Girls20 in München: Es ist noch ein weiter Weg für Frauen

Bis Frauen überall auf der Welt gleichberechtigt neben den Männern stehen, ist es noch ein sehr, sehr weiter Weg. Wie weit, konnte ich auf dem Girls20 Summit erleben. Dieses extrem tolle Projekt wurde 2009 im Rahmen der Clinton Global Initiative gegründet und es setzt darauf, weltweit Frauen und Mädchen auszubilden und in die Arbeitswelt zu integrieren. Diese Teilhabe soll Wachstum fördern, die Gesellschaften stabilisieren und letzten Endes auch den gesellschaftlichen Wandel voranbringen. Denn Frauen, die oft  einen stärkeren Wunsch nach Bildung und Beruf haben, werden in weiten Teilen der Welt noch marginalisiert, sie werden ausgegrenzt und zu abhängigen Befehlsempfängerinnen, Gebärmaschinen und  grundsätzlich zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Ihnen wird der Zugang zu Bildung verwehrt, der wichtigsten Grundlage, auf eigenen Beinen zu stehen. Das will Girls20 ändern. Es gibt verschiedene Programme, die auf Ausbildung setzen oder darauf, begabten Mädchen Praktika in Firmen zu vermitteln. Girls20 appelliert auch an die allmächtigen Väter, die ihren Töchtern nicht das verwehren sollen, was Jungen automatisch zusteht.

Ein wichtiger Teil des Programms ist der jährliche Gipfel. Dort treffen sich 20 tolle junge Mädchen aus je einem der G20 Länder und Vertreterinnen der Europäischen und Afrikanischen Union, aus Afghanistan und Pakistan und der MENA Region. (Die Vertreterinnen für Afghanistan und Pakistan bekamen kein Visum, in meinen Augen eine Riesensauerei.) Dieses Jahr fand er in München statt, bei der KPMG. Ich war wirklich beeindruckt und kann nicht oft genug unterstreichen, wie wichtig das Thema ist. Gebildete Frauen, die arbeiten, sind der Schlüssel zu vielen Problemen, sei es Überbevölkerung, Wirtschaftswachstum oder Frieden – gebildete Frauen sind nicht mehr völlig schutzlos der Willkür unterworfen…

Der Gipfel dauert eine ganze Woche, es gibt viele Workshops, bei denen die Teilnehmerinnen praktisches Wissen erwerben können, sie können sich mit Politikerinnen und Vertreterinnen diverser Konzerne vernetzen und zum Schluss gibt es ein gemeinsames Communique, das den 20 Regierungschefs der G20 Staaten überreicht wird, um sie auf die Bedürfnisse von Frauen aufmerksam zu machen. Es sind fantastische Mädchen, die sich hier treffen: die Gesandte von Saudi Arabien kommt ohne Kopftuch und schafft trotz Fahrverbot und anderer Hemmnisse ein Business in ihrem Land aufzubauen, sie verkauft ihre Kosmetik einfach via Instagram. Die chinesische Delegierte aus Beijing will in die Politik und sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzen.

Der Weg  für sie ist lang (auch wenn die Frauen vor Ort die ersten Hürden in eine goldene Zukunft genommen haben), das sieht man an den Erzählungen von z.B. Sandra Uwiringiyimana oder Ziauddin Yousafzai, dem Vater von Nobelpreisträgerin Malala. Sandra ist eine 22jährige Frau aus dem Kongo, die aufgrund ihrer Stammeszugehörigkeit mit ihrer Familie fliehen musste und ihre kleine Schwester in einem Massaker in einem Flüchtlingscamp verlor. Sie erbettelte sich einen Platz in einer Schule, den ein mitleidiger Schuldirektor gewährte und schrieb den bewegenden Bestseller „How dare the sun rise“ und ist Mitbegründerin und Direktorin von Partnerships & Communications bei Jimbere Fund, einer Organisation, die krisengeschüttelte Gemeinden im Kongo neu beleben will. Sie richtete sich an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – auf Antrag von Botschafterin Samantha Power – , um die Führer der Welt zu bitten, auf die dringende Frage von Kindern in bewaffneten Konflikten zu reagieren. Sandra beendet ihr Studium in New York City. „Ich wusste nicht, wie ich nach dem Massaker weiterleben sollte. Ich habe mich nicht getraut, um meine Schwester zu weinen, weil Menschen neben mir ihre gesamte Familie verloren hatten.“ Erschütternd. Ihr Vortrag hat mich sehr bewegt und meine Meinung gefestigt, dass wir in der Flüchtlingskrise die eigentlich Schwächsten und Hilfsbedürftigsten zurücklassen zugunsten junger Männer mit härteren Ellenbogen. Ich wäre sehr dafür, lieber Frauen und Kindern eine Perspektive in ihren Ländern zu bieten, ihnen Bildung zukommen zu lassen und dafür zu sorgen, dass es dort für sie Perspektiven gibt. Besser angelegtes Geld.

Ziauddin Yousafzai, ein Pakistanischer Lehrer, hat erkannt, wie unfassbar ungerecht es ist, dass 50 Prozent der Bevölkerung seines Landes, nämlich die Frauen, keinen Anspruch auf Bildung haben, sondern stattdessen zuhause das Essen für die Brüder zubereiten müssen, damit die was Warmes haben, wenn sie nach dem Unterricht heimkommen. Seine Tochter musste ihren Wissensdurst fast mit dem Leben bezahlen, ein Taliban versuchte sie zu ermorden, weil ein Mädchen in der Schule – so eine Schande darf es nicht geben. Malalas Fall erregte weltweit Empörung – und schaffte, so traurig es ist, dass die Weltöffentlichkeit auch hier zum ersten Mal hinsah.

Dass auch in Deutschland nicht alles Gold ist, zeigte ein hochkarätig besetztes Panel mit Silvana Koch-Mehrin und Hiltrud Dorothea Werner, der einzigen Frau im Vorstand von VW.  Sie leitet seit 2017 das Ressort Integrität und Rechtsangelegenheiten und seit dem 1. Januar 2016 Leiterin der Volkswagen Konzernprüfung – vermutlich  kein leichter Job. Umso toller, dass ihn eine Frau füllt. „Man muss die Chancen nutzen, die sich einem bieten und durch die Türen auch durchgehen, die sich öffnen.“ Das klang ein bisschen in ihren Worten mit – was ich schon immer sage – dass es Frauen hierzulande zwar schwerer haben, aber auch viel aufgeben, weil ihnen mitten in der Karriere die Familienplanung dazwischen funkt. Hiltrud Werner hat es anders gemacht und war Anfang der 90er die Einzige, die in ihrem damaligen Unternehmen als junge Mutter Vollzeit gearbeitet hat – das könnte einer der Gründe ihres Erfolges sein…auf alle Fälle eine super Inspirationsquelle für junge Frauen!

2 comments

  1. Toller Artikel! Es ist sehr gut, dass es solche Initiativen gibt. Die Geschichte der Misogynie ist Jahrtausende alt – entsprechend ist der Wandel wahrscheinlich umso mühsamer. Das Buch von Holland „Misogynie“ fand ich dazu sehr ansprechend.

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