen sind – da regen sich 100.000 Leute wegen eines Kleids auf. Derzeit findet sich immer ein Honk, der beleidigt ist – und sofort eine Meute, die auf das Opfer einhackt. Unschön

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  2. Mir gefällt deine Abgrenzung gegen die Empöreria und die Shitstorms wegen eines Kleids. Allerdings muss man die Kritik am Kulturalismus meines Erachtens grundsätzlicher ansetzen, weshalb ich deine „Zugeständnisse“ a la „2 Seiten der Medaille“ nicht teile. Hier gibt es keine zweiseitige Medaille, höchstens eine helle und eine dunkle Seite des Mondes.

    Wenn du die Welt verändern willst, brauchst du eine Bewegung – und die erste Frage lautet: „Auf welche Solidarität kann sich meine Bewegung gründen?“ Linke, emanzipatorische Bewegungen gründeten ihre Solidarität traditionellerweise auf eine geteilte Vision von der Zukunft, von der besseren Welt, die es zu bauen galt. Es sollte nicht darauf ankommen, woher jemand kam, welches Geschlecht, Hautfarbe oder sonstiges dieser Person zu eigen war: Allein das gemeinsame Ziel, die gemeinsame Weltsicht zählte. Umgekehrt war Solidarität, die im Blick zurück gebildet wird, im Rückgriff auf Ererbtes, auf Angestammtes, bis vor gar nicht langer Zeit der Kern reaktionären Denkens: Welches Geschlecht eine Person hatte, welche Hautfarbe, welcher Nation sie angehörte – wem solche Dinge wichtig waren, der war kein Linker.

    In den vergangenen Jahrzehnten aber haben reaktionäre Denkmuster, die solchen Fragen Bedeutung beimessen, einen atemberaubenden Aufstieg innerhalb von Bewegungen erfahren, die sich selbst immer noch als links verstehen. Die Gründe dieser Entwicklung hier zu erörtern würde den Rahmen sprengen, aber das Ergebnis ist: Früher ging es emanzipatorischer Politik darum, dass Menschen trotz ihrer Unterschiede gleich behandelt werden sollten – heute sollen sie wegen ihrer Unterschiede (aus „Respekt“ vor diesen Unterschieden) ungleich behandelt werden.

    Du schreibst zB: „Die Ureinwohner wurden … auch ihrer Kultur beraubt.“ Die Vorstellung, jemand könne seiner Kultur „beraubt“ werden, setzt voraus, dass jeder von uns einer „eigenen“ spezifischen Kultur angehört, die man uns eben rauben kann, woraufhin wir anschließend entweder „kulturlos“ sind oder eben eine aufoktroyierte für uns „falsche“ Kultur annehmen. In seinem Buch „Das Unbehagen in den Kulturen“ schreibt der Brite Kenan Malik hierzu: „Dies kann nur der Fall sein, wenn wir glauben, [ein Nachkomme ehemaliger Sklaven oder ein Ureinwohner] sollte sich auf irgendeine Weise anders verhalten, als er es tatsächlich tut – und zwar sollte er sich so verhalten, wie seine Vorfahren es taten. Wir müssten demnach glauben, dass das, was ein Mensch tun sollte, durch das vorgegeben wird, was seine Vorfahren taten. Kultur wird auf diese Weise über biologische Abstammung bestimmt. Und „biologische Abstammung“ ist nur eine vornehme Art „Rasse“ zu sagen. In den Worten des amerikanischen Literaturkritikers Walter Benn Michaels: „Damit eine Kultur untergehen kann, […] muss sie sich vom konkreten Verhalten ihrer Angehörigen trennen lassen, und um vom konkreten Verhalten trennbar zu sein, muss sie sich an die Idee einer Rasse knüpfen.“
    Wenn wir Kultur dagegen offen auffassen – Kultur ist das, was Menschen eben so tun – kann mir meine Kultur nicht geraubt werden. Sie kann sich nur ändern.

    Entlarvend ist auch, dass diejenigen, die sich am vehementesten gegen „kulturelle Aneignung“ wehren, selbst meist gar nicht dem traditionellen Lebensstil der jeweiligen Kultur folgen. Sie gehören der jeweiligen Kultur genaugenommen eben gerade nicht an, sondern „appropriieren“ diese Kultur zunächst einmal selbst – und zwar qua genetischer Abstammung, so auch hier: Ein „Amerikaner chinesischer Abstammung nahm [an dem Kleid] Anstoß“ Soso. Sehr schön deutlich wird dies auch in einem (sehr langem) Blogbeitrag Maliks „Battle of the Bones“ ausgeführt: „Die Aktivisten … leben nicht auf traditionelle Weise sondern sind überwiegend Angehörige der urbanen Mittelklasse auf der Suche nach einer kulturellen Authentizät, die sie meinen, verloren zu haben … The source of Native American activism, one of its leaders Vine Deloria Jr has written, is ‘urban Indians seeking an Indian identity and heritage’ who became ‘the most militant of advocates for cultural renewal’.“

    Von daher sollte man das ganze Konzept „kultureller Aneignung“ komplett zurückweisen: Es ist eine identitäre Idee. Ihre Aktivisten sind bloß eine Spielart der „Identitären Bewegung“, die sich nicht so nennen lassen will.
    Ich empfehle zur Lektüre dringend das oben zitierte, großartige und leicht lesbare Buch von Kenan Malik „Das Unbehagen in den Kulturen“ und ebenso seinen Blog „Pandaemonium“. Transparenznotiz: Ich bin der Übersetzer. 😉

    https://www.ruhrbarone.de/das-unbehagen-in-den-kulturen/152100
    https://kenanmalik.wordpress.com/2012/12/15/the-battle-of-the-bones/

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