Dabeisein ist alles: Vereinsmeierei in der Netzwelt

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Die Netzcommunity kann sehr sauer werden, wenn wer auschert.

Wenn ich in der realen Welt einer bestimmten Gruppe angehöre oder angehören möchte, dann kann ich das sichtbar machen: die Hells Angels haben ihre Aufnäher, die Piraten ihre orangen Sweatshirts mit Nerdaufdrucken, die Gewerkschaft rote Nelken und Trachtler ihre Tracht. Aber wie zeige ich im Internet, dass ich einem bestimmten Club angehöre oder angehören möchte? Klar, man kann sich eine Fahne oder einen Sticker ins Profilbild machen, aber das ist nicht so aussagekräftig wie im Realen, wo man die Leute mit dem Aufnäher kennt, weil sie sich den Aufnäher oder das Nerd-Shirt erst verdienen müssen. In der virtuellen Welt gehört man dann in einen Club, wenn man die Meinungen dieses Clubs möglichst heftig vertritt und verteidigt. Je lauter und schriller, desto besser. Wer also im Netz eine Heimat gefunden hat, eine Gruppe, bei der er andocken möchte, dann muss er oder sie sich ganz und gar deren Meinung zu eigen machen. Da sind viele Gruppen sehr eigen.

Die kleinste Abweichung vom Weg, den der innere Kern der Gruppe festgelegt hat, wird mit Schmutzwurf und Verbannung und Ächtung durch die Gruppe bestraft. Bekämpft werden nicht die, die nur zu 20 Prozent deiner Meinung sind, sondern die, die deine Meinung zu 90 Prozent teilen und denen die 10 Prozent Abweichung ausgetrieben werden soll. Das ist immer wieder zu beobachten, vor allem Randgruppen aller Couleur sind da ganz vorne mit dabei. Die Piraten mußten und müssen immer wieder durch diese Art Shitstorm, bei dem Abweichungen von der reinen Lehre (was immer auch immer die sein mag) mit wildem Gebrüll bekämpft werden.

Eins der letzten „Opfer“ dieses seltsamen Gebahrens ist eine recht erfolgreiche Bloggerin und Autorin, erzählmirnix. Die Gute malt kleine, witzige Cartoons zu vielen Themen, aber auch Dingen wie Feminismus, Selbstbild von Dicken etc – nicht ohne Grund: sie hat von 150 Kilo auf Normalgewicht abgespeckt und über all den Irrsinn, der über Diäten erzählt wird, ein Buch geschrieben. Ein sehr Gutes, wie ich finde. In dem Buch steht auch, dass es eben nicht gesund ist, gewisse Werte auf der Waage zu überschreiten. Damit ist sie zweimal bei zwei sehr aggressiven Clubs rausgeflogen. Zum einen der Gemeinschaft der Dicken, zum anderen bei dem Club derer, die „Fett, aber glücklich“ propagieren. Dafür hat die Frau schon viel Häme einstecken müssen. Und jetzt hat sie eine neue Feindestruppe, die sie schon seit dem Buch auf dem Kieker hat. „Netzfeministinnen“, die sie beschuldigen, „Fatshaming“ zu betreiben und „Antifeministisch“ zu sein. Das bedeutet, dass man nicht sagen darf, dass es vielleicht nicht ganz so okay ist, 150 Kilo zu wiegen. Oder, dass Netzfeministen auch mal Blödsinn* schreiben.

Hört sich lächerlich an? Ist es auch. Und ein „wunderbares“ Beispiel dafür, wie Ausgrenzung, Hetze und Krawall im Netz funktioniert. Das Netz kann nett sein, aber es kann auch widerlich werden, wenn wer ausbricht aus den Standards, die andere für ihn gesetzt haben. Da werden anonyme Listen verbreitet, Leute aufgehetzt ohne Sinn und Verstand und von durchaus prominenten Teilnehmern der sozialen Netzwerke regelrechte Hateweets verbreitet – aber auf die Frage nach Begründungen kommt eisiges Schweigen. Weil für die alle klar ist: da hat wer eine andere Meinung gehabt als die Core-Opinionleader, ja klar ist das eine Sauerei. Denn wer nur einen Glaubenssatz der Community in Frage stellt, stellt alles in Frage. Blanker Irrsinn. So viel Unfehlbarkeit beansprucht nicht mal der Papst. Der ist nur bei „ex cathedra“Aussagen unfehlbar, nicht im täglichen Gespräch. Aber die Online-Päpste sehr wohl. Das ist in jeder Onlineszene so. Bei den Müttern, bei den Applejüngern, den Impfgegnern, den Piraten…

Die Rädelsführer sind radikal, weil sie nur mit extremen Ansichten sich von der Masse absetzen. Die  Anhänger sind deswegen so radikal im Folgen ihrer Gurus, weil sie nur so beweisen können, dass sie wert sind, in der Gruppe zu bleiben zu dürfen, oder sogar in den inneren Circle aufzusteigen. Die Rädelsführer sind ohne den gläubigen und treuen Schwarm nichts. So bedingt sich die gegenseitige Abhängigkeit, die auch Freundschaften bestärkt und die Bande besiegelt. Es ist ja nicht nur schlecht, wenn sich Menschen mit gleichen Interessen zusammenfinden. Nur sollte es nie so weit kommen, dass bedingungsloser Gehorsam und sektenhafte Treue gefordert werden…

*Was eher häufiger als seltener der Fall ist, leider. Eine Gruppe, denen GIFs als Argumente dienen, die sich als Daueropfer verstehen und auch sonst eine meist recht freudlose Weltsicht pflegen. Ich sage leider, weil ich der Meinung bin, wir brauchen Feminismus. Aber bitte keinen derartig kindischen und verheulten MiMiMi-Kram, dessen Verfechterinnen sich wie Kampfhunde auf alles stürzen, was nicht ihren Ideen von Feminismus entspricht.

5 comments

  1. Klasse Artikel. Es scheint wirklich schwer geworden zu sein, zu Themen eine entweder moderate oder dem allgemeinen Zeitgeist entgegengesetzte Meinung zu haben (was in den meisten Fällig lediglich hieße, eine moderate Sicht auf die Dinge zu haben)…belassen wir es dabei, dass man heute kaum mehr eine ausgewogene Meinung haben kann, ohne dafür kritisiert zu werden.
    Das liegt wohl auch an der fehlenden Fähigkeit zur Selbstkritik.

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  2. Auch von mir: klasse Artikel. Mir fällt noch ein:
    Ich habe immer das Gefühl, daß es auch etwas sektenartiges hat mit diesen Cliquen – man schottet sich nach außen ab, Einwände/Kritik von Außenstehenden werden geblockt/ignoriert, und wer abfällt kommt in die Hölle. Es ist ein Glaube.. der nicht belegt werden muß und nicht kritisiert werden darf.

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  3. „Nur sollte es nie so weit kommen, dass bedingungsloser Gehorsam und sektenhafte Treue gefordert werden…“
    This.

    Ich find’s auch einfach nur total gruselig, was da abgeht und wie die Diskussionen (nicht) geführt werden und hab gestern zum gleichen Thema was geschrieben ( https://hirngefickt.wordpress.com/2015/10/19/von-diskriminierung-comics-und-gegenseitiger-zerfleischung/ ).

    Das Gute daran ist: Es zeigt sich, wie’s um die Sozialkompetenz diverser Personen so bestellt ist. Und davon einen Eindruck zu haben, kann ja nicht schaden.

    Gefällt 3 Personen

  4. Im intersektionalen Genderfeminismus wird die Gruppendynamik ja auch noch dadurch besonders angeheizt, weil diese Theorien vorsehen, dass man die Privilegien hinterfragen und sich mit der Opfergruppe bedingungslos solidarisieren muss. In der Logik dieser Theorien ist alles andere ein Beitrag zur Unterdrückung der Opfergruppe und eine Verletzung von deren Rechten.
    Damit muss man die Vorhalte bei Erzählmirnix gegen Dicke (auch wenn sie wissenschaflicht belegt sind und denen so gesehen nur helfen) eben verurteilen und darf ihr keinen Raum geben, ansonsten ist man selbst ein Unterdrücker

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