Selfservice – warum lassen wir uns das gefallen?

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Anstehen für den Edelhamburger im Whats Beef?

Kann sich wer an das Buch „Momo“ erinnern? Das Mädchen schläft ein Jahr, um das Geheimnis der Zeit zu erfahren, währenddessen ändert sich die Welt um sie herum, die zeitfressenden grauen Herren übernehmen die Macht. Aus dem kleinen Restaurant ihres Kumpels, in dem die Leute nächtelang zusammensassen,  wird ein Selbstbedienungslokal, seelenlos und ungemütlich.  Und die grauen Herren scheinen wieder sehr aktiv zu sein derzeit. Denn Selbstbedienung liegt im Trend. Angeregt vom treffenden Beitrag von Mama Notes hab ich heute darüber nachgedacht – ja, stimmt eigentlich, Selbstbedienung greift immer mehr um sich. Wann hat das eigentlich angefangen – und warum?

Klar ist, so alt ist das Konzept noch nicht. Anfang des 19 Jahrhunderts entwickelten sich „Cafeterias“, in denen Arbeiter, denen normale Lokale zu teuer war, sich selbst Dinge vom Tresen nehmen konnten und an einer Kasse zahlen. Das Konzept kennen wir heutzutage vor allem aus Kantinen. McDonald hat in den 50er Jahren das System weiter entwickelt und Restaurants geschaffen, bei denen man anstehen muste, bevor man sich setzte und seine Mahlzeit verzehrte. Mit diesen beiden Beispielen haben wir schon die Vorteile, für die diese Lokale mal standen: schnell, praktisch, günstig.

Auch in anderen Ländern gibt es immer mehr "To Go" hier auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv
Auch in anderen Ländern gibt es immer mehr „To Go“ hier auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv

Aber wieso greift das Selbstbedienungskonzept auch da um sich, wo Leute sich eigentlich gemütlich niedersetzen wollen zum Essen? In den gehobenen Hamburgerläden ist das Anstehen genauso Pflicht wie bei McDonalds. Bei Vapiano steht man an und bei den Kaimug- oder Dean &David-Läden. Abholen muss man sich sein Essen auch. In den Cafes der Innenstadt, sei es Woytton, Starbucks oder die kleinen Cupcake-Läden: Bestellt muss an der Theke werden. Das ist in vieler Hinsicht wiedersinnig, denn die Läden sind weder billig noch deren Konzept auf extreme Schnelligkeit ausgelegt. Oder?

Für den Gastronomen liegt der Vorteil auf der Hand: Weniger Bedienpersonal, schneller Wechsel am Tisch, dadurch mehr Umsatz. Auch wenn bei manchen in dieser Athmo der zweite Wein oder Dessert und Kaffee ausfallen.

Aber warum machen wir Konsumenten das bereitwillig mit? Für uns hat es kaum Vorteile. Wir müssen anstehen, oft getrennt, weil sonst niemand auf Zeug und Plätze aufpassen kann, wir müssen schnell entscheiden, was wir wollen, statt gemütlich die Speisekarte lesen zu können, wir müssen mit einem schweren Tablett durch den Raum balancieren, es herrscht eine beständige Unruhe im Raum, weil dauernd jemand ansteht oder mit dem Tablett rumwuselt, wir bekommen oft das Essen zu unterschiedlichen Zeiten. Sind wir mit dem Essen fertig, könnten wir auch gleich gehen, weil niemand fragt, „wollt ihr noch was?“ sondern das Anstehen begänne von vorn. Dann lieber in die Bar ums Eck.

Ich persönlich glaube, diese Art Essen kommt aus der gesamten „To Go“ Kultur. „To Go“ -Unkultur wäre besser. Immer alles schnell, schnell, immer alles unter Kontrolle, keine Zeit verschwenden. Ist doch viel hipper und cooler so. Irgendwie urbaner. Sitzenbleiben hat so was Dörfliches. Stammtischhaftes – so scheinen viele zu denken. Ich denke nicht so. Ich überrede auch immer die Kollegen, nicht hektisch am Schreibtisch zu essen, sondern lieber mal den Kopf frei zu bekommen und ins Lokal gegenüber zu gehen.

Wenn sich alle den Kaffee mitnehmen, sind die, die im Lokal sitzenbleiben, vermutlich nur noch irrelevanter Beifang. Und weil wir so schön dran gewöhnt sind, greift das Konzept eben auch bei der Abendgestaltung. Aber wie kann man Zeit verschwenden, wenn man mit Freunden beim Essen sitzt? Mit der Freundin im Cafe? Ist das nicht die beste Zeit von allen, das Wichtigste, was man tun kann im Leben? Warum lassen wir uns diese wertvolle, wundervolle Zeit beschneiden? Wie seht ihr das?

 

4 Kommentare

  1. Anstehen ist schon da schlimm genug, wo es nicht zu vermeiden ist …
    In der Zeit, ich der ich irgendwo hin fahre/gehe, anstehe und mich selbst bekellnere, kriege ich schon ein selbstgekochtes Essen hin. Also lohnt sich das für mich nicht, solange ich eine Wahl habe.
    Zuhause dann noch lieber Pizzaservice, sowas geht gar nicht …
    Und unterwegs will ich erst recht nicht rumrödeln und anstehen müssen, sondern brauche die Pause. Wenns dann noch nicht mal billig ist, sorry, was soll das?

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  2. Ich glaube diese „to go“ Kultur ist cool, kult geworden. Wer sich mit seinem Kaffeebecher und Tütchen in einer Großstadt auf dem Gehsteig zeigt ist mindestens so cool wie die passenden Stars aus den Filmen. Die Person signalisiert damit, sie ist beschäftigt, sie hat es eilig, sie ist gefragt. In meiner Zeit in der IT Branche gab es ein Team, das machte regelmäßig Nachtschichten. Wenn Du dich mit den Leuten unterhalten hast, war klar, die waren stolz darauf – es gehörte zu der „ich gebe alles“ Mentalität, mit fachlicher Notwendigkeit hatte dies meist wenig zu tun. Desto mehr Nachtschichten desto wichtiger…. Und ja all diese Menschen haben auch keine Zeit mehr für Freunde, das sind die, die auch noch das Mobiltelefon auf dem Tisch liegen haben und 24h Erreichbarkeit signalisieren. Zu meinen Freunden sind diese Menschen nie geworden sondern Kollegen geblieben. Da Lob ich mir doch die Wiener Kaffeehauskultur, eine Buchhandlung mit Sitzgelegenheit zum schmökern, das kleine Bistro am Eck, der Spaziergang am Rhein oder mit Freunden zusammen Kochen. Also die obigen Restaurants…. nein, nicht für mich geeignet….

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