Das ganze Leben durch den Filter sehen – Be Selfie ready!

img_1835Ich sehe seit längerem einen Trend, aber momentan fällt er mir massiv auf. Und zwar dann, als bei einem Bloggertreffen eine Dame, der ihr Instagram-Account offenbar sehr am Herzen liegt,  das Essen eines Lokals beschrieb: „Es war saulecker, aber leider völlig unfotografierbar. Bringt also nix“  – ich hab  nix gesagt, weil ich nicht geglaubt hätte, dass eine Diskussion was brächte, aber dennoch: was mehr soll ein Lokal denn bringen ausser „sauleckerem Essen“? Muss es jetzt Essen sein, an das erstmal ein Foodstylist rangelassen worden ist, damit es top fotografiert werden kann? In vielen Lokalen wird Trendfood wie Acaibowls mittlerweile aufs Allerschönste drapiert serviert,  mit Bananenscheiben, aufgestreuten Streifchen von Chiasamen, Kokosflocken – ready für Instagram.

Das mag okay sein, das Auge isst bekanntlich mit, aber mittlerweile geht das soweit, dass es einfach nur pervers ist: „Freakshakes“ oder bestimmte Getränke amerikanischer Getränkehersteller sind kaum noch zum Verzehr geeignet, sondern nur noch für eins da: geil aussehen auf Facebook, Snapchat und Instagram. Geschmack? Egal! Dass viele einflussreiche Posterinnen sich das Essen nur noch vor den stundenlang aufwändig geschminkten Mund halten und sich so fotografieren, statt das Essen wirklich zu essen, überrascht kaum. Beliebt sind pinke Donuts, Cookies oder quitschbunte Cocktails. Es geht nur noch um den perfekt inszenierten „Schnappschuss“ – stundenlang gestellt und danach stundenlang bearbeitet. Über dem ganzen Leben liegen weichzeichnende Filter, die es alles viel schöner wirken lassen, als es eigentlich ist.

Ersetzt das virtuelle Leben das Reale? Ne, die Frage ist falsch. Denn wir leben ja immer real – 24 Stunden. Wir sitzen in unseren Wohnzimmern, in Zügen, aber würden uns so gerne wie Pokemons in andere, edelere Interiors beamen. Das machen wir halt online. Deswegen besser gefra20131111-113814.jpggt: nimmt man bei seinem realen Leben Einbußen in Kauf, damit das virtuelle Leben schöner aussieht? Und da seh ich momentan ein klares Ja. Statt den Sonnenuntergang am Cafe den Mar zu geniessen, wird hektisch nach der besten Fotoposition gesucht und Freunde und Fremde genervt, die Teil der Inszenierung sein sollen, oder eben nicht. Da werden schon mal harmlose Passanten aus dem Bild gescheucht, als ob die kein Recht hätten, dort zu stehen. Da müssen Freunde 20 Mal ins Foto jubeln, bis jeder Schmollmund garantiert sitzt.  Parties werden nicht mehr gefeiert, sondern das Feiern fürs Foto  inszeniert, danach herrscht wieder Langeweile, bis man sich mit dem Trinkspiel Loopin‘ Louie abschiessen kann…Auf Konzerten wird nicht auf das Geschehen derauf der Bühne geachtet, wirklich mitgesungen, gefeiert und getanzt, weil man die Musik udn den Sänger besser auf Video festhält als im eigenen Kopf. 100 Euro für eine Karte ausgeben und das Ergebnis sieht man dann irgendwann funzelig klein auf dem Winzbildschirm? Wie armselig ist denn bitte das?  Beziehungen werden auf dem Foto fett gefeiert, mit Hashtags #bae #myman #bestmanever #loveofmylife um sich dann dann 5 Minuten später, wenn die Kamera weggelegt wird, auf Tinder wen zu suchen, der vielleicht noch viel besser ins Bild passt. Hauptsache, das Außenbild stimmt. Läufer rennen 5 Meter im teuren Outfit, machen dann ein Selfie und lassen sich als Übersportler feiern „Horst hat 450 Meter mit Runtastic absolviert“ Yeah. Peinlich. Was ich so höre, lacht die richtige Sportcommunity sehr über solche Poser. Es werden Selfies mit Promis gemacht, die man nicht kennt und dennoch so tun möchte, als ob die zum eigenen Leben gehören. „Mit meinem Kumpel Johnny D. auf Tour“ .

Witzigerweise geht es nicht mal mehr bei Make Up darum, real gut auszusehen. Viele der derzeitigen Bestseller wie die Abtönfarben zum „Contouring“ oder „Strobing“ verwandeln die Trägerin bei normalem Tageslicht in eine grobporige Schaufensterpuppe, so unnatürlich wirkt das. Diese Art Make up stammte einst aus dem Geheimkasten von Make up-Artists, die Menschen für Film oder Scheinwerferlicht schminken mussten. Wirkt real wie ein Clown, nur im grellen Kunstlicht natürlich. Mal abgesehen davon, dass man das können muss. (und viele Mädchen, die ich so in der Stadt herumlaufen sehe, können es nicht)  Aber jetzt werden die Spezialteile mit dem Slogan „Be Selfie Ready“ vermarktet. Die Optik auf dem Foto ist wichtiger als die Optik im Realen. Und damit sind wir schon ziemlich weit in Gagaland.

Irgendwie finde ich es nur noch traurig…Übertreibe ich? Oder wie sehr ihr das?

9 comments

  1. Vollkommen richtig beobachtet. Das Ganze wird dann von solchen Menschen noch getoppt, dass sie, kaum dass sie die Bilder endlich in die entsprechenden Kanäle gestreut haben, im Minutentakt die Views/Likes etc. zählen und stinksauer sind, wenn ihr Bild nicht die erwartete Beachtung findet. Oder einer sogar nen blöden Kommentar drunter setzt.
    Es gibt viele Arten, sich sei Abendessen, den Urlaub, die Party, das Straßenfest… zu versauen. Das ist wohl die angesagteste und effektivste.

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  2. Wenn es der Trulla wichtiger ist, dass sie ihr Essen fotografieren kann, als dass der Geschmack gut war, dann hat sie einen an der Waffel.
    Sowas ist für mich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, induziert durch „soziale“ Netzwerke.
    Ich schreib ja das sozial im Zusammenhang mit Netzwerken immer in Anführungszeichen. Selbstdarstellungsplattformen wäre wohl ein passenderer Begriff.

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  3. Deine Gedanken erheitern mich. Viel zu oft schon habe ich Blogger und Instagram-Mädels vor dem gefüllten Teller verhungern sehen. Hauptsache, das Foto „sitzt“ und die Community jubelt. Was für ein Bullshit! Als Foodie werde ich oft auf Events eingeladen und erkläre den Gastgebern jedes Mal aufs Neue, das ich zwar auch Fotos für unser Blogzine mache, aber das Event nicht live auf Instagram bringe. Als Genussmensch möchte ich mich nämlich auf das Essen konzentrieren. Mit den daraufhin folgenden spitzen Entsetzensschreien der „Happy Digital Life People“ kann ich leben.

    Welchem normalen Menschen macht es Spaß, wenn die Getränke und das Essen kalt werden? Noch schlimmer finde ich die Leute, die sich vor und mit kalorienreichem Essen fotografieren und dann das Lokal verlassen, ohne auch nur einen Bissen probiert zu haben. In anderen Ländern sterben Menschen an Unterernährung – ekelhaft! Spätestens hier greifen reales und „soziales“ Leben auf eine absurde Weise ineinander, die ich nicht anders als abstoßend empfinden kann. So möchte ich nie werden!

    Es freut mich, dass du meine Meinung teilst – oder ich die deine – und das viele deiner Leser das ähnlich seheh. Ich werde deinen Artikel gleich auf Twitter teilen und damit hoffentlich den einen oder anderen zum Nachdenken anregen.

    XOXO

    Sissi

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  4. Mir tun die Menschen leid, die sich nur noch über die sozialen Medien definieren können. Ist ihr Selbstbewusstsein davon abhängig wie viele Likes sie bekommen für ein Erdbeereis? Herr im Himmel wie gestört ist diese Welt langsam????

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  5. „Ziemlich weit in Gaga-Land“ – sehr schön gesagt! Mir ist, damals allerdings nur in Bezug auf Selfies, letztes Jahr auch mal der Kragen geplatzt: https://ichtuwasichkann.de/selfie-manie/… Ich gebe zu, ich fotografiere auch das Essen, das ich koche, aber nur für meinen wöchentlichen Küchenkalender. Und es kommt trotzdem immer warm auf den Tisch! Schließlich bin ich ja vom Bildbearbeitungs-Fach und kann nachbessern. 😉

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