Tollwood: Nachdenkliches zum Glühwein

Ab heute beginnt wieder das Tollwood Festival. Hurra, Glühwein, Druidentrank, Langosch, Schokodöner, Tees, Seifen, Weihnachtsmarkt, Konzerte im Hexenkessel und Yogakissen…aber, da war doch noch was? Stimmt. Münchens beliebtester alternativer Weihnachtsmarkt hat sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben, was mich sehr, sehr freut. Geschirr ist recyclebar oder aus Porzellan zum Zurückgeben – sehr gut. Alle Lebensmittel, die dort zum Verkauf angeboten werden, sind bio. Deswegen motzen einige über das Preisniveau, aber das ist nun mal so, dass man gute Ware nicht immer zum Schleuderpreis bekommt. 2000 Euro für einen beheizbaren Rückspiegel? Aber sicher! 20 Euro mehr für ein fair gehandeltes Kleidungsstück oder 20 Cent für Biofood? Unerträglich. Es ist halt alles eine Frage der Gewichtung und wer gerne sein Auto besser stellen will als sich selbst, bitte sehr. Kann man machen, aber dann… Gerade Tollwood zeigt, dass sich Spaß und Engagement nicht ausschließen müssen. Ich bin gerne dort auf dem bunten Markt und probiere mich durch die Stände. Aber zum Essen und zum Programm werde ich vielleicht noch einmal etwas gesondert schreiben, mir geht es heute um etwas anderes.

Denn Tollwood will nicht nur für Bioküche und Nachhaltigkeit eintreten, sondern im Weltsalon geht es dieses Jahr noch um viel mehr. Unter dem Motto „wir, alle“ behandelt das Zelt Vorurteile, Rassismus, Sexismus, Konsum – kurz, all die Themen, die derzeit das Weltgeschehen bestimmen. Diese Themen wurden von Künstlern interpretiert. Wir haben gestern als Blogger und Presse eine Führung bekommen und ich würde mir wünschen, es gäbe für Interessierte täglich genau so einen Rundgang, denn es ist keine leichte Kost, die da serviert wird. Zum Beispiel den „Shop für Menschenverachtung“. Da gibt es sexistische Accessoires und vor allem Nazi-Bekleidung, die in Deutschland völlig legal via Internet verkauft werden darf, immer geschickt lavierend am Rande der Legalität, wenn auch tief, tief im Geschmacklosigkeitssumpf. Ich möchte brechen, wenn ich sowas sehe.

Das Sofa der Vorurteile konfrontiert die Besucher mit den eigenen Vorurteilen. Klar, hab ich auch welche, manchmal nicht zu knapp. Ich versuche zwar, Menschen nur nach Depp oder Nichtdepp einzuteilen, ungeachtet von Geschlecht, Hautfarbe, Religion etc – wie mal wer sagte: „auch eine schwarze, lesbische Behinderte kann ein Ekel sein“ – aber ich ertappe mich doch immer, bestimmten Bevölkerungsschichten weniger Intelligenz, Unrechtsbewußtsein, mehr Sexismus oder was auch immer zuzubilligen. Wenn ich es merke, schäme ich mich – aber frei bin ich eben nicht davon. Darüber nachzudenken und auch die eigene Meinung immer wieder zu hinterfragen ist eine Herausforderung, der man sich stellen muss. Ansonsten kann man in einem Gebetomaten Gebete aller Religionen hören, sich mit Fakenews herumschlagen oder – was wunderschön ist – sich im 180 Grad Kino Unterwasserbilder ansehen. Eine Demokratie-Installation bietet eine Herausforderung…Es lohnt sich also, den Salon mal in Ruhe zu betreten, bewusst als Kunstausstellung zu sehen, zu diskutieren, zu überlegen, zu streiten!

Wie findet ihr den Weltsalon auf dem Tollwood, passt das für zum Rest des Fests?

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