Mein früheres Ich und mein heutiges Ich

Gestern hat der wunderbare Norbert Schmitz ein Foto von mir auf der Pinnwand geteilt, da musste ich plötzlich weinen. Es hat mich tief berührt. Das Bild muss aus der Zeit stammen, als ich Ende Zwanzig, Anfang 30 war. Die beste und schlimmste Zeit meines Lebens. Ich erlebte viel, ich kam rum, ich war als Musikredakteurin für die tz tätig und traf die großen Stars der Welt, feierte auf den tollsten Feten dieser Stadt – aber mein Privatleben war einen Katastrophe. Denn ich konnte nichts davon geniessen. Ich fühlte mich wie eine Fehlbesetzung. Weil: ich war dick und häßlich. So empfand ich mich damals.

Aus dieser Zeit meines Lebens gibt es so gut wie keine Bilder von mir. Nicht nur, weil die Handyfotografie noch nicht erfunden war, sondern weil ich mich vor jeder Kamera drückte wie der Teufel vor dem Weihwasser. Ich hasste Kameras.  Deswegen traf mich grade das Foto wie ein Schock. Diese schöne, schlanke, junge Frau mit den dunklen glatten Haaren und dem tollen Lächeln – das war ich? Das fand ich damals häßlich? Ich muss ja bescheuert gewesen sein!

30727194_10156376176233724_2678568916929740800_n
Das war ich auf einer von Norbert Schmitz Blub Club Parties

Ja. Das war ich. So viel vergeudete Zeit, so viel Traurigkeit und entgangener Spaß – weil ich mich selbst mit anderen verglich, die, ja, vermutlich nicht Größe 38/40 trugen sondern 34/36 – aber: war ich deswegen so viel weniger wert? Ich hab es gedacht. Gelitten, mit Diäten gekämpft, meinen Busen versteckt. Männer, die mich gut fanden, die mussten doch auch blind und bescheuert sein – weil, so eine fette Nudel wie mich, die kann doch keiner wollen? Mein liebesleben war nicht existent.

Ich bin völlig entsetzt über so viel verschwendete Lebenszeit, die man an Nichtigkeiten geknüpft hat. Wenn ich könnte, würde ich in die Zeit zurückreisen, mein damaliges Ich schütteln und sagen: „Schau dich doch mal im Spiegel an, du bist richtig toll! In 20 Jahren wirst du grau sein, mit Falten, mit etwas Cellulite, aber du wirst zufrieden sein mit dir. Und das solltest du jetzt viel mehr sein!“ Es macht mich traurig, wenn daran denke, dass auch jetzt junge Frauen sich mit viel zu gestylten, viel zu perfekt hinretuschierten Models vergleichen und genau das Gleiche denken wie ich damals: ich bin fett und häßlich. Hört auf damit, ihr bereut es irgendwann bitterlich. Spätestens, wenn sie in 20 Jahren sehen, wie toll sie damals waren… Jetzt bin ich Best Ager und endlich (fast) im Reinen mit mir.

Und so sehe ich jetzt aus – immer noch die selbe – und irgendwie auch so gar nicht mehr…

Verfasst von

Best Ager über 50. Redakteurin, Bloggerin, PR-Beraterin Infuencer Relations, Twitterfan. Spezialistin für das gute Leben: Nachhaltigkeit, Fair Trade, schöne Dinge aus Manufakturen - if you wanna have a good time, gimme a call

7 Kommentare zu „Mein früheres Ich und mein heutiges Ich

  1. vielleicht bist du jetzt du, weil es damals so war. ich denke, es dauert bis man schönheit erkennt, begreift und lebt. vielleicht ein geschenk des alters? in jedem fall bist du angekommen in deiner schönheit und deinem selbstwert, sonst hättest du nicht mit deinen worten dieses wunderbare und zauberhafte porträt gemalt.

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Katrin, ich darf hoffentlich anmerken: ich habe Dich in dieser Zeit in Seminaren kennen(und sehr schätzen)gelernt – immerhin konntest Du ein Batman Logo FREIHÄNDIG malen, hey, ich war beeindruckt – und damals nicht verstanden, warum Du stets wie auf der Flucht warst. Nicht greifbar, immer wie schon fast wieder weg. Jetzt verstehe ich das ein wenig besser. Danke für Deine Offenheit.

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.